Nicht einmal mehr die Spieler verstehen den VAR
Eigentlich hatten die Young Boys am Samstagabend Grund zu feiern. So setzten sich die Berner im Topspiel der Super League 2:0 gegen den FC St.Gallen durch und verkürzten den Abstand auf Leader Lugano zumindest vorübergehend auf drei Punkte. Die Tessiner treffen am heutigen Sonntag (14 Uhr) auswärts auf Thun.
Doch zwei Vorfälle trübten die Berner Freude etwas. Einerseits wäre da der Ausfall von Trainer Gerardo Seoane, der am Freitag aufgrund von Schwindelgefühlen und Unwohlsein ins Spital gebracht wurde. Dort wurde eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs im Innenohr diagnostiziert. Der 47-Jährige fehlte im Wankdorf an der Seitenlinie, solle seine Arbeit aber in der nächsten Woche wieder aufnehmen können.
Womöglich länger dürfte YB hingegen Edimilson Fernandes fehlen. Der 30-jährige Mittelfeldspieler wurde in der 78. Minute nach einer Grätsche gegen FCSG-Captain Lukas Görtler vom Platz gestellt. Dabei traf Fernandes seinen Gegenspieler mit dem hinteren Bein am Knöchel, woraufhin dieser umknickte. Schiedsrichter Lukas Fähndrich hatte auf dem Feld zwar nicht einmal ein Foul gesehen, nach dem Einschalten von Video-Assistent Fedayi San und dem Betrachten der Bilder zückte er jedoch die Rote Karte.
Fähndrich und San sind ein erfahrenes Duo, Letzterer reiste in dieser Funktion gar an die WM in Nordamerika. Mit diesem Entscheid sorgten die beiden aber überall für Unverständnis.
«Der VAR darf sich da nicht einschalten, Punkt und Aus!», stellte der 76-fache Schweizer Internationale Admir Mehmedi bei Blue klar. «Fernandes trifft ihn mit dem Fuss, den er nachzieht und der notabene am Boden ist. Was will er da denn machen? Sein linkes Bein auflösen?» Auch Schiedsrichter-Experte Alain Bieri sieht in der Szene keine Rote Karte. Urs Meier sprach gegenüber Blick gar von einer «Katastrophe».
Für Ärger sorgte der Platzverweis gegen Fernandes selbstverständlich auch bei seinen Mitspielern. «Für mich ist es komplett unerklärlich», schimpft Christian Fassnacht. «Edi kann sein Standbein doch nicht in Luft auflösen. Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich weiss nicht, was die Schiris da gesehen haben.» In den Augen des 32-Jährigen müsse man über die Bücher, da selbst die Spieler nicht mehr wüssten, «wie wir eine solche Szene einordnen sollen. Das ist nicht optimal für den Sport.»
Stürmer Samuel Essende, der bereits seinen zwölften Saisontreffer erzielte, sprach von einem natürlichen Vorfall und forderte ein Eingreifen des Schweizer Fussballverbands. «Das wäre Gerechtigkeit. Denn es war niemals Rot», so der 28-jährige Kongolese. YB-Captain Cédric Zesiger, der sein Unverständnis schon auf dem Platz gegenüber dem Schiedsrichter deutlich machte, sagte danach: «Mittlerweile muss man immer aufpassen, wenn man eine Grätsche macht. Für mich ist das eine mega harte Rote Karte.»
Nun gibt das betroffene Team selten zu, dass ein Platzverweis gerechtfertigt sei. Doch auch der Gefoulte selbst sagte im Blue-Interview: «Für mich wäre die Gelbe Karte für ein hartes Einsteigen auch in Ordnung gewesen.» So habe es sich für Görtler angefühlt, als sei Fernandes unglücklich auf seinen Knöchel gefallen. Es habe zwar höllisch wehgetan, doch habe sich der YB-Profi entschuldigt und vermute Görtler keine Absicht. Er habe die Szene noch nicht wieder gesehen, sagte aber: «Ich bin eh kein Fan vom Video-Schiedsrichter. Ich kann daran aber auch nichts ändern – ich habe keine Rote Karte gefordert.»
Besonders bitter für Fernandes ist die Tatsache, dass ihm für diese in den Augen vieler ungerechtfertigte Rote Karte eine Sperre von vier Spielen droht, weil es bereits der zweite Platzverweis der Saison ist. Ex-Schiri Meier findet, dass höchstens die automatische Sperre für ein Spiel angebracht sei. (nih)
