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Hochwasser in Schärding, Österreich.
Hochwasser in Schärding, Österreich.
Bild: keystone
Kommentar

Die neue Sehnsucht nach einem Todeskult

Ob Pandemie oder Naturkatastrophe: Immer mehr Menschen verweigern sich den Erkenntnissen der Wissenschaft.
25.07.2021, 06:18

Deutschland erlebt derzeit eine der schlimmsten Naturkatastrophen seit Menschengedenken. Das hindert sogenannte «Querdenker» nicht daran, in den betroffenen Gebieten Falschmeldungen zu verbreiten und für Spenden zu werben.

In den USA hat Covid-19 bis heute mehr als 610’000 Todesopfer gefordert. Das hindert Impfgegner und konservative Politiker nicht daran, Falschmeldungen über den Schutz der Vakzine in Umlauf zu bringen. Dabei belegen die bisher bekannten Daten, dass Geimpfte nur äusserst selten an Covid erkranken, und wenn, glimpflich davonkommen.

Ob Naturkatastrophen oder Pandemie, beides wird derzeit in einer Art und Weise missbraucht, die an den Todeskult von Sekten erinnert, beispielsweise an Jonestown und Waco.

Opfer des Massenselbstmordes in Jonestown im Jahr 1978.
Opfer des Massenselbstmordes in Jonestown im Jahr 1978.
Bild: AP

In Fall von Jonestown hat der Sektenführer Jim Jones im Dschungel von Guyana eine Siedlung mit mehr als 1000 Bewohnern eingerichtet. Als die Behörden misstrauisch wurden und begannen, Untersuchungen einzuleiten, verteilte Jones Zyanid an die Sektenmitglieder und liess sie es kollektiv einnehmen. Über 900 von ihnen starben, darunter 276 Kinder.

Der Massenselbstmord von Waco (Bundesstaat Texas) im April 1993 fordert zwar «bloss» 76 Tote, doch er verlief nach dem gleichen Muster: Mitglieder der Davidianer-Sekte hatten sich dort in ihrer Siedlung verschanzt. Als die Jugendbehörde und das FBI wegen Kindesmissbrauchs aktiv wurden, lieferten sich die Sektenmitglieder zuerst ein Feuergefecht mit den Behörden und sprengten sich daraufhin kollektiv in die Luft.

Niemandem soll unterstellt werden, er plane einen Massenselbstmord. Doch sektenhaftes Denken mit Endzeitlösungen greift um sich. Allen voran bei der Bewegung QAnon. Sie hat nicht nur in den USA, sondern auch in Europa erschreckend viele Anhänger und huldigt Verschwörungstheorien, die an Absurdität nicht zu überbieten sind.

Auch Querdenker und Corona-Demonstranten hierzulande nehmen sektenhafte Züge an. Wie der «SonntagsBlick» in einer bemerkenswerten Reportage jüngst aufgezeigt hat, sind es auch bei uns meist die gleichen Leute, die sich zu den Demonstrationen in der Provinz treffen. Es handelt sich dabei meist um einsame Menschen, die eine neue Gemeinschaft gefunden haben und die sich vom Rest der Gesellschaft abkapseln. Alles, was nicht in ihr Verschwörung-Weltbild passt, ist Fake News.

Impfgegner demonstrieren in Altdorf.
Impfgegner demonstrieren in Altdorf.
Bild: sda

Die Corona-Demonstranten lassen sich politisch nicht eindeutig einordnen. Esoteriker, Alt-Hippies und Neu-Rechte mischen sich bunt durcheinander. Wenn die «Weltwoche» sich dem Klima widmet, ist die politische Stossrichtung unmissverständlich.

In der jüngsten Ausgabe schwurbelt sich Alt-Meister Urs Paul Engeler über Claudius Ptolemäus und Kurt Gödel zur Erkenntnis, «dass jede Wissenschaft, auch die scheinbar exakte, nicht mehr ist als eine meist kurzzeitig einleuchtende Bündelung von Ahnungen, Einfällen und Irrtümern». Aus dieser Perspektive muss man die Warnungen der Klimaforscher nicht weiter ernst nehmen. Ihre Erkenntnisse sind nicht mehr wert als die «Hirngespinste von schrecklichen Hohepriestern» oder «okkulten Schamanen».

Roger Köppel anerkennt derweil, dass es tatsächlich so etwas wie die Klimaerwärmung gibt. Doch mehr als ausgelutschte Parolen des Neoliberalismus hat er dagegen nicht anzubieten. «Bereits heute machen die Staaten fast alles. Deshalb machen sie fast nichts richtig», so Köppel.

Die wahre Gefahr droht uns gemäss dem «Weltwoche»-Chef vom «autoritären, intoleranten, auf Neid und Machtgier, also auf Sand gebauten rot-grünen Öko-Staat». Deshalb kommt Köppel schliesslich zur bahnbrechenden Erkenntnis: «Die Natur ist stärker als der Mensch.»

Verheerende Waldbrände in Kalifornien.
Verheerende Waldbrände in Kalifornien.
Bild: keystone

In einer intellektuell deutlich höheren Gewichtsklasse boxt NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Er ist jedoch der Beweis, dass Intelligenz nicht vor ideologischer Sturheit schützt. Der Klimawandel sei nicht an allem schuld, gibt Gujer zu bedenken und warnt: «Wenn alle Politiker dasselbe sagen, sollten die Bürger misstrauisch werden.»

Dass alle Politiker diesmal auch recht haben könnten, schliesst Gujer aus, obwohl er anerkennt: «Der Klimawandel begünstigt ohne Zweifel Starkregen, weil warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann.» Trotzdem ist es geradezu ein Verbrechen, wenn der ZDF-Moderator Claus Kleber seine Interviewpartner darauf aufmerksam macht.

Rekord-Hitzewellen in den USA und Kanada, Jahrhundertfluten in Europa und China: All dies ist nicht einfach Business as usual. Es handelt sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um Vorboten einer neuen Ära mit neuen Gefahren. Daher müssen wir jetzt Massnahmen ergreifen, um weit Schlimmeres zu vermeiden, und diese Massnahmen sind längst bekannt.

Genauso ist es nicht nur absurd, ja, verwerflich, wenn Menschen in den reichen Staaten sich weigern, sich impfen zu lassen. In den armen Ländern warten noch Milliarden darauf, einen Piks zu erhalten.

Abgedroschene Parolen gegen einen angeblichen «Seuchen-Sozialismus» und Verweigerung der wissenschaftlichen Erkenntnisse sind mehr als dumm. Sie sind erste Anzeichen eines um sich greifenden Todeskults.

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