«Wir arbeiten weniger als je zuvor – und sind ausgebrannter denn je»
Frau Schenker, sind Sie kategorisch gegen die Vier-Tage-Woche?
Michaela Schenker: Nein. Gegen weniger Arbeitsstunden habe ich nichts einzuwenden. Mehr freie Zeit ist etwas Schönes, und kaum jemand sagt Nein dazu, einen Tag pro Woche weniger zu arbeiten. Was ich kritisiere, ist das Versprechen, dass die Vier-Tage-Woche Burnout verhindere. Denn das setzt voraus, dass Burnout durch zu viele Arbeitsstunden entsteht.
Ist das denn nicht so?
Nein, denn tatsächlich hängt Erschöpfung nicht an der Arbeitszeit, sondern daran, wie diese Zeit empfunden wird, und davon, wie viel Stress dabei über den ganzen Tag hinweg entsteht. Und solchen Stress erzeugt auch das private Umfeld und der übrige Alltag. Mag sein, dass ich bei einer kürzeren Arbeitswoche vielleicht weniger unter Druck stehe. Nur lautet die Idee meistens anders: 100 Prozent Leistung in 80 Prozent der Zeit. Wer ohnehin perfektionistisch veranlagt ist und hohe Ansprüche an sich hat, setzt sich damit noch stärker unter Druck als zuvor. Eine bessere Work-Life-Balance bedeutet also nicht automatisch geringere Erwartungen.
Arbeiten wir denn nicht zu viel?
Betrachten wir doch die Fakten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Deutschland ist seit 1991 von 38,4 auf 34,3 Stunden gesunken – ein Rückgang von 11 Prozent in drei Jahrzehnten. Ein deutscher Beschäftigter arbeitet rund 40 Prozent weniger im Jahr als ein mexikanischer. Dem stehen die psychisch bedingten Fehltage gegenüber: Allein in den letzten zehn Jahren sind sie um 52 Prozent gestiegen – obwohl die Arbeitszeit in den Jahrzehnten davor stetig gesunken war. Im Jahr 2024 verzeichnete die DAK einen neuen Höchststand: 342 Fehltage je 100 Beschäftigte wegen psychischer Erkrankungen.
Die Zahlen, die Sie anführen stammen aus Deutschland, wo ohnehin weniger gearbeitet wird als in der Schweiz. Sind sie überhaupt auf die Schweiz übertragbar?
Ja, das denke ich schon. Deutschland und die Schweiz sind durchaus vergleichbar, und der Mechanismus, um den es geht, ist in Bern derselbe wie in Berlin. In der Schweiz wird sogar mehr gearbeitet als in Deutschland. Wären die Stunden der entscheidende Faktor, müsste die Schweiz also schlechter dastehen. Tut sie aber nicht. Auch die Schweizer Zahlen sprechen indes für sich: Laut dem Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz fühlten sich zuletzt 30,3 Prozent der Erwerbstätigen emotional erschöpft, erstmals über der 30-Prozent-Marke, bei Kosten von rund 6,5 Milliarden Franken. Die Erschöpfung steigt seit Jahren, die Arbeitszeit nicht. Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber eindeutig: Wir arbeiten weniger als je zuvor – und sind ausgebrannter denn je.
Es gibt allerdings mehrere Studien zur Wirksamkeit der Vier-Tage-Woche. Beim vielzitierten Modellversuch in Island zwischen 2015 und 2019 etwa berichteten die Beteiligten von spürbar weniger Stress. Spricht das nicht für die Vier-Tage-Woche als Mittel gegen Burnout?
Island ist das meistzitierte Beispiel überhaupt. Nur war es gar keine Vier-Tage-Woche. Bei 61 der 66 beteiligten Organisationen wurde die Wochenarbeitszeit lediglich um ein bis drei Stunden gesenkt und das ausschliesslich im öffentlichen Sektor. Das ist eine leichte Arbeitszeitverkürzung bei Behörden, kein neues Wochenmodell. Trotzdem wird der Fall überall als Beleg für die Vier-Tage-Woche angeführt.
Auch eine grosse Studie in Grossbritannien 2022 berichtete von einer deutlich verbesserten Work-Life-Balance, 71 Prozent der Befragten sprachen von weniger Burnout. Überzeugt Sie das nicht?
