Wissen
Leben

«Ein Sekundenbruchteil reicht»: So entlarvt eine Kriminologin Lügner

Interview

«Ein Sekundenbruchteil reicht»: So entlarvt eine Kriminologin Lügner

Beim Date, in Verhandlungen oder zu Hause: Wer das Gesicht seines Gegenübers lesen kann, ist im Vorteil. Die Kriminologin Denise von Moos erklärt, auf welche Mikroexpressionen Sie achten sollten.
28.06.2026, 21:1028.06.2026, 21:10
Raffael Schuppisser / ch media
Lügt sie oder nicht? Die Profilerin hat eine starke Vermutung.
Lügt sie oder nicht? Die Profilerin hat eine starke Vermutung.Bild: Getty Images

Wenn ich wissen will, ob mein fünfjähriger Sohn mich anflunkert, sage ich zu ihm: «Schau mir in die Augen!». Kann man so wirklich erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt?
Denise von Moos: Das ist typenabhängig. Beim Blickkontakt ist es tatsächlich unterschiedlich. Ich würde Ihnen beispielsweise direkt in die Augen schauen, wenn ich Sie anlügen würde. Andere Menschen schauen weg. Was allerdings nicht stimmt und trotzdem immer wieder behauptet wird, ist die Aussage, dass Menschen beim Lügen nach oben rechts schauen würden. Das ist falsch. Dieser Mythos hält sich hartnäckig und taucht immer noch überall auf, etwa auf LinkedIn oder in anderen sozialen Medien.

Gibt es denn überhaupt eine typische Lügenmimik?
Ja, tatsächlich. Die Wissenschaft hat drei Emotionen identifiziert, die beim Lügen besonders häufig auftreten. Die erste ist Angst – die Angst, beim Lügen erwischt zu werden. Die zweite Emotion ist Schuldgefühl. Dabei sieht man häufig, dass die Augenbrauen auf der Innenseite nach oben gezogen werden und der Kopf nach unten gesenkt wird. Dieses Muster konnte man beispielsweise bei Bill Clinton während der Lewinsky-Affäre in seinem öffentlichen Statement beobachten. Die dritte Emotion ist Freude. Wenn es Ihrem fünfjährigen Sohn gelingt, Sie erfolgreich anzuschwindeln, empfindet er darüber vielleicht sogar Freude.

Denise von Moos ist Kriminologin und Profilerin mit Spezialisierung auf Menschenkenntnis, Verhaltensanalyse und Lügenerkennung. Sie unterstützt Führungskräfte, Unternehmen und Privatpersonen dabei, Menschen treffsicher einzuschätzen und verborgene Motive zu erkennen. Die 56-Jährige lebt mit ihrer Familie im Zürcher Unterland. (ras)
infobox image
Bild: yourimage.ch/denise-von-moos

Wenn man als Lügner weiss, dass diese Merkmale existieren – kann man sie kontrollieren?
Die grosse Mehrheit der Menschen kann diese Reaktionen nicht einfach kontrollieren. Ich habe in der Strafverfolgung gearbeitet und dort genau das erlebt. Wenn jemand vor mir sitzt und sich fest vornimmt, auf keinen Fall die Wahrheit zu sagen, reagiert dennoch das emotionale Zentrum im Gehirn. Diese Reaktionen lassen sich nicht einfach abschalten. Wenn jemand Angst hat, zeigt sich diese Angst. Das kann man nicht einfach unterdrücken. Natürlich gibt es Psychopathen. Sie verfügen häufig über ein vermindertes Angstempfinden und können deshalb besser lügen. Das sind aber wenige Prozent der Bevölkerung.

Steigt der Puls, wenn man lügt?
Wenn jemand Angst hat, erwischt zu werden, oder ein starkes schlechtes Gewissen verspürt, steigt der Puls – und die Konzentration. Stellen Sie sich vor, Sie fahren um fünf Uhr abends mit dem Auto durch die Stadt Zürich. Sie müssen auf Busse, Velos, Fussgänger und den übrigen Verkehr achten. Würde ich Sie nun ernsthaft anlügen, wäre das ähnlich. Ich müsste mich so stark konzentrieren, dass ich kaum noch blinzeln würde.

Das Blinzeln ist also ebenfalls ein Merkmal?
Ja, es kann ein Hinweis sein. Vor allem am Ende einer Lüge. Dann sieht man oft, dass Menschen plötzlich mehrmals schnell hintereinander blinzeln. Die Situation ist vergleichbar mit dem Moment, in dem Sie nach dichtem Stadtverkehr endlich einen Parkplatz erreichen und denken: «Geschafft.» Die Anspannung fällt ab.

Als Profilerin haben Sie viele Menschen verhört. Wie gehen Sie dabei vor?
Bei einer Einvernahme kommt es oft vor, dass zwei Beteiligte völlig unterschiedliche Aussagen machen. Ein Beispiel: Die Frau sagte, ihr Mann schlage sie. Der Mann bestritt dies. Beide wirkten äusserst glaubwürdig. In solchen Fällen versucht man unter anderem, Widersprüche aufzudecken. Dabei spielen Mikroexpressionen eine wichtige Rolle. Es ist immer ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Körpersprache, Mikroexpressionen, wissenschaftliche Erkenntnisse und die eigentliche Befragungstechnik.

Und wie sieht die genau aus?
Wenn man glaubt, jemand lüge, sollte man das Thema zunächst wieder verlassen. Einige Minuten später kann man ruhig darauf zurückkommen und beobachten, ob  die Person erneut Lügensignale zeigt. Wenn jemand beispielsweise erneut verzögert antwortet, zu stottern beginnt oder am Ende einer Aussage stark blinzelt, ergeben sich weitere Hinweise. Man benötigt mehrere Signale gleichzeitig. Je mehr dieser Signale zusammenkommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person nicht die Wahrheit sagt.

Sie arbeiten auch mit HR-Abteilungen. Was interessiert Unternehmen an Ihren Fähigkeiten?
In Unternehmen geht es häufig darum, Mikroexpressionen lesen zu können. Menschen führen täglich Verhandlungen – sei es über Teams oder persönlich. Es geht um Geld, Argumente und Entscheidungen. Viele Gesichtsausdrücke werden falsch interpretiert oder gar nicht erkannt.

Ein Beispiel bitte!
Sie verkaufen Reisen und präsentieren mir eine Reise nach Namibia. Irgendwann nennen Sie den Preis und sagen, die Reise koste 20'000 Franken. In diesem Moment rümpfe ich kurz die Nase und lächle anschliessend wieder. Das ist die Mikroexpression Ekel beziehungsweise Ablehnung. Diese Reaktion erscheint für einen Sekundenbruchteil und wird danach häufig von einem Lächeln überdeckt. Wer Mikroexpressionen lesen kann, erkennt trotzdem, was im Gegenüber wirklich vorgeht.

Nasenrümpfen bedeutet also Ablehnung?
Genau. In diesem Fall bedeutet es sogar mehr als nur Ablehnung. Es zeigt, dass die Person innerlich bereits auf Distanz gegangen ist. Vielleicht würde sie die Reise anschliessend lieber selbst im Internet buchen. Wenn ich dagegen Angst zeige, dann sieht die Situation anders aus. Vielleicht ist der Preis einfach zu hoch. Dann könnte man reagieren und alternative Angebote präsentieren.

Ekel macht sich durch Nasenrümpfen sichtbar und zeigt sich auch bei Ablehnung.
Ekel macht sich durch Nasenrümpfen sichtbar und zeigt sich auch bei Ablehnung.Bild: Denise von Moos

Wie sieht die Mikroexpression Angst aus?
Die Augen werden weit aufgerissen und der Mund nach hinten gezogen. Das geschieht extrem schnell – meist innerhalb einer halben Sekunde.

Aufgerissene Augen, nach hinten gezogener Mund: die Mikroexpression Angst.
Aufgerissene Augen, nach hinten gezogener Mund: die Mikroexpression Angst.Bild: Denise von Moos

Und das kann niemand kontrollieren?
Nein. Genau deshalb tragen viele Pokerspieler Sonnenbrillen oder andere Hilfsmittel, um ihr Gesicht zu verdecken. Die ersten Bruchteile einer Emotion lassen sich nicht kontrollieren.

