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So schön haben es die Deutschen in Gefangenschaft! Die Titelseite der Illustrierten Rundschau zeigt einen fröhlich speisenden Deutschen in britischer Kriegsgefangenschaft, 1918. Bild: institut orell füssli

Der 1. Weltkrieg als Medienkrieg

Die zerrissene Schweiz «im Feuer der Propaganda» 

In Zusammenarbeit mit dem Museum für Kommunikation schöpft die Nationalbibliothek ihr Archiv-Potential aus: Eine bildstarke Ausstellung über die Schweiz im 1. Weltkrieg, ihre Zerrissenheit und ihre beschwerliche Suche nach einer ganzheitlichen Identität. 



Am 4. August 1914 verkündet der Bundesrat den Kriegsmächten feierlich die Neutralität. Die kleine Schweiz, die inmitten des sich bekriegenden Europas hockte, wollte sich aus diesem Blutbad heraushalten. So blieb sie zwar von Kämpfen verschont, aber dafür tobte auf ihrem Terrain eine verheerende Propaganda-Schlacht, in der sich die Mittelmächte und die Entente um die Gunst der Helvetier stritten und die Schweiz dabei auf eine Zerreissprobe stellten. 

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«Das Werben um die Neutralen» im Nebelspalter, 1915. Bild: Karl Czerpien, nebelspalter verlag

«Neutralität ist den Beteiligten etwas Aufreizendes.»

Der Schriftsteller Stefan Zweig

«Im Feuer der Propaganda»

Die Ausstellung «Im Feuer der Propaganda» gibt einen wunderbaren Einblick in die Rolle der Schweiz während des 1. Weltkrieges: Das kleine neutrale Land, überschwemmt von der Propaganda-Flut der Kriegsmächte und selbst Teil dieser Maschinerie, leidet unter einer inneren Zerrissenheit, die nur mit einer neuen, ganzheitlichen Identität zu heilen ist. 
Wann: 21. August - 9. November 2014
Wo: Museum für Kommunikation, Schweizerische Nationalbibliothek, Helvetiastrasse 16, 3000 Bern
Kuratoren: Alexandre Elsig, Peter Erismann
Gestaltung: Martin Birrer, Gerhard Blättler

Der (Rösti-)Graben 

Da war eine feine Kultur-Grenze, die sich zwischen der Romandie und der Deutschschweiz auftat, und der 1. Weltkrieg bestärkte diese Kluft in ihrer Daseinsberechtigung: Die Deutschschweiz schaute mit Bewunderung auf ihren kaiserlichen Nachbarn, während sich die Welschen mit ihrem französischen Nebenmann identifizierten. 

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Der Grossvater von Christoph Blocher kämpft gegen die angebliche «Romanisierung» der deutschsprachigen Bevölkerung im Jura und im Wallis: «Die Westschweiz mit deutscher Ortsbenennung» nach Eduard Blocher und Emil Garraux.  Bild:  J. Perthes, Gotha 1907

Dass Ulrich Wille zum General ernannt worden war, war der lateinischen Schweiz ein Dorn im Auge: Dieser harte Mann hatte bereits 1912 dem Deutschen Kaiser in aller Freundschaft die Stärke der Schweizer Armee präsentiert. Wilhelm II. wollte schliesslich wissen, wie sich die südliche Schutzflanke seines Reiches machte, wenn seine Truppen zum Schlieffen-Plan schritten. 

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«Die geteilte Schweiz» im Nebelspalter, 1917: Während die lateinische Schweiz für die Entente mit Frankreich, Grossbritannien und Russland Partei ergriff, sympathisierten die Deutschschweizer mehrheitlich mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn.  Bild: johann Friedrich Boscovits, nebelspalter verlag

Und so wurde die Furche an der Sprachgrenze noch ein bisschen breiter, bis sie mit dem deutschen Einmarsch ins neutrale Belgien vollends zu einem Graben, zum «fossé moral», heranwuchs.

Die zerrissene Presse 

Die Schweiz wurde zum Schauplatz des medialen Krieges: Die Zerstörung der Stadt Löwen und ihrer famosen Bibliothek am 25. August 1925 spaltete die schweizerische Berichterstattung in zwei Lager: Die «Züricher Post» sprach von einer «angeblichen Zerstörung von Löwen» und bediente sich wohlwollend an deutschen Informationen, die den Einmarsch mit einem vermeintlichen Aufstand von belgischen Freischärlern legitimierten. 