Das klingt eindrucksvoll. Was die Schlagzeilen weglassen: Die Studie wurde von «4 Day Week Global» mitorganisiert, also von jener Organisation, die das Modell aktiv vermarktet. Teilgenommen haben ausschliesslich Firmen, die sich dafür beworben hatten. Es waren also Betriebe, die das ohnehin wollten, die genügend Spielraum dafür hatten und bei denen die Kultur schon vorher stimmte. Aus einer solchen Gruppe lässt sich kaum ableiten, was mit allen anderen geschehen würde. Pflege, Industrie und Gastronomie – ausgerechnet die Branchen mit den höchsten Erschöpfungsraten – waren kaum vertreten. Das gilt übrigens für all diese Pilotprojekte.
Und wie sehen Sie das Pilotprojekt der Universität Münster aus dem Jahr 2024?
Dort stieg die Lebenszufriedenheit deutlich, vor allem durch die gewonnene Freizeit, und auch beim Stressempfinden gab es klare Verbesserungen. Bei den Krankentagen zeigte sich ein leichter Rückgang, allerdings so gering, dass er auch Zufall sein kann. Zudem sind rund 20 Prozent der Organisationen wieder zur Fünf-Tage-Woche zurückgekehrt. Das ist genau das Bild, das ich erwarten würde: Die empfundene Entlastung ist echt, auf der gesundheitlichen Ebene passiert dagegen wenig. Ein starkes Argument für mehr Freizeit also, aber kein Beleg für Burnout-Prävention.
Wie stehen eigentlich die Unternehmen selbst zu einer verpflichtenden Vier-Tage-Woche?
Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat dazu Firmen befragt: 94 Prozent rechnen mit Wertschöpfungsverlusten, sollte die Vier-Tage-Woche verpflichtend werden. Und das in einer Zeit, in der allein der Fachkräftemangel 49 Milliarden Euro an Produktionspotenzial kostet.
Sie sagen, das Modell der Vier-Tage-Woche lasse sich ausgerechnet in jenen Branchen, in denen die Erschöpfung am grössten ist, strukturell nicht umsetzen, also in der Pflege, der Gastronomie oder der Industrie. Warum nicht?
Für alle, die vor Ort und körperlich arbeiten, im ganzen personennahen Dienstleistungsbereich, wäre eine Vier-Tage-Woche sicher entlastend, denn dort kann die Arbeit nicht einfach liegengelassen werden, die Patientinnen und Gäste sind ja weiterhin da. Nur: Wer würde das bezahlen? Ich glaube daher, das wird keine Realität werden. Man male sich nur aus, was das etwa für einen 24-Stunden-Spitalbetrieb finanziell bedeuten würde. Und selbst wenn es umgesetzt würde: In der «Wissensarbeit» lässt sich Zeit gewinnen, indem man Sitzungen streicht und Prozesse verschlankt. Deshalb funktionieren die Pilotprojekte dort auch. In der Pflege gibt es dagegen nur zwei Optionen: mehr Personal oder dieselbe Arbeit in weniger Stunden. Personal ist keines vorhanden, das ist ja gerade der Ausgangspunkt. Bleibt die Verdichtung. Und Verdichtung ist hier wegen der zeitlichen Präsenz nur begrenzt möglich. Das Modell funktioniert also ausgerechnet dort am besten, wo die Erschöpfung eher geringer ist.
Wie gestresst wir sind, hänge nicht in erster Linie davon ab, wie viele Stunden wir arbeiten, behaupten Sie. Es handle sich um einen Denkfehler. Wovon hängt es denn ab, wie gestresst wir sind?
In der Tat lautet die Frage, die sich unsere Gesellschaft stellen muss, nicht, wie viele Tage wir arbeiten. Sie lautet: Warum können so viele Menschen in einer Zeit, in der wir weniger arbeiten als je zuvor, nicht mehr abschalten? Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und daraus Glaubenssätze und Verhaltensmuster gebildet. Diese Glaubenssätze und Muster bestimmen, wie wir die Welt sehen, und damit auch, was uns automatisch stresst. Man kann sich das wie Alarmknöpfe vorstellen: Zu einem bestimmten Thema ist im Gehirn ein solcher Knopf hinterlegt, oder eben nicht. Ist er vorhanden, wird er gedrückt, sobald die passende Situation auftaucht, und es vergeht keine Sekunde, bis die Stresshormone im Blut sind. Fehlt er, passiert bei genau derselben Situation gar nichts.
Das läuft komplett unbewusst ab?
