Buon compleanno, Vespa! Eine Ikone wird 80
Achtzig Jahre, nachdem Enrico Piaggio im Frühjahr 1946 zum ersten Mal jenes gehörig ungewöhnliche kleine Gefährt betrachtete und bemerkte: «Das sieht ja aus wie eine Wespe!», ist die Vespa noch immer eine globale Ikone.
In der Geschichte der motorisierten Fortbewegung gibt es nur eine kleine Handvoll Maschinen, die weit über ihren eigentlichen Zweck hinauswachsen. Durch eine Kombination aus technischer Innovation, historischer Bedeutung und hohem Wiedererkennungswert werden sie zu Symbolen. Das Ford Model T demokratisierte das Automobil. Der Jeep stand für den Sieg über den Faschismus. Der Mini als Inbegriff der Swinging Sixties.
Doch die Vespa erreichte einen ganz besonderen, ureigenen Status: unverkennbar italienisch und mühelos international zugleich. Stylish, aber praktisch. Genderneutral, bevor das Konzept überhaupt existierte. Demokratisch genug für Studis und Arbeiter, glamourös genug für Filmstars, Künstler und Modeschöpfer.
Die ursprüngliche Piaggio Vespa stieg buchstäblich aus der Asche empor. Während des Zweiten Weltkriegs legten alliierte Bomben das Piaggio-Werk in Pontedera bei Pisa in Schutt und Asche. Ein offensichtliches Ziel, schliesslich war Piaggio einer der wichtigsten Flugzeughersteller des faschistischen Italiens – unter anderem für den P-108 verantwortlich, den einzigen viermotorigen schweren Bomber des Landes.
Ende 1945 aber schwebte Enrico Piaggio etwas völlig anderes vor: ein einfaches, erschwingliches Fortbewegungsmittel für eine erschöpfte Nation, die sich gerade im Wiederaufbau befand. Dafür wandte er sich nicht an einen etablierten Motorradkonstrukteur, sondern an einen seiner vertrauten Luftfahrtingenieure: Corradino D'Ascanio – einen Mann, der Motorräder ausdrücklich ablehnte. D’Ascanio, der sich auf frühere Designstudien aus seiner Zeit bei Innocenti stützte, ging die Aufgabe mit dem Blick eines Flugzeugkonstrukteurs an und stellte so ziemlich jede Konvention des klassischen Töff-Designs infrage.
Das Ergebnis war revolutionär: eine Monocoque-Karosserie aus gepresstem Stahl, die sich an der Konstruktionsweise von Flugzeugen orientierte. Der Motor sass sauber verkleidet neben dem Hinterrad. Die Fahrer stiegen elegant durch den Rahmen ein, ohne das Bein mühsam drüberschwingen zu müssen. Die Kleider blieben sauber (gerade in Italien ein Killer-Argument).
Als Enrico Piaggio den Prototyp zum ersten Mal sah, soll er gelächelt haben:
Eine der grössten Marken der Welt hatte soeben ihren Namen erhalten. Am 23. April 1946 reichte Piaggio offiziell das Patent für die Vespa ein. Kurz darauf wurde das erste Serienmodell, die Vespa 98, der Öffentlichkeit vorgestellt, und die Serienproduktion begann umgehend.
Geboren wurde die Vespa in Italien – die Welt erobert hat sie aber über Hollywood.
Als Gregory Peck und Audrey Hepburn 1953 in «Roman Holiday» gemeinsam durch Rom düsten, wollte plötzlich ein internationales Millionenpublikum genau dieselbe Freiheit spüren.
Und somit war die Vespa nicht mehr nur ein praktisches Transportmittel. Sie war Romantik auf zwei Rädern. Der Roller selbst wurde zu einem der Stars des Films. Hollywood verfiel dem kleinen Flitzer im Eiltempo – doch der Charme der Vespa sprengte jedes Klischee. Raue Rebellen, glamouröse Divas und elegante Herzensbrecher: Sie alle fanden Platz auf Italiens kleinem Roller.
Hollywood verlieh der Vespa erstmals Glamour. Doch Grossbritannien gab ihr den Rock'n'Roll. Mitte der 1960er-Jahre war der scooter nicht mehr von der Mod-Subkultur wegzudenken.
Inspiriert von italienischem Kleiderstil, Modern Jazz und amerikanischer Soul-Musik machte eine neue Generation die Vespa (und – wichtig! – auch Piaggios Erzrivalen Lambretta) zum Transportmittel der Wahl – und zum ultimativen Statement von Identität.
Mod-Vespas waren (und sind immer noch) eine Klasse für sich: Reihen von glänzendem Chrom, Batterien von Zusatzscheinwerfern, Rückspiegel-Armeen auf makellosen Beinschildern. Und die Fahrer dazu: schnittige italienische Anzüge, Parkas, Mod-Frisuren, Soul-Sound. Einmal mehr war die Vespa mehr als nur Fortbewegungsmittel. Sie war eine subkulturelle Identität.
Mehr als 20 Millionen Vespas wurden gebaut, seit der erste Prototyp 1946 das Piaggio-Werk in Pontedera verliess. Die Chancen stehen gut, dass irgendjemand in deiner Familie mal eine besessen hat. Damals in den 50ern. Oder den 60ern. Oder 70ern … oder hey – vielleicht ja immer noch …
… denn das vielleicht Erstaunlichste an der ganzen Sache ist: Auch achtzig Jahre nach ihrer Geburtsstunde sieht die Vespa immer noch ziemlich genau so aus, wie ... na, wie eine Vespa aussehen sollte.
Und auch nach 80 Jahren bringt sie die Leute zum Lächeln. Buon compleanno!
