Reto Berra und ein «Romantik-Transfer», der die Meisterschaft «verfälschen» kann
Kein anderer Transfer seit Leonardo Genonis Wechsel von Bern nach Zug im Sommer 2019 dürfte so weitreichende sportliche Auswirkungen haben wie der grösste «Romantik-Transfer» der Neuzeit. Reto Berra kann Kloten nachhaltig positiv verändern.
Sein Debüt am Samstagnachmittag ist wahrlich vielversprechend. Er ermöglicht seinem neuen Team einen 1:0- Sieg in Langnau. Ein Powerplay-Weitschuss-Treffer von Max Lindroth genügt. Gegen einen «normalen» Torhüter hätten die Emmentaler selbst bei nachlässiger Chancenauswertung mindestens vier oder fünf Treffer erzielt.
Aber an Reto Berra scheitern sie in allen Varianten. Direktschüsse, Alleingänge, Ablenker. Das ganze Programm. Nichts hilft. Klotens letzter Mann spielt sein bestes Hockey und pariert einfach alles. Mit stoischer Ruhe und doch flink und zupackend dominiert der fast schlaksig wirkende und doch wehrhafte Titan (194 cm/99 kg) den Raum rund um sein Tor. Immer noch einer der charismatischsten und besten Torhüter unserer Hockey-Geschichte.
Dieses 1:0 ist zwar nur ein Testspiel, an das sich spätestens beim Saisonstart am 15. September auswärts gegen die Lakers niemand mehr erinnern wird. Und doch ist es ein historischer Moment. Reto Berras erster Auftritt im blauen Dress.
«Es war mein erstes Spiel mit Kloten und ich war anfänglich nervös. Das erste Spiel mit einem neuen Team ist immer schwierig. Wie finde ich mich zurecht? Wie funktioniert das System? Nun bin ich wirklich froh, dass es so gut geklappt hat.»
Selbst mit der Erfahrung aus über 600 Partien in der höchsten Liga immer noch ein wenig Lampenfieber vor der Premiere: Reto Berras Leidenschaft, Spielfreude und Professionalität sind unübersehbar. Die ganz Grossen nehmen eben jede Partie ernst. Auch ein bedeutungsloses Testspiel an einem Samstagnachmittag im August.
Mit Gottéron ist er Meister geworden und nun ist es durchaus möglich, dass er mit Kloten im positiven Sinne ein «Meisterschafts-Verfälscher» wird: Fast im Alleingang kann er einem Aussenseiter aus dem Tabellenkeller heraushelfen und dafür sorgen, dass die Klotener über ihrem «Nominalwert» spielen.
Die Transfers der Feldspieler mögen zwar zu einer grösseren Kaderbreite führen. Das Leistungsvermögen beeinflussen sie unerheblich. Auf Rang 12 war für die Zürcher im letzten Frühjahr nach der Qualifikation vorzeitig Saisonschluss. Nun aber ist Reto Berra dazu in der Lage, sozusagen im Alleingang das Team um zwei, drei oder gar vier Ränge zu verbessern.
Mit Reto Berra ist Kloten ganz anders als ohne Reto Berra. Mit ihm als Rückhalt werden an einem guten Abend alle so auftreten, als seien sie ein paar Zentimeter grösser, ein paar Kilo schwerer und einige Stundenkilometer schneller. Eishockey ist ein Teamsport. Und doch gilt: Ein guter Torhüter ist nicht alles. Aber ohne guten Torhüter ist alles nichts.
Reto Berra wird im Januar 40 Jahre alt und hat vorerst für ein Jahr unterschrieben. Aber er kann sich gut vorstellen, noch zwei oder drei Jahre anzuhängen. «Ich spiele, solange drei Punkte stimmen: Ich muss gesund sein, es muss mir Freude machen und ich muss so gut sein, dass ich meinem Team helfen kann.» Dominik Hasek gewann 2008 mit Detroit seinen zweiten Stanley Cup im Alter von 43 Jahren. Na also.
Rücktritt aus Nati
Nur Nationaltrainer Jan Cadieux muss auf Reto Berra verzichten. Elf WM- und drei olympische Turniere hat Klotens neuer Goalie seit 2012 bestritten, viermal ist er WM-Silberheld geworden (2013, 2018, 2024 und 2026). «Die WM in Zürich war ein wunderschöner Abschluss. Aber ich muss auf meinen Körper hören. Die Nationalmannschaft wäre jetzt für mich eine zu grosse Zusatzbelastung.» Wohl wahr: Ein WM-Aufgebot verkürzt die Sommerpause um mindestens einen Monat.
Sein Wechsel zu Kloten ist ein «Romantik-Transfer» in Zeiten des Hockey-Hochkapitalismus. Ein charismatischer Meistergoalie wechselt zu einem «Dorfclub» (ja, der Chronist weiss, dass Kloten eine Stadt ist) und Geld hat keine Rolle gespielt. Das hat es so spektakulär seit Einführung der Playoffs (1986) noch nicht gegeben. Es ist eine Rückkehr.
Er ist zwar ab 2001 in der Organisation der ZSC Lions ausgebildet worden, aber im Glattal hat alles begonnen. «Für mich war klar: Wenn ich Gottéron verlasse, dann werde ich für Kloten und keinen anderen Klub spielen. Dort habe ich einst als Bub Reto Pavoni bewundert.» Weil die Nummer 20 dieser Klublegende nicht mehr vergeben wird (das Trikot des vierfachen Meisters hängt im Schluefweg unter dem Hallendach), trägt Reto Berra nun die Nummer 50.
Den umgekehrten Weg geht Ludovic Waeber (30). Nach drei Jahren bei den ZSC Lions, einem Jahr in Amerika und zuletzt zwei Jahren in Kloten kehrt er zu seinem Stammklub zurück und wird beim Titelverteidiger Nachfolger von Reto Berra.
Auch das könnte sich als Transfer erweisen, der die Meisterschaft stark beeinflussen wird. Aber es ist noch nicht sicher, dass Ludovic Waeber in Fribourg auf das sportliche Wohlergehen den gleichen stimulierenden Einfluss haben wird wie Reto Berra in Kloten.