Ja. Die Stressreaktion braucht nur 0,3 bis 0,5 Sekunden. Zuständig dafür ist die Amygdala, ein kleiner Bereich tief im Gehirn, der wie eine Alarmzentrale arbeitet. Sie bewertet, ob etwas gefährlich ist, und zwar noch bevor jener Teil des Gehirns eingeschaltet ist, mit dem wir bewusst denken und abwägen. Man kann also gar nicht selbst entscheiden, was einen stresst. Es genügt sogar, an etwas zu denken, das einem Sorgen macht: Der Körper reagiert, als geschähe es gerade jetzt, obwohl man es sich nur vorstellt.
Und je perfektionistischer jemand ist, desto häufiger passiert das?
Genau. Wer perfektionistisch ist oder es allen recht machen möchte, löst häufiger Stress aus, weil er den eigenen, sehr hohen Ansprüchen nie genügt. Und diese Ansprüche laufen automatisch ab, man kann sie nicht einfach herunterschrauben. Es nützt auch nichts, sich zu sagen: Es reicht jetzt, hör auf. Vielleicht gelingt einem das Aufhören sogar. Doch dann meldet sich das schlechte Gewissen, weil man es ja hätte besser machen können, und das erzeugt erneut Stress. Hinzu kommt, dass heutzutage die Anforderungen von aussen, im Beruf wie im Privaten, ständig steigen und alles schneller wird. Neues zu lernen fällt vielen ohnehin nicht leicht. Aber nicht zu wissen, ob man morgen den Job noch hat, ist oft kaum auszuhalten, und zwar unabhängig davon, ob der Job wirklich in Gefahr ist oder nicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Wir wollen wissen, wo unser Platz ist. Ungewissheit war für unsere Vorfahren ein Warnzeichen, und das steckt bis heute in uns.
Aber es gibt doch Menschen, die wirklich einen zu hohen Workload haben, oder die aus einem anderen Grund unter hohem Stress stehen, etwa durch Konflikte oder Mobbing?
Natürlich. Fast alle haben auch objektiv einen sehr hohen Workload oder andere herausfordernde Situationen im Leben. Dazu können Krisen, Konflikte oder Mobbing gehören. Wir behaupten nicht, Stress sei eingebildet. Stress ist immer real, und der Körper reagiert entsprechend: Schweissausbrüche, hoher Puls, Magenbrennen, Schlaflosigkeit und so weiter. Doch der Mechanismus, über den Stress ausgelöst wird, ist immer derselbe. Denn das Gehirn kann nicht unterscheiden, ob eine Situation tatsächlich überfordernd ist oder ob der Stress daher rührt, dass man sich selbst unter Druck setzt. Meistens ist es ohnehin eine Mischung aus beidem.
Ein freier Tag löst das Problem also nicht?
Nein, weder ein freier Tag noch ein Jobwechsel lösen das Problem. Der Auslöser ist zwar die Situation, die Ursache aber ist ihre innere Bewertung, und die nimmt man überallhin mit. Deshalb sieht man es ständig: Jemand gibt die Führungsfunktion ab und ist trotzdem nicht weniger gestresst; jemand wechselt den Job und steht nach vier Monaten wieder am selben Punkt.
Es gibt ja auch viele Leute, die ausgerechnet in den Ferien krank werden.
Dafür gibt es sogar einen Namen: Leisure Sickness, zu Deutsch Freizeitkrankheit. Der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets hat bereits 2002 beschrieben, dass stark belastete Menschen ausgerechnet an freien Tagen mit Kopfschmerzen, Erschöpfung und Übelkeit reagieren. Risikofaktor Nummer eins ist die Unfähigkeit abzuschalten. Ein freier Freitag löst das nicht. Das Kopfkino läuft dann einfach weiter.
Sie sagen, unser Gehirn behandle «die Bedrohung» durch eine kritische E-Mail oder eine enge Deadline neurologisch gleich wie jene durch einen Säbelzahntiger. Ist das nicht etwas übertrieben?
Nicht, wenn das Gehirn den Reiz als Bedrohung einstuft. Dann läuft körperlich exakt dasselbe ab: Der Reiz kommt an, wird bewertet, die Alarmzentrale schlägt an, Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, der Puls steigt. Der Teil des Gehirns, mit dem wir denken und Situationen einordnen, hat sich in den letzten zehntausend Jahren weiterentwickelt, die Alarmzentrale nicht. Sie ist evolutionär praktisch unverändert geblieben.
