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toni erdmann

Zwei, die gestraft sind miteinander: Peter Simonischek als Papa beziehungsweise Toni und Sandra Hüller als Tochter. Bild: filmcoopi

So machte Regisseurin Maren Ade aus den Zähnen von Austin Powers «Toni Erdmann»

Der Film, von dem seit Cannes alle reden, läuft jetzt auch bei uns. Den Kopf von Maren Ade würden wir uns gern mal ausleihen.



Das eine Kind rennt, das andere pennt. Maren Ade ist da. Mit Familie. Mit beiden Kindern und diversen Grosseltern-Teilen. Und mit dem nervösesten Smartphone der europäischen Filmszene. Ihre SMS-Frequenz ist irrsinnig hoch. «Mein deutscher Verleiher schickt immer die Zahlen, aber ich kann’s nicht öffnen», sagt sie in den heissen Zürcher Abend hinein, «er hat so einen Zugang, da weiss man jede Nacht ab 1 Uhr, in welchem Saal von welchem Kino in welcher Stadt wie viele Leute in den Film gegangen sind.»

Seit dem 14. Juli läuft «Toni Erdmann» nun in Deutschland und ist direkt vom Kritiker- zum Zuschauerliebling avanciert. «Wir freuen uns sehr! Jetzt sind wir gespannt, ob das so weiter geht, oder ob plötzlich alle feststellen: Das ist ja doch ein schwieriger Film.» Ist es nicht. «Toni Erdmann» ist enorm lustig. Nach 120 von normalerweise unzumutbaren 160 Minuten denkt man sich so: «Fuck! Nur noch 40 Minuten!» Sonst denkt man sowas nur bei Serien.

Trailer zu «Toni Erdmann»

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YouTube/KinoCheck

Mag Maren Ade Serien? «Six Feet Under» hat sie vor langer Zeit ganz geschaut. «Aber irgendwie hat’s mich in der letzten Zeit genervt, ich finde, in dieser Episodenstruktur liegt doch immer etwas Schematisches, egal, wie gut der Inhalt ist. Natürlich ist das total toll gemacht, man erfährt enorm viel, es ist top recherchiert, aber diese immer gleiche Struktur ermüdet mich, das finde ich auch nicht aufregend genug.»

«Toni Erdmann» ist ein triumphales Märchen, das im Mai am Filmfestival von Cannes begann und damals ein bisschen auf Zürich abglänzte. Weil die grossartige Sandra Hüller während Cannes gerade am Neumarkt-Theater den Soloabend «Bilder deiner grossen Liebe» spielte. Für alle, die Sandra Hüller nicht kennen: Sie ist eine Mischung aus Cate Blanchett und Punkrock. Eine Kraft. Eine einzige Vorstellung liess sie ausfallen, damit sie schnell in Cannes alle Termine absolvieren konnte.

epa05305628 German actress Sandra Huller (L) and German director Maren Ade (R) arrive for the screening of 'Toni Erdmann' during the 69th annual Cannes Film Festival, in Cannes, France, 14 May 2016. The movie is presented in the Official Competition of the festival which runs from 11 to 22 May.  EPA/SEBASTIEN NOGIER

Sandra Hüller und Maren Ade in Cannes bei der Premiere.
Bild: SEBASTIEN NOGIER/EPA/KEYSTONE

Manche sagen, «Toni Erdmann» sei der beste deutsche Film der letzten zehn, zwanzig oder auch fünfzig Jahre. Er wäre aber auch grossartig, wenn er dänisch, englisch oder österreichisch wäre. Es ist ein Film über eine Familienbindung. Und über Europa. Über eine toughe Tochter und einen lustigen Vater. Über Expats und Heimat.

Die Sache mit den Töchtern und ihren lustigen Vätern ist ein Topos: Pippi Langstrumpf hat so einen Vater, den Südseekönig. Und Lily Aldrin aus der Sitcom «How I Met Your Mother» ist die Tochter eines Erfinders analphasenfixierter Brettspiele. Es sind Väter, die Abenteurer, Bastler, Joker, Gemütswurzeln, Schausteller, Fantasten sind. Nicht wirklich mit der Wirklichkeit belastbar. «Ich versuch mir gerade, eine weibliche Toni Erdmann vorzustellen, das ist irgendwie schwierig. Gemein, eigentlich, oder?», sagt Maren Ade. Mutter-Tochter-Beziehungen sind Konfliktzonen, Vater-Tochter-Beziehungen sind leichter, auch etwas distanzierter.

toni erdmann

Nirgendwo lässt sich ein ungebetener Gast besser blossstellen auf als einem Botschaftsempfang.
Bild: filmcoopi

Da sind also dieser Winfried Conradi (Peter Simonischek), ein Althippie und Musiklehrer, und seine Tochter Ines (Sandra Hüller), eine international tätige Unternehmensberaterin, die gerade in Bukarest arbeitet. Er sucht sie heim, passt kein bisschen in ihre kühle, berechnende, aufs Funktionale und aufs Funktionieren reduzierte Welt, doch anstatt wieder abzureisen, verkleidet er sich und wird Toni Erdmann. Eine Witzfigur, die immer an Hape Kerkelings Horst Schlämmer erinnert, falsches Gebiss, falsche Haare, falsche Manieren.

Das Gebiss ist ein kleines Zitat aus Maren Ades Familien-Anekdoten: «Die gab’s mal auf einer Premiere von ‹Austin Powers› als Give-away. Die hab ich meinem Vater mitgebracht, und eine Zeit lang hat er sie zum Spass reingemacht, zum Beispiel im Restaurant, wenn der Kellner kam, oder wenn er was ganz Ernstes sagen wollte. In meiner Familie wird viel mit Humor gelöst, und mein Vater hat auch ein gutes Repertoire an Scherzen und an Ironie, aber was im Film passiert, ist alles zusammengesponnen. Die Zähne sind nur ein winziges Detail.»  

austin powers

Austin Powers.
bild: wikipedia

Erstaunlicherweise funktioniert das hochgespielte Selbstbewusstsein von diesem Toni Erdmann in der künstlichen Welt seiner Tochter. Die Leute glauben ihm. Bis Ines beginnt, mitzuspielen und den Vater zu übertrumpfen. Das Familientheater erreicht seinen hochnotpeinlichen Höhepunkt an einem Ort, der keine Verkleidung mehr erlaubt, an einer Nacktparty.

toni erdmann

Lieber nackt als im Pelz ...
Bild: filmcoopi

Dazwischen geschehen Dinge, die hat sich so einfach noch niemand ausgedacht. Kann man sich den Kopf von Maren Ade, die ja auch das Drehbuch erfunden hat, bitte mal ausleihen? Die Stimmbänder lieber nicht. Seit Cannes leidet sie an gelegentlichem Stimmverschwinden. Nicht, weil sie mehr reden würde als sonst, aber weil sie in all den Interviews angespannter redet als sonst.

Es sei eben auch die Hippie‐Erziehung des Vaters – zur Freiheit, zur Selbstbestimmtheit –, sagt sie, die der Tochter nun ermöglicht, erfolgreich eine neoliberale Existenz zu führen. Ein «moderner, biegsamer Menschen zu sein, der sich überall anpasst». Maren Ade hat für Ines in der Bukarester Expat-Szene recherchiert. Ist auf einsame Abenteurer gestossen, auf viele Frauen in Männerjobs – und auf die Problematik deