Erderwärmung um 2,8 Grad: «Dann schaut es in der Schweiz aus wie in Spanien»
Ein neuer Bericht der Uno zeigt: Wenn alle Länder mit ihrer Klimapolitik so weiterfahren wie bisher, wird sich die Welt bis 2100 um 2,8 Grad erwärmen. Das ist nochmals eine Verschlechterung um 0,1 bis 0,3 Grad seit dem letzten Bericht vor einem Jahr. Woran liegt das?
Anthony Patt: Die USA sind unter Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten. In diesem Klimaabkommen hatten sich die USA zu ambitionierten Klimazielen verpflichtet. Weil Trump aus dem Abkommen ausgetreten ist, geht der Emissions Gap Report nun davon aus, dass die USA gar keine weiteren Anstrengungen zum Klimaschutz unternehmen werden. Und weil die USA nach China der zweitgrösste Emittent von Treibhausgasen sind, kommt es zu diesem Anstieg von mehreren Zehntelsgrad.
Ein Anstieg von 0,1 Grad Celsius. Wie schlimm ist das?
Es klingt nach wenig, hat aber ganz reale Auswirkungen. Ein Anstieg in der globalen Erwärmung von nur 0,1 Grad kann zum Beispiel bedeuten, dass wir Hitzewellen wie in diesem Sommer noch häufiger erleben müssen.
Die Schweiz erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt. Sollten wir besonders besorgt sein?
Die prognostizierte Erwärmung um 2,8 Grad im weltweiten Schnitt würde für die Schweiz einen Temperaturanstieg zwischen fünf und sechs Grad bis ins Jahr 2100 bedeuten. Anders gesagt: Wir hätten Temperaturen wie in Spanien. Und Spanien hat ein ganz anderes Ökosystem, eine andere Landwirtschaft, auf Hitze zugeschnittene Gebäude. Spanien ist auf solche Temperaturen ausgerichtet. Wir nicht.
Selbst wenn alle Staaten die sich selbst gesteckten Klimaziele erreichen würden, würde am Ende immer noch eine Erwärmung um 2,6 Grad herausschauen. Ist das wirklich das beste Szenario, das wir bekommen können?
Ich glaube nicht. Wenn man die Hausaufgaben macht, könnte man die Emissionen in gewissen Sektoren wahnsinnig schnell reduzieren. Nehmen Sie zum Beispiel Norwegen, das führende Land in Sachen Elektromobilität. Seit diesem Jahr sind in Norwegen fast 100 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge Elektroautos. Für Norwegen bedeutet das: Die Emissionen im Strassenverkehr sinken jedes Jahr um etwa sechs Prozent. Bis 2040 werden diese Emissionen fast null sein.
Heisst das umgekehrt, dass die Schweiz ihre Hausaufgaben nicht macht?
Im Strassenverkehr machen wir sie überhaupt nicht, nein. Dabei stellt sich erstens die Frage nach dem politischen Willen und zweitens die Frage, ob es, wenn der Wille da ist, die richtigen Massnahmen sind.
Und wie würden Sie diese Frage beantworten?
Wir haben in der Schweiz die CO2-Kompensationspflicht für alle, die fossilen Treibstoff importieren. Ich will diesem Instrument nicht den politischen Willen absprechen. Aber es bringt halt wenig, bei uns fahren nur 30 bis 35 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge mit Elektroantrieb. Die Hausaufgaben zu machen, würde für die Schweiz bedeuten, wie Norwegen im Neuwagenmarkt komplett auf E-Mobilität zu setzen.
In linken Kreisen ist der Unmut über den SVP-Umweltminister Albert Rösti gross. Sie werfen ihm vor, eine effektive Klimapolitik, die im Einklang mit den Pariser Klimazielen steht, zu verschleppen. Die Grünen fordern deshalb, dass man ihm das Departement entzieht. Teilen Sie diese Meinung?
Wir brauchen bei der Revision des CO2-Gesetzes einen Wurf, der deutlich ambitionierter ist als das, was uns Albert Rösti bis jetzt präsentiert hat.
Vor zwei Jahren haben Sie im Interview mit watson gesagt, dass sich die Schweiz in die richtige Richtung bewegt – einfach deutlich zu langsam.
Ich sehe das auch heute noch so. Die CO2-Emissionen pro Kopf sind seit dem Höhepunkt Mitte der Nullerjahre um über 40 Prozent gesunken. In absoluten Zahlen sieht man das nicht, weil wir halt in der gleichen Zeit eine starke Zuwanderung in die Schweiz erlebt haben.
Was der Bericht der Uno auch zeigt: Der Ausbau der Wind- und Solarenergie schreitet viel schneller voran, als das 2015 prognostiziert wurde. Warum tun wir uns trotzdem so schwer, die Klimaziele zu erreichen?
Grob beschrieben heisst Klimaschutz Elektrifizierung mittels fossilfreiem Strom. Letzeres gelingt uns gut, aber mit der Vollektrifizierung fangen wir erst an. Mehr als 90 Prozent der Investitionen weltweit, die in die Stromherstellung getätigt werden, sind erneuerbare Energien. Ihr Ausbau erfolgt so schnell, dass wir den weltweiten Energiebedarf bis 2050 gut mit ihnen decken könnten. Es gibt drei Probleme. Erstens: Die Infrastruktur ist langlebig. Schon gebaute Kohlekraftwerke bleiben noch Jahrzehnte am Netz. Zweitens: In den Entwicklungsländern steigt der Strombedarf rasant.
Und das dritte Problem?
Die anderen Sektoren. Im Transportwesen, bei der Industrie und der Landwirtschaft haben wir bis jetzt viel weniger erreicht. Zumindest beim Verkehr bin ich aber optimistisch: Autos halten sich weniger lange als Kohlekraftwerke (lacht). Das heisst, wenn der Neuwagenmarkt kippt, sehen wir nur ein paar Jahre danach tatsächlich eine grosse Änderung bei den Emissionen im Strassenverkehr.
Was ist bei der Industrie die grosse Herausforderung?
Es ist ungleich schwieriger, ganze Firmen auf nachhaltige Energien umzustellen. In einem Privathaushalt kann ich einfach eine Wärmepumpe installieren. Bei einem grossen Industrieunternehmen müssen oft alle anderen Maschinen auch ausgewechselt werden, damit das mit der Wärmepumpe funktioniert. Zudem wird kein Land die eigene Industrie benachteiligen, indem sie grüne Investitionen tätigt, die sie im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz teurer machen werden. Dazu sind die Margen zu klein.
Oft lese ich in der Kommentarspalte unter Artikeln zur Klimakrise: Die Schweiz kann ja alleine gar nichts ausrichten. Haben diese Leute recht?
Nein, ich finde, das ist falsch. Mit der gleichen Argumentation könnte man aufhören, Steuern zu zahlen, weil mein eigener Steuerbetrag allein keinen Unterschied macht. Das ist einfach eine Ausrede. Wenn Industrieländer wie die Schweiz zeigen können, wie viel man im Klimaschutz tun kann, ohne dass die Bevölkerung darunter leidet, sondern sogar profitiert, ist das ein wichtiges Signal an die Welt. Und selbst wenn kein anderes Land etwas gegen die Erderwärmung unternähme, hätte es für die Schweiz Vorteile, in die erneuerbaren Energien zu investieren. Luft- und Wasserqualität steigen, Weil wir Ressourcen schonen, sparen wir Geld. Das nützt uns auch, wenn wir nur aufs Inland schauen.
Was der Emissions Gap Report auch aufzeigt: Der globale CO2-Ausstoss ist zwischen 2024 und 2025 kaum gestiegen. Haben wir den Peak erreicht?
Die Unsicherheiten in diesen Schätzungen sind sehr, sehr gross. Die Industrieländer haben den Peak längst erreicht, als letztes China, das wahrscheinlich 2024 den Höhepunkt an CO2-Ausstoss erreicht hat. Was mich daran am hoffnungsvollsten stimmt: 2025 hatten wir global ganz solides wirtschaftliches Wachstum, ohne dass wir deswegen mehr CO2 ausgestossen hätten. Wir beobachten eine globale Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen, vor allem dank erneuerbarer Energien.
China hat den Höhepunkt an CO2-Ausstoss erreicht?
Ja, das überrascht viele Leute. Das öffentliche Bild von China ist immer noch das eines Klimasünders, der hunderte neue Kohlekraftwerke baut. Vor 15 Jahren hat das noch gestimmt. Heute elektrifiziert China die ganze Gesellschaft und betreitb also Klimaschutz mit fossilfreiem Strom.
Können undemokratische Staaten wie China solche Entscheidungen schneller vorantreiben?
Das hört man immer wieder. Fakt ist aber: Die entscheidenden Impulse für Klimaneutralität kamen aus demokratischen Staaten. Ich würde umgekehrt argumentieren: Die Entwicklung in China ist so wichtig, weil sie zeigt, was in Sachen Klimaneutralität in nichtdemokratischen Staaten möglich ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Demokratie ist super, ich würde sie gerne behalten (lacht). Aber es ist wichtig zu sehen, dass demokratische wie undemokratische Staaten gleichermassen die Weichen in Richtung Klimaneutralität stellen können.
Wie weh tut es Ihnen als US-amerikanischer Klimaforscher zu sehen, wie Donald Trump so ziemlich alle klimapolitischen Anstrengungen in den USA zusammenstreicht?
Deswegen habe ich meine US-Staatsbürgerschaft aufgegeben. Vor 15 Monaten wurde ich in der Schweiz eingebürgert, vor zwölf Monaten habe ich den US-amerikanischen Pass abgegeben.
Und jetzt tut es weniger weh?
Nicht wirklich. Aber immerhin zahle ich jetzt keine Steuern mehr, die Trump für seine klimaschädliche Politik verwenden kann (lacht).
