«Werde in diesem Beruf nicht pensioniert»: So war es am Tamedia-Streik
Am Ende steht ein gellendes Pfeifkonzert. Aus Dutzenden Trillerpfeifen entlädt sich der Frust.
Das Kreischen der Trillerpfeifen steht für den Zorn der Tamedia-Belegschaft, dass Tamedia-Verleger Pietro Supino zum wiederholten Mal Journalisten und Journalistinnen entlässt. Für den Frust, dass er auf die Forderungen der verbleibenden Belegschaft kaum eingeht. Es steht auch für die Angst, als Nächstes entlassen zu werden.
Am Donnerstagvormittag streikte ein Teil der Tamedia-Belegschaft. Für eine Stunde legten sie die Arbeit nieder und wehrten sich so gegen die Entlassung von 41 Angestellten bei Tamedia. Die meisten von ihnen sind im Journalismus tätig, aber auch Angestellte anderer Abteilungen sind dabei. Einer der Wortführer sagte:
Wie vor zwei Wochen schon versammelten sich die protestierenden Journalistinnen und Journalisten vor dem Tamedia-Hauptgebäude in Zürich. Nur: Vor zwei Wochen war es noch eine Protestaktion. Am Donnerstag war es ein Streik.
Diesen hatte «eine überragende Mehrheit» der Belegschaft von Tamedia an einer Sitzung am Montag beschlossen, wie es in einer Mitteilung hiess. Am Donnerstag versammelten sich gemäss der Nachrichtenagentur Keystone-SDA rund 150 von ihnen in Zürich.
Gemäss Informationen von watson streikten in Bern zur gleichen Zeit etwa 50 Tamedia-Angestellte. In Lausanne gingen 60 Personen vor das Redaktionsgebäude, in Genf ungefähr 30. Live zugeschaltet waren zudem alle Korrespondentinnen und Korrespondenten der Tamedia-Zeitungen.
Fehlen Menschen, fehlt guter Journalismus
watson hat sich unter die Streikenden gemischt. Mit Namen will niemand von ihnen zitiert werden. Das dürfte damit zusammenhängen, dass die Chefredaktion der Belegschaft in einer Nachricht mitgeteilt hat, dass es unerwünscht sei, wenn sie mit anderen Medien sprechen würde. Man solle sich an die «etablierten Abläufe» halten. In anderen Worten: Medienanfragen sollen über die Chefredaktion und die Medienstelle laufen.
Ein Journalist aus der visuellen Abteilung von Tamedia, sagt: «Ich gehe nicht davon aus, dass ich in diesem Beruf pensioniert werde.» Er arbeite seit sechs Jahren am Hauptsitz an der Zürcher Werdstrasse und habe schon mehrere Entlassungswellen erlebt. «Jedes Mal hat es auch Leute aus dem Bildbereich getroffen», sagt der Journalist.
Dabei seien Bilder ein wesentlicher Teil der journalistischen Ausdrucksweise, sagt der Journalist und fügt an:
Wie zum Beweis dafür flattern vor dem Tamedia-Gebäude an diesem Streikvormittag einzelne Tages-Anzeiger-Seiten im Novemberwind. Sie sind voller Löcher: Auf der Frontseite fehlen Leitartikel und Bild, in den Texten sind ganze Absätze geschwärzt. Die Botschaft ist klar: Journalismus braucht Menschen – ohne diese ist kein guter Journalismus möglich.
Nicht alle in den Tamedia-Redaktionen haben sich für den Streik ausgesprochen. Gegenüber watson sagt ein Redaktionsmitglied, es sei nur aus Solidarität mit den Kollegen und Kolleginnen hier. Den Streik halte es für das falsche Mittel: «Die Qualität der Zeitung leidet darunter. Das möchte ich nicht in Kauf nehmen.»
Mit den Entlassungen tut sich aber auch dieses Redaktionsmitglied schwer. In seinem Ressort seien mehrere Journalisten entlassen worden:
Supino zu Gespräch bereit
Die Forderungen der Tamedia-Belegschaft sind die gleichen wie beim Protest vor zwei Wochen und werden von der Personalkommission mitgetragen: Die Kündigungen sollen zurückgenommen werden. Für die nächsten zwei Jahre soll ein Kündigungsstopp gelten. Die Belegschaft will angehört werden und noch im November mit Verleger Supino ins Gespräch gehen. Für die Zukunft soll ein Gesamtarbeitsvertrag her, der ab einer Entlassung von fünf Mitarbeitenden ein Konsultationsverfahren zwingend macht.
Auf eine der Forderungen will Tamedia offenbar eintreten: Kurz vor dem Streik wurde bekannt, dass Supino für einen Austausch mit den protestierenden Angestellten bereit ist.