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Die «Züricher Post» über den Einmarsch in Belgien. Zur Zeit des 1. Weltkrieges hatte sie eine Auflage von ca. 10'000.  Bild: watson, ausstellung «im Feuer der Propaganda»

Die «Tribune de Genève» verurteilte ihrerseits die deutsche Offensive als «Barbarei». Die Meinungen waren gebildet, die Partei bereits ergriffen, als sich Deutschland 1915 mit 300'000 Franken die Züricher Post vollends gefügig machte und Frankreich 900'000 Franken in deren welsches Pendant investierte.

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Die «Tribune De Genève» mit einer damaligen Auflage von 41'000. Bild: watson, ausstellung «im feuer der propaganda»

Die Neutralität der Schweiz war ein sehr flexibler Status: Insgesamt 20 schweizerische Verlagshäuser wurden im Geheimen von den Deutschen aufgekauft, um die Öffentlichkeit zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Welch bittere Ironie auch, dass diese Strategie noch zusätzlichen Gewinn abwarf, weil Publikationen aus neutralen Staaten auf dem internationalen Markt begehrter waren als dieser Propaganda durchtränkte Brei, den man von den Kriegsmächten zu lesen bekam. 

«Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges.»

Griechischer Tragödiendichter Aischylos 

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Eine Postkarte, die von der schweizerischen Zensur aus dem Verkehr gezogen wurde: «Remember Belgium». Bild: watson, Ausstellung «im feuer der propaganda»

«Die Seelen der Kriegsführenden schienen uns dermassen eingeflösst worden zu sein, dass wir uns ihre Leidenschaft und ihren Hass beinahe angeeignet haben.»

Journalist Paul Rochat, Präsident des Vereins der Schweizerischen Presse

Der lächerliche Feind

Der Propaganda-Krieg wurde nicht nur in den Zeitungen ausgetragen, auch die Postkarten blieben nicht frei von manipulativen Sujets. Die Zensur half da nur bedingt. Zu gross war die Flut der ins Land strömenden Bilder, die sich in der fantasievollen Verunglimpfung des Feindes gegenseitig zu übertreffen versuchten. 

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Beschlagnahmte Postkarte: «England hält alle seine Häfen besetzt!» Bild: watson, ausstellung «im feuer der propaganda» 

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Beschlagnahmte Postkarte: «England fängt an seine Häfen zu verlassen.» Bild: watson, ausstellung «im feuer der propaganda»

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Beschlagnahmte Postkarte: «German Sausacer.» Bild: watson, ausstellung «im feuer der propaganda»

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Beschlagnahmte Postkarte: «der Stolz der Französin oder: der Geruch in der Hose.»  Bild: watson, «ausstellung im feuer der propaganda»

Nationalistisch geprägte Gegen-Propaganda 

Für die Spaltung des Landes wurde die politische Agitation der Kriegsmächte verantwortlich gemacht. Der Ruf nach einer eigenen, selbstständigen Schweizer Identität wurde laut, die den inneren Zusammenhalt wiederherstellen und im Stande sein sollte, die Sprachbarriere zu überwinden. 

«Unsere freiwillig beschlossene Neutralität stellt uns über die Nationalismen, die uns umgeben und uns zuweilen bedrohen. Sie ist unser eigener Nationalismus.» 

Aufruf der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG)

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Postkarte, 1914: Tell und Walter gehen ihren eigenen Weg und lassen die Pickelhaube ungegrüsst hinter sich.  Bild: Fondation Edmond Bille

Die Zensur wurde verschärft, die Soldaten erhielten eine patriotische Ausbildung und die neue Helvetische Gesellschaft wurde gegründet. Diese lud am 14. Dezember 1914 den Basler Schriftsteller Carl Spitteler ein, der eine feurige Rede über «Unseren Schweizer Standpunkt» hielt und damit als Symbolfigur der kulturellen Eigenständigkeit der Schweiz in die Geschichte einging. 

«Wir müssen uns bewusst werden, dass der politische Bruder uns nähersteht als der beste Nachbar und Rassenverwandte.»

Basler Schriftsteller Carl Spitteler

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Das Ringen um die richtigen Worte: Aus Carl Spittelers Manuskript «Unser Schweizer Standpunkt». Bild: schweizerisches literaturarchiv

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