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Ist der Krypto-Traum bald vorbei?

Kryptowährung Crash: Ist der Albtraum nun vorbei?
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Ist der Krypto-Traum bald vorbei?

Der Crash von Bitcoin & Co. könnte auch das Ende der Hoffnung auf eine neue Geldordnung bedeuten.
08.07.2022, 08:0908.07.2022, 08:09

Alle leiden derzeit an den Finanzmärkten, aber nirgends ist die Not so gross wie bei der Krypto-Gemeinde. Der Wert von Bitcoin, Ether & Co. ist um rund zwei Drittel eingebrochen, rund zwei Billionen Dollar wurden dabei vernichtet. So weit, so schlecht. Doch wer ein echter Krypto-Anhänger ist, der lässt sich davon nicht beeindrucken.

Die gängige Story innerhalb der Krypto-Gemeinde lässt sich in etwa wie folgt zusammenfassen: Der Internetboom der Neunzigerjahre endete bekanntlich ebenfalls in Tränen. Die Erwartungen waren viel zu hoch, und irgendwann setzte sich die Erkenntnis durch, dass allein durch das Addieren des Kürzels Dotcom noch kein multinationaler Konzern entstanden ist.

Hat die These der «schöpferischen Zerstörung» erfunden: Joseph Schumpeter.
Hat die These der «schöpferischen Zerstörung» erfunden: Joseph Schumpeter.

Das Platzen der Dotcom-Blase war deshalb ein Segen, respektive eine Bestätigung der These von der «schöpferischen Zerstörung», wie sie der Ökonom Joseph Schumpeter vor dem Zweiten Weltkrieg formuliert hatte. Wie der Phoenix aus der Asche entstieg aus den Dotcom-Trümmern das Web 2.0. Facebook, Google & Co. wurden in der Folge tatsächlich Giganten, welche die Welt beherrschen.

Der aktuelle Krypto-Crash werde eine vergleichbare Wirkung haben. Er sei gewissermassen die Voraussetzung für ein Web 3.0. Dieses werde die Sünden des Web 2.0 wieder zunichtemachen und die mächtigen Tech-Giganten zerstören, so die These. Sie setzt ein Geldsystem voraus, das nicht mehr auf Zentralbanken und Landeswährungen beruht, sondern dezentral organisiert ist.

Die Vorstellung eines dezentralen Geldsystems ist deutlich älter als das Internet. Sogenannte Parallelwährungen beschäftigen Geldtheoretiker schon lange, denn als Geld kann eigentlich fast alles dienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ersetzten beispielsweise Zigaretten eine Zeit lang die marode deutsche Reichsmark. In der Schweiz entstand in der Krise der Dreissigerjahre das WIR-Geld, das heute noch vor allem in der KMU-Szene herumspukt. Parallelwährungen gibt es zudem in ausgewählten Zirkeln. Eine bekannte ist der Chiemgauer, eine Währung, die Anthroposophen rund um den Chiemsee ins Leben gerufen haben, um so die lokale Wirtschaft zu stärken.

Parallelwährungen sind ihrem Wesen nach banal. Sie dienen dazu, das Geld in einem definierten Kreis zu behalten, ähnlich wie dies auch die Cumulus-Karte der Migros oder die Coop-Superkarte tun.

Russian-Canadian programmer Vitalik Buterin, founder and inventor of the Ethereum mining network and software development platform, along with the associated Ether (ETH) cryptocurrency, speaks at a bl ...
Hat Ethereum geschaffen: Vitalik Buterin.Bild: KEYSTONE

Die Web-3.0-Enthusiasten haben selbstredend besser klingende Namen für ihre Systeme. Sie sprechen von DAOs (Dezentralisierte Autonome Systeme) und DeFi (Decentralized Finance). Sie haben natürlich auch eine weit komplexere Technologie, die Blockchain. Diese macht es möglich, dass der Zahlungsverkehr über das Internet abgewickelt wird, global, und ohne dass sogenannte Intermediäre, sprich Banken, dazwischen geschaltet werden müssen.

In der Theorie soll so ein Geldsystem entstehen, in dem unzählige, auf spezifische Bedürfnisse zugeschnittene Währungen – heute gibt es bereits rund 10’000 verschiedene Kryptowährungen – dank einer gemeinsamen Basis, etwa Ether, reibungslos und kostenlos miteinander verkehren. Es gibt keine Banken und schon gar keine Zentralbank mehr, die bestehenden Tech-Giganten schrumpfen auf Normalgrösse zurück. Es ist beinahe wie bei Karl Marx und seiner Utopie einer klassenlosen Gesellschaft.

In der aktuellen Ausgabe rechnet die «Financial Times» gnadenlos mit diesem Traum ab. Was die Web-3.0-Enthusiasten vorbringen, sei im Wesentlichen das Gleiche, wovon schon in den Neunzigerjahren geträumt worden sei, stellt das Blatt fest, und die Blockchain-Technologie sei alles andere als ein Wundermittel. «Sie ist riskant, fehlerhaft und noch nicht bestätigt», erklärt Bruce Schneier, ein Experte für Computersicherheit. «Was immer ihr auch anstellt, tut es besser ohne Blockchain.»

Der Computer-Wissenschaftler Phil Libin fällt ein noch härteres Urteil. Er bezeichnet das Web 3.0 wie folgt: «80 Prozent Gier, 20 Prozent Ideologie und null Prozent Technologie.»

Tatsächlich ist die Blockchain noch weit davon entfernt, die hochfliegenden Erwartungen, die in sie gesetzt werden, zu erfüllen. Die Abwicklung des Zahlungsverkehrs der Bitcoins erfolgt nach wie vor nach dem Verfahren, das «Proof of Work» genannt wird. Dieses Verfahren ist langsam, verbraucht Unmengen von Strom und kann sehr teuer sein.

Seit Jahren verspricht Ethereum deshalb, dieses Verfahren durch «Proof of Stake» zu ersetzen und so eine Plattform zu schaffen, auf der andere Kryptowährungen abgewickelt werden können. Bisher ist dieses Versprechen zwar immer wieder ausgesprochen, doch noch nicht eingelöst worden.

All dies kann die Web-3.0-Enthusiasten nicht aus der Ruhe bringen. Einer davon ist Ryan Watt von den Polycon Studios. «Sollte es zehn Jahre dauern, bis ein Amazon auf Web 3 entsteht, dann habe ich damit kein Problem», erklärt er gegenüber der «Financial Times». «Ich wäre damit ganz zufrieden.»

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