Aber ein Tiger ist ein Tiger!
Ja. Der entscheidende Unterschied zwischen früher und heute liegt woanders: Der Säbelzahntiger war nach zwanzig Minuten weg – oder man selbst. Danach kam Erholung. Die E-Mail dagegen bleibt im Posteingang, das Gespräch am Montag ist längst terminiert, und das Handy liegt neben dem Bett. Nicht die Intensität ist das Problem, sondern dass es kein Ende gibt, weil immer wieder ein neuer «Säbelzahntiger» auftaucht. Das erschöpft massiv und zehrt an allen Reserven.
Das klingt nicht gut.
Ja, mit der Zeit erschöpft das auch körperlich. Hinzu kommt folgender Mechanismus: In Stresssituationen schüttet der Körper Endorphine (Glückshormone) aus, körpereigene Stoffe, die Schmerz dämpfen und die Stimmung stützen. Evolutionär sorgen sie dafür, dass wir im Kampf oder auf der Flucht den Schmerz nicht spüren und handlungsfähig bleiben. Bei Dauerstress funktioniert dieses System aber nicht mehr richtig. Und genau das beschreiben die Betroffenen dann: Alles fühlt sich matt und sinnlos an, man hat an nichts mehr Freude, man mag niemanden mehr treffen. Was früher Energie gegeben hat, kostet nun Energie. Es fehlt schlicht der Treibstoff. Beim Cortisol ist es ähnlich: Der Rhythmus kommt aus dem Takt, morgens fehlt es dann oft dort, wo man es eigentlich bräuchte. Und das spürt man: zu früh wach, nervös, mit Angst schon vor dem Aufstehen.
Sport soll ja helfen, Stresshormone abzubauen.
Das tut er auch. Aber wenn man gar nicht mehr zur Ruhe kommt, reicht es nicht mehr aus, um alle überschüssigen Stresshormone im Blut laufend abzubauen. Es ist wie bei einer Feuerwehr, die pausenlos löschen muss: Irgendwann hat sie einfach kein Wasser mehr.
Wie können wir denn verhindern, dass unsere Amygdala ständig Stressreaktionen auslöst?
Man kann sich nicht bewusst dafür entscheiden, ob etwas stresst. Die Hormone sind längst im Blut, bevor der Gedanke überhaupt da ist. Atemtechnik, Spaziergang, Pause: Das hilft, mit bereits entstandenem Stress umzugehen, verhindert ihn aber nicht. Nachhaltig verändern lässt sich das nur, wenn sich die unbewusste Bewertung ändert. Man muss also dort ansetzen, wo diese Bewertungen entstehen.
Ist es möglich, dass wir längst permanent gestresst sind, es aber selbst gar nicht bemerken, etwa weil wir die Symptome falsch deuten oder verdrängen? Wie erkennen wir zuverlässig, dass wir zu gestresst sind?
Häufig leider nicht, weil es langsam zur «Normalität» wird. Es passiert ja nicht von heute auf morgen. Die meisten Menschen überschätzen ihre Widerstandskraft deshalb massiv, weil sie weiter funktionieren und weiter leisten. Doch es ist eine Gratwanderung: Wir sehen immer wieder, dass in dieser Phase keinerlei Pufferzone mehr bleibt für zusätzliche Belastungen: eine Kündigung, die Geburt eines Kindes, ein Konflikt, eine Umstrukturierung im Betrieb und so weiter.
Aber welche Symptome treten dann auf?
Es gibt verlässliche Anzeichen: Kann ich abends und am Wochenende abschalten? Kann ich die Freizeit geniessen, oder werde ich sofort innerlich unruhig, wenn einmal «nichts ist»? Kann ich mich in den Ferien entspannen? Arbeite ich mehr Stunden als früher, bringe aber weniger Leistung und mache mehr Flüchtigkeitsfehler? Dazu kommt dieses Gefühl, nur noch zu funktionieren: Ich bin nicht mehr ich. Das sagen praktisch alle. Und Panikattacken sind übrigens kein Frühwarnzeichen, sie sind bereits die Handbremse. Und wenn man nicht mehr abschalten und sich nicht mehr von den Gedankenkarussellen lösen kann, dann ist es höchste Zeit zu handeln.
Oft heisst es, man brauche mehr Resilienz, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Aber ist es nicht so, dass man diese Resilienz einfach hat – oder eben nicht?
