Fast 500'000 Kinder sexuell ausgebeutet – Spur führt auch in die Schweiz
Mit wenigen Klicks können Täter Tausende Kilometer entfernt bestimmen, was einem Kind angetan werden soll. Bezahlt wird teilweise nur ein vergleichsweise kleiner Betrag, die Übertragung erfolgt über Videochat oder verschlüsselte Messenger.
Eine umfangreiche Recherche von CNN zeigt, wie gross das Geschäft mit sogenanntem «made-to-order»-Missbrauch auf den Philippinen inzwischen ist. Dabei bezahlen Kunden aus wohlhabenderen Ländern lokale Vermittler dafür, Kinder sexuell zu missbrauchen, während sie die Tat live über das Internet verfolgen und teilweise selbst Anweisungen geben.
Das Ausmass ist enorm: Eine Untersuchung der International Justice Mission (IJM) und der University of Nottingham kam zum Schluss, dass allein 2022 fast 500'000 philippinische Kinder für die Produktion neuen sexuellen Missbrauchsmaterials ausgebeutet wurden. Das entspricht ungefähr einem von 100 Kindern im Land.
Auch Schweizer Täter taucht auf
CNN zeichnet unter anderem das Schicksal eines heute 14-jährigen Mädchens nach, das unter dem Pseudonym Isa auftritt. Sie berichtet, dass ihre Tanten sie und mehrere jüngere Cousinen zu sexuellen Handlungen vor der Kamera gezwungen hätten.
Die Kinder seien teilweise mitten in der Nacht geweckt worden, damit sie für Kunden in anderen Zeitzonen zur Verfügung standen. Nach dem Missbrauch hätten sich ihre Tanten bei ihr entschuldigt und gebetet, erzählt Isa.
Schliesslich wurden die Kinder befreit und in einer Schutzeinrichtung untergebracht. Der Fall hatte Folgen bis nach Europa: Nach Angaben von CNN führte er unter anderem zur Verurteilung eines Schweizer Staatsbürgers. Gegen einen weiteren Mann in Grossbritannien wurde ermittelt.
Damit zeigt der Fall exemplarisch, wie international das System funktioniert: Die Opfer befinden sich auf den Philippinen, die zahlenden Täter können dagegen Tausende Kilometer entfernt in Europa oder Nordamerika vor ihrem Computer sitzen.
USA sind grösster Markt
Besonders stark ist laut CNN die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten. Daten der philippinischen Anti-Geldwäschebehörde zeigen, dass die USA seit 2015 das wichtigste Herkunftsland für verdächtige Zahlungen im Zusammenhang mit sexuellem Kindesmissbrauch im Internet sind. Auch eine Analyse der Behörde aus dem Jahr 2026 bestätigt, dass die USA bei entsprechenden verdächtigen Transaktionen an erster Stelle stehen.
Zwischen 2020 und 2022 flossen laut der ausgewerteten Daten mehr als sieben Millionen Dollar aus den USA in solche Geschäfte auf den Philippinen.
Die tatsächliche Dimension dürfte noch wesentlich grösser sein. Für einzelne Bilder oder den Zugang zu einem Livestream werden teilweise nur wenige Dollar bezahlt. Laut International Justice Mission (IJM) reichen in gewissen Fällen bereits rund 25 Dollar, damit ein Täter einen sexuellen Missbrauch in Echtzeit verfolgen kann.
Oft sind Angehörige an der Ausbeutung beteiligt
Besonders erschütternd ist, wer die Kinder auf den Philippinen häufig den ausländischen Tätern zuführt.
CNN berichtet unter Berufung auf die philippinische Polizei, dass von 50 Frauen, die 2025 wegen sexueller Ausbeutung von Kindern im Internet festgenommen wurden, 32 selbst Mütter waren. Häufig stammen die Vermittler aus der eigenen Familie oder dem unmittelbaren Umfeld der Opfer.
Armut spielt dabei eine zentrale Rolle. In einem Land, in dem kleine Dollarbeträge für Familien einen erheblichen Unterschied machen können, schaffen ausländische Käufer einen finanziellen Anreiz für die Ausbeutung. Gleichzeitig erleichtern verbreitete Englischkenntnisse, günstiger Internetzugang und internationale Bezahldienste das Geschäft.
IJM bezeichnet die Philippinen deshalb als globalen Schwerpunkt für kommerziell motivierte Produktion von sexuellem Missbrauchsmaterial, insbesondere bei Livestreams.
CNN findet Täter hinter den Bildschirmen
Für seine Recherche wertete CNN Gerichtsakten, Computerdaten und weitere Datensätze aus. Das Rechercheteam konnte nach eigenen Angaben mehr als ein Dutzend Käufer von auf den Philippinen produziertem Missbrauchsmaterial identifizieren.
Sie kamen unter anderem aus den USA, Grossbritannien und Schweden, waren zwischen 20 und über 70 Jahre alt und gingen unterschiedlichen Berufen nach. Die von CNN namentlich genannten Männer waren entweder bereits wegen entsprechender Straftaten verurteilt worden oder hatten diese eingeräumt.
In einem Fall soll ein Täter mehr als 29'000 Dollar für entsprechendes Material aus den Philippinen bezahlt haben.
CNN stiess bei der Recherche zudem auf private Telegram-Gruppen, in denen Missbrauchsmaterial angeboten wurde. Teilweise seien regelrechte «Menüs» mit Alter und Geschlecht der Kinder sowie Preisen und angebotenen Inhalten verbreitet worden.
Telegram erklärte gegenüber CNN, allein 2026 bereits mehr als 400'000 Kanäle mit Bezug zu sexuellem Kindesmissbrauch gesperrt zu haben. Das Unternehmen räumte zugleich ein, dass gesperrte Nutzer immer wieder neue Konten eröffneten.
13-Jährige von eigener Schwester vermittelt
CNN erzählt auch die Geschichte von «Kate». Sie war 13 Jahre alt, als ihre ältere Adoptivschwester sie während der Corona-Pandemie erstmals an Kunden vermittelte.
Anfangs sollte sie sich gegenüber Männern im Internet als deren Freundin ausgeben. Später seien immer explizitere Forderungen hinzugekommen. Auch Nachbarn hätten sie Kunden zur Verfügung gestellt, wenn diese nach jüngeren Mädchen verlangten.
Einer ihrer Täter war der US-Amerikaner Carey Lee Sackmann. Ermittler fanden heraus, dass er über mehrere Skype-Konten Kontakt zu Vermittlern auf den Philippinen hielt und für Livestreams mit sexuell missbrauchten Kindern bezahlte. Sein jüngstes bekanntes Opfer war nach Angaben von CNN etwa sechs Jahre alt.
Sackmann verbüsst inzwischen eine zehnjährige Haftstrafe. Er wurde zudem zu einer Entschädigungszahlung von 50'000 Dollar verpflichtet, von der Kate 6300 Dollar erhielt.
Heute ist Kate 20 Jahre alt. Gegenüber CNN schildert sie, dass der Missbrauch bis heute ihr Selbstbild und ihre Beziehungen beeinflusst.
Livestreams sind für Ermittler besonders schwierig
Für Strafverfolger stellt diese Form des Missbrauchs ein besonderes Problem dar. Bei einem Livestream muss keine Datei gespeichert werden. Ist die Übertragung beendet, können nur wenige digitale Spuren zurückbleiben.
Genau das unterscheidet die Fälle von bereits bekannten Bildern oder Videos, die technische Systeme wiedererkennen können. IJM weist darauf hin, dass private und teilweise verschlüsselte Videoübertragungen besonders schwer zu entdecken sind.
CNN berichtet zudem über ein weiteres Problem in den USA: Ein grosser Teil der Ermittler von Homeland Security Investigations wurde für die Durchsetzung der Einwanderungspolitik abgezogen. Nach zitierten Daten waren es zeitweise fast 90 Prozent der Agenten beziehungsweise mehr als 6000 Mitarbeiter. Ermittler sagten dem Sender, dadurch seien Hinweise in Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch liegen geblieben.
Die Recherche macht damit vor allem eines deutlich: Der sexuelle Missbrauch findet zwar vor einer Kamera auf den Philippinen statt. Angetrieben wird er jedoch zu einem wesentlichen Teil durch die Nachfrage aus wohlhabenden Ländern – darunter auch die Schweiz. (mke)
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