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Journalismus: Abo-Kündigungen nach Entlassungen bei Tamedia

Mitarbeitende der Tamedia-Redaktion und weitere Personen protestieren gegen die angekuendigte Entlassungswelle, am Dienstag, 20. Oktober 2026 in Zuerich. Mit der Aktion setzen sie sich gegen den Stell ...
Am 20. Oktober protestierten die Journalisten und Journalistinnen der Tamedia-Redaktionen gegen die Kündigung von 41 Kollegen und Kolleginnen.Bild: KEYSTONE

Nach neuen Entlassungen: Abonnenten wenden Tamedia den Rücken zu

Vergangene Woche demonstrierten Journalistinnen und Journalisten von Tamedia gegen die Entlassung von 41 Personen. Nicht nur sie sind hässig: Auch langjährige Leser kündigen ihr Abo.
28.10.2026, 18:0128.10.2026, 18:01

Eine Woche, nachdem vor dem Tamedia-Gebäude die Journalisten und Journalistinnen gegen die neuen Entlassungen auf den Tamedia-Redaktionen demonstriert hatten, sickert immer mehr durch, wer das Verlagshaus verlassen muss.

Dagegen regt sich Widerstand, nicht nur unter den Journalistinnen und Journalisten selbst, sondern auch in der Leserschaft. Auf Social Media haben sich zahlreiche Menschen zu Wort gemeldet und angekündigt, ihr Tamedia-Abo zu kündigen.

Unter ihnen ist Kabarettist und Schauspieler Patrick Frey. Er schreibt auf Instagram, dass die Entlassungen bei Tamedia für ihn den Ausschlag gegeben hätten, sein Tagi-Abo zu kündigen. Stattdessen wendet sich Frey, der in den 1970er und 1980er-Jahren selbst als Kulturjournalist beim Tages-Anzeiger arbeitete, der NZZ zu.

«Lieber ein rechtsliberales Blatt mit einem hochstehenden Feuilleton als eine kulturpolitische Schrumpfpublikation mit toxischer Unternehmenskultur.»
Patrick Frey

Unter seinem Post gibt es mehrere Kommentare, die in die gleiche Kerbe schlagen. watson wollte deshalb von Tamedia wissen, wie viele Leserinnen und Leser den Tamedia-Zeitungen den Rücken gekehrt haben, seit die Geschäftsleitung am 5. Oktober die Entlassung von 41 Angestellten kommuniziert hat.

Mediensprecher Edi Estermann will keine genauen Zahlen zu erfolgten Kündigungen nennen. Er sagt: «Selbstverständlich bedauern wir es, wenn sich Leserinnen und Leser von unseren Angeboten abwenden.»

Die protestierenden Journalisten und Journalistinnen von Tamedia stören sich daran, dass die Geschäftsleitung einen direkten Zusammenhang zwischen den Abo-Kündigungen und dem Protest gegen die Kündigungen hergestellt habe.

Protest gegen 41 Entlassungen bei Tamedia – wir waren vor Ort

Video: watson/reto heimann, lucas zollinger

Eine interne Nachricht, die watson vorliegt, bestätigt das. Darin heisst es, dass es zu mehreren Dutzend Abo-Kündigungen gekommen sei. Die Geschäftsleitung glaube, das sei zum Teil auf den Aufruf der Tamedia-Redaktionen zurückzuführen, sich am Protest zu beteiligen, steht in der Nachricht weiter.

Estermann widerspricht dieser Darstellung. Tamedia respektiere das Recht seiner Mitarbeitenden, ihre Kritik öffentlich zum Ausdruck zu bringen. «Es gab und gibt keine Schuldzuweisung der Geschäftsleitung an die Aktionsgruppe und die Mitarbeitenden bezüglich Abo-Kündigungen», sagt Estermann.

NZZ-Mediensprecherin Karin Heim verneint auf Anfrage von watson, dass es seit Anfang Oktober zu einem auffälligen Anstieg bei den Abos gekommen sei – weder digital noch Print. «Auch Hinweise auf vermehrte Wechsel von Tamedia zur NZZ sehen wir derzeit nicht.»

Kultur im Krebsgang

Besonders unter Druck stehen bei Tamedia die Kulturjournalisten und Kulturjournalistinnen – die Entlassung der zweifachen Schweizer Kulturjournalistin des Jahres Nora Zukker ist das jüngste Beispiel dafür. Eine eigene Kulturredaktion leistet sich Tamedia schon seit sechs Jahren nicht mehr.

Mitten im Corona-Sommer 2020 führte Tamedia die Ressorts Wissen, Kultur, Gesellschaft und Service zu einem neuen Ressort Leben zusammen.

Der für den Umbau verantwortliche Michael Marti sagte damals, dass die Umstrukturierung keine personellen Konsequenzen haben werde. Anfang Juli 2020 umfasste das neue Ressort Leben rund 22 Vollzeitstellen verteilt auf 33 angestellte Personen.

Eine Frau liest die letzte gedruckte Ausgabe des Zueritipps - eine woechentliche Beilage des Tages-Anzeigers, fotografiert am Freitag, 20. Dezember 2024 bei Zuerich. Der Zueritipp erschien zum ersten  ...
Am 20. Dezember 2024 erschien die letzte Ausgabe des Stadtzürcher Kulturmagazins Züritipp.Bild: KEYSTONE

Sprung um sechs Jahre. Der Züritipp ist als Beilage für Zürcher Kultur ersatzlos gestrichen worden. Zum Jahreswechsel 2022/23 war das Ressort Leben mit sechs teils freiwilligen, teils durch Kündigungen erfolgten Abgängen ausgedünnt worden. Im Mai 2024 wies das Impressum im Ressort Leben deshalb noch 27 Angestellte aus.

Heute arbeiten im Ressort Leben noch 16 Journalistinnen und Journalisten. watson weiss von drei Personen im Ressort Leben, die im Zug der neuen Entlassungswelle die Kündigung erhalten haben. Zusammen mit den noch fünf verbleibenden Journalisten und Journalistinnen in der Redaktion Wissen, arbeiten also bald noch höchstens 18 Festangestellte in den Ressorts Leben und Wissen.

Welcher publizistischen Strategie folgt der Stellenabbau im Kulturbereich? Mediensprecher Estermann sagt: «Kultur bleibt ein wichtiger Bestandteil unseres publizistischen Angebots. Es gibt selbstverständlich keinen strategischen Entscheid, die Kulturberichterstattung abzubauen.» Estermann stellt in Abrede, dass der Kulturberichterstattung grundsätzlich weniger Bedeutung beigemessen werde.

Auch wenn Strukturen, Aufgaben und Verteilung der Ressourcen auch bei der Kultur laufend überprüft würden, bleibe es das Ziel von Tamedia, «weiterhin eine relevante, qualitativ hochwertige Kulturberichterstattung anzubieten.»

ZUERICH, 20.12.2018 - Schauspieler Patrick Frey, fotografiert bei den Proben im "Miller's Studio" in Zuerich. (KEYSTONE/Pascal Mora) === COPYRIGHTPFLICHTIG , SPECIAL FEES, , EDITORIAL U ...
Schauspieler und Verleger Patrick Frey ist kein Fan der Tamedia-Zeitungen mehr.Bild: PASCAL MORA

Anders sieht das Patrick Frey. Er hat in einem zweiten Instagram-Post nachgelegt. Er wünsche sich von einer Zeitung, dass sie Nahrung sei für sein Gehirn. «Und die Tagi-Printausgabe ist in dieser Hinsicht nur noch ein Snack, der meine Synapsen verklebt.»

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