Nein, das ist nach unserer Erfahrung keine feste Grösse. Die Definition lautet: die Fähigkeit, Stress, Krisen und schwierige Lebensumstände zu bewältigen, ohne psychisch daran zu zerbrechen. Ich stelle es mir wie das Meer vor. Die Wellen kommen, ob man will oder nicht, sie lassen sich nicht abstellen, so wenig wie die Welt da draussen, die heute in jeder Sekunde Flexibilität verlangt. Resilienz heisst dann nicht, sich einfach hinzustellen und jede Welle über sich zusammenschlagen zu lassen. Sie heisst aber auch nicht, gar nicht mehr ins Wasser zu gehen oder sich einzureden, die nächste Welle werde schon klein ausfallen. Denn das trägt nur, solange nichts Unerwartetes kommt.
Wann zeigt sie sich?
Nicht, wenn alles rundläuft, und auch nicht, wenn man den Herausforderungen ausweicht. Sie zeigt sich in den Momenten, in denen es schwierig wird. Viele halten sich für resilient, nur weil gerade alles super läuft und nichts schiefgeht. Wirklich resilient ist man erst, wenn man damit umgehen kann, dass es anders kommt als geplant, oder dass man gar nicht weiss, was kommt. Im Kleinen wie im Grossen. Die äusseren Umstände können wir nicht verändern. Aber wir können verändern, wie unser Gehirn sie bewertet. Und genau das macht den Unterschied: eine innere Stärke, die einem die Sicherheit gibt, mit dem umgehen zu können, was kommt.
Was hilft denn konkret, um da herauszukommen?
Wenn man die vielfältigen Herausforderungen und die steigenden Burnout-Zahlen zusammen betrachtet, ist es der einzige Weg, um schnell und nachhaltig das Stresslevel zu senken und die Lebensqualität deutlich zu steigern: Einfluss darauf zu nehmen, wie das Gehirn Situationen bewertet, damit nicht länger so viele davon einen Alarm auslösen. Wir bei Mind Switch haben ein Resilienz-Training entwickelt, mit dem Menschen genau diese Bewertungen des Gehirns gezielt verändern können, sodass dieselben Situationen keinen Alarmmodus mehr auslösen und so unnötiger Stress gar nicht erst entsteht.
Ihr Ansatz besteht darin, die Resilienz jedes Einzelnen zu stärken. Sollten wir die vielen Burnouts nicht eher durch gesellschaftliche Veränderungen bekämpfen, zum Beispiel durch kürzere Arbeitszeiten?
Es braucht gesellschaftliche Veränderung, aber nicht die, die üblicherweise gemeint ist. Die gängige Version lautet ja: Die Gesellschaft ist schuld, also soll sie genügend Schonraum für alle schaffen. Schön wäre es, wenn es so einfach ginge. Nur entspricht das nicht der Realität. Wer auf eine Lösung von aussen wartet, schiebt die Verantwortung auf die Gesellschaft, tut selbst nichts mehr und macht sich damit handlungsunfähig. Und das ist gefährlich. Unabhängig davon, wer schuld ist: Verantwortung für die eigene Gesundheit kann am Ende nur jeder selbst übernehmen. Was es wirklich braucht, ist ein anderes Bild von Burnout: dass es kein Versagen ist. Aber auch die Bereitschaft, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen und die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden selbst zu übernehmen.
Burnout ist also kein Versagen?
Ohne ausgeprägte Leistungsbereitschaft und ein hohes Verantwortungsbewusstsein habe ich noch nie ein Burnout gesehen. Solange das Thema aber so schambehaftet bleibt (nach dem Motto: Ich habe etwas falsch gemacht, wenn ich chronischen Stress angehe), verstellt das den Blick. Dabei ist es genau umgekehrt: Wer die Verantwortung übernimmt, ist rasch vorne mit dabei, weil innere Stabilität schlicht Trumpf ist. Genau dort würde ein gesellschaftlicher Wandel tatsächlich etwas bewirken. Dazu gehört auch ein anderer Blick auf Resilienz, dass sie den Stellenwert erhält, den sie verdient. Denn die Anforderungen steigen weiter, und wenn wir nichts ändern, explodiert die Burnout-Rate. Und die Welt können wir leider nicht verändern. Aber wir können lernen, in ihr zu bestehen, und zwar gut zu bestehen: So, dass der Job uns nicht zermürbt und wir Arbeit und Leben trotzdem geniessen können.
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