Obstbäume blühen im Oktober – schwächt sie das fürs nächste Jahr?
Der Solothurner Mitte-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt ist nicht nur Umweltpolitiker, sondern von Haus aus auch Biologe. Aber selbst Laien sehen: Wenn jetzt ein Obstbaum blüht, ist das nicht normal. Spät- oder Sekundärblüte wird das genannt. Eine solche sieht Müller-Altermatt an seinem Mirabellen-Baum. Und auch seine Äpfelbäume haben neue Blättertriebe. 12 Hochstämmer verschiedenster Sorten hat der Nationalrat insgesamt. «Meine Bäume haben im Oktober noch nie geblüht.»
Doch nicht nur Müller-Altermatt stellt das Phänomen fest. Bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, sind Meldungen über Sekundärblüten aus verschiedenen Regionen eingegangen, sagt Forscher Samuel Cia. «Systematisch erfasst werden die Meldungen nicht, angesichts der diesjährigen Hitze und Trockenheit ist eine solche Stressreaktion aber durchaus zu erwarten.»
Auch Stürme können diese Reaktion auslösen
Das Phänomen sei seit Langem bekannt und trete immer wieder auf. «Auch ein Blattverlust durch Krankheiten oder andere Belastungen können dies begünstigen.» Die Ausprägung hänge von Obstart, Sorte, Standort und Witterung ab. «Nach den aktuellen Meldungen scheinen Birnbäume besonders häufig betroffen zu sein.»
Müller-Altermatts Bäume litten tatsächlich unter mehreren Stressoren: Am 28. August wurde sein Garten vom Hagelsturm heimgesucht. Die Apfelbäume seien danach fast nackt dagestanden, sagt er. Zwei hatte der Sturm wie Zündhölzer geknickt.
Das Phänomen ist offenbar nicht in der gesamten Schweiz zu beobachten, wie der Schweizer Obstverband auf Anfrage schreibt. Die Spätblüte sei eher selten. «Das Phänomen kann regional und auch von Baum zu Baum unterschiedlich auftreten.»
Lieber noch etwas Photosynthese als direkt in den Winterschlaf
Stefan Müller-Altermatt erstaunt, dass die Sekundärblüte so spät auftritt, jetzt, da die Tage schon merklich kürzer sind: «Eigentlich richten sich die Obstbäume, die aus Zentralasien stammen, zu einem grossen Teil nach den Tageslängen, also nach ihrem Phytochromsystem. Es braucht viel, dass dies übersteuert wird.» Offenbar sei der Druck der Bäume, sich zu regenerieren, gross. «Es eine evolutionäre Wette der Bäume, ob es nun besser ist, noch etwas Photosyntehese zu machen nach der vorangegangenen Stresszeit, oder ob es besser wäre, direkt in die Winterruhezeit zu gehen, weil nächstens die Kälte kommt.»
Doch, wenn Obstbäume nicht nur Blätter treiben, sondern sogar blühen – droht dann eine Ernteeinbusse im nächsten Jahr? «Einzelne Herbstblüten sind in der Regel kein grösseres Problem», sagt Samuel Cia von Agroscope. Bedeutender ist die vorausgegangene Belastung wie eben die Trockenheit oder der Blattverlust durch Sturm. So können weniger Reservestoffe eingelagert werden.
Bereits aufgeblühte Knospen fehlen allerdings im nächsten Frühjahr. Schlimm sei das normalerweise nicht: «Bei wenigen Herbstblüten ist keine relevante Ertragseinbusse zu erwarten, da Obstbäume meist überschüssige Blüten bilden», beruhigt Cia. Eine starke Nachblüte könne den Ertrag hingegen vermindern.
Anzeichen für einen gestressten Obstbaum
Wie erkennt man, ob der eigene Baum geschwächt ist oder nicht? Sandro Rüegg vom Schweizer Obstverband, sagt, vorzeitige Blattverfärbungen, vertrocknete Blattränder, abgestorbene Triebe oder ein generell schwacher Austrieb seien solche Anzeichen. Zusätzliche Düngung aufgrund der Spätblüte sei allerdings nicht nötig und bewässert werden sollte nur, wenn tatsächlich Wassermangel bestehe.
Müller-Altermatt erwartet jedenfalls, dass die Ernte nächstes Jahr nicht viel besser wird, als dieses Jahr: Der Hagel hat ihm dieses Jahr die Früchte genommen, und jene, die noch hingen, haben Schäden. Dabei wäre dieses Jahr ein gutes Obstjahr gewesen. Und da die Bäume meist alternierend in einem Herbst viele und grosse Früchte tragen und im nächsten wenige, macht er sich für 2027 keine grossen Hoffnungen.
Hinzu kommen die Folgen des Hitzesommers: «Der herausfordernde Sommer 2026 könnte die Blütenbildung für das nächste Jahr beeinflussen», sagt Sandro Rüegg. «In welchem Ausmass lässt sich momentan noch nicht sagen.» (schweizheute.ch)