Welche weiteren Mikroexpressionen gibt es?
Die sieben universellen Emotionen sind Freude, Angst, Trauer, Ärger, Ekel, Verachtung und Überraschung.

Grosse Augen und aufgerissener Mund: So sieht die Mikroexpression Überraschung aus.
Grosse Augen und aufgerissener Mund: So sieht die Mikroexpression Überraschung aus.Bild: Denise von Moos

Wie erkennt man echte Freude?
Echte Freude erkennt man an den Augen. Diese werden bei einem echten Lächeln kleiner, bei einem aufgesetzen Lächeln bleiben sie gleich. Das unterscheidet ein echtes Lächeln von einem aufgesetzten.

Und Trauer?
Trauer ist besonders schwer nachzuahmen. Dabei werden die Augenbrauen auf der Innenseite schräg nach oben gezogen, während die Mundwinkel nach unten gehen. Die Bewegung der Augenbrauen kann man kaum bewusst erzeugen, wenn man nicht tatsächlich traurig ist.

Schwer nachzumachen: So sieht die Mikroexpression Trauer aus.
Schwer nachzumachen: So sieht die Mikroexpression Trauer aus.Bild: Husam Cakaloglu

Wie nutzen Sie dieses Wissen im Alltag?
Vor allem in Verhandlungen. Wenn ich mein Honorar für ein Seminar nenne, sehe ich oft sofort, ob mein Gegenüber den Preis als zu hoch oder zu niedrig empfindet. Dasselbe gilt auf einem Basar im Ausland oder sogar beim Arzt. Wenn ich eine Frage stelle und Angst im Gesicht meines Gegenübers erkenne, weiss ich, dass das Thema bei dieser Person eine starke emotionale Reaktion auslöst. Deshalb nutze ich diese Fähigkeiten praktisch in jedem beruflichen Gespräch. Es eröffnet sich eine völlig neue Ebene der Wahrnehmung.

Gibt es eine bestimmte Mimik, die Sie selbst einsetzen, um überzeugender zu wirken?
Weniger die Mimik als die Kopfhaltung. Wenn ich mit jemandem verhandle und den Kopf gerade halte, wirke ich deutlich kompetenter und selbstbewusster. Zudem lächle ich zu Beginn einer Verhandlung eher sparsam. Wenn ich den Kopf dagegen schräg halte und permanent lächle, entsteht eine andere Wirkung. Deshalb empfehle ich in Verhandlungen eine gerade Kopfhaltung und kein Dauerlächeln.

Und bei einem Date?
Dort ist es anders. Bei einem Date darf man natürlich lächeln. Besonders schön ist ein echtes Lächeln, bei dem sich auch die Augen verändern. Auch eine leicht schräge Kopfhaltung kann Sympathie und Nähe vermitteln. Wenn ich beispielsweise von meinem Mann etwas möchte, nutze ich diese Haltung durchaus. Mein Mann und mein Sohn erkennen das inzwischen sofort.

Wenn man sich entschuldigen möchte?
Dann kommt es darauf an, ob es einem wirklich leidtut. Wer echtes Schuldempfinden verspürt, zieht oft die Schultern leicht hoch, senkt die Mundwinkel und hebt die Innenseiten der Augenbrauen an. Man sollte solche Signale nicht künstlich nachahmen. Wenn die Emotion echt ist, zeigt sie sich meist von selbst.

Wer so dreinblickt, wirkt rasch unsympathisch: die Mikroexpression Überheblichkeit.
Wer so dreinblickt, wirkt rasch unsympathisch: die Mikroexpression Überheblichkeit.Bild: Denise von Moos

Auch in der Politik spielen Lügen und Mimik eine Rolle. Was sagt Ihnen beispielsweise die Körpersprache von Donald Trump?
Donald Trump strahlt in seiner Körpersprache viel Stolz aus. Stolz erkennt man an einem angehobenen Kopf in Kombination mit einem Lächeln. Ohne das Lächeln würde es arrogant wirken. Besonders spannend ist, was Donald Trump nicht zeigt: Er zeigt praktisch nie Angst. Obwohl er ständig Entscheidungen von grosser Tragweite trifft, sieht man diese Emotion kaum. Zudem nimmt er körperlich viel Raum ein, zeigt häufig mit dem Finger und wirkt ausgesprochen dominant und selbstsicher.

Und Wladimir Putin?
Putin zeigt ebenfalls viel Macht, aber auf eine andere Weise. Er ist extrem kontrolliert. Er gestikuliert wenig und zeigt nur sehr wenige Emotionen nach aussen. Es kann gut sein, dass er über Jahre trainiert hat, seine Emotionen zu unterdrücken. Bei Donald Trump erkennt man sofort, ob er wütend ist oder sich freut. Bei Putin ist das kaum möglich. Er gibt nur sehr wenig von sich preis. Gleichzeitig beobachtet er sein Gegenüber sehr intensiv. Seine Mimik ist minimalistisch. Beide wirken machtvoll, aber auf völlig unterschiedliche Weise.

Hat ihm seine Zeit als KGB-Agent dabei geholfen, Emotionen zu kontrollieren?
Ja. Zudem sieht man beim Gehen häufig, dass er den rechten Arm deutlich weniger bewegt als den linken. Eine Erklärung dafür ist seine Zeit beim KGB. Die Waffe wurde rechts getragen, weshalb der rechte Arm möglichst ruhig blieb. Dieses Bewegungsmuster scheint bis heute erhalten geblieben zu sein.

epa12970826 Former German Chancellor Angela Merkel attends a panel discussion called 'Despite everything: Hope for Europe?' at the re:publica festival 2026 in Berlin, Germany, 18 May 2026. T ...
Angela Merkel ist eine der wenigen Politikerinnen, die auch Angst zeigte.Bild: EPA

Gibt es denn überhaupt erfolgreiche Politiker, die Angst zeigen?
Angela Merkel war dafür ein gutes Beispiel, insbesondere zu Beginn ihrer Amtszeit. Bei ihr konnte man häufiger Angst oder Unsicherheit erkennen. Die Augen wurden aufgerissen, teilweise sah man nur einzelne Elemente der gesamten Expression. Sie wirkte insgesamt deutlich introvertierter als Donald Trump. (schweizheute.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
20 Beispiele dafür, dass Lügen im Internet kurze Beine haben
16 Lügen, die wir alle benutzen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
54 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Muess das jetzt si?
28.06.2026 21:38registriert September 2025
Niedlich wie hier die Welt erklärt wird. Alles so schön Küchentisch tauglich, ideal um den Sonntag ausklingen zu lassen.
4816
Melden
Zum Kommentar
avatar
Scenario
28.06.2026 22:45registriert Mai 2015
Steiles Interview mit noch steileren Thesen. Es gibt gross angelegte Studien zu den Fähigkeiten von Polizisten, Richtern oder Profilern. Die Wahrheit ist, mit einer Trefferquote von ca. 54 % sind Profis beim Aufspüren von Lügen kaum besser als ein Münzwurf und damit nicht signifikant besser als ein normaler Laie.
282
Melden
Zum Kommentar
avatar
N. Y. P.
28.06.2026 22:01registriert August 2018
Die Kriminologin hat es für uns Banausen stark vereinfacht erklärt. Wie wenn dir einer Schach erklärt und dir kurz erklärt, wie die Figuren "fahren". Danach weisst du noch genau gar nichts von Schach.

Das gilt auch hier. Viele machen sich lustig über das Thema. Wird die Krimonologin vermutlich nicht stören.
3917
Melden
Zum Kommentar
54
Uff, ist das heiss. Leute, wir müssen mal über Frozen Cocktails reden!
Echt jetzt. Es muss was geschehen. Angefangen damit, dass du dir einen der folgenden Frozen Drinks zubereitest.
Wissenschaftliche Studien belegen: Niemand kann schlecht gelaunt sein mit einem Frozen Cocktail in der Hand.
Zur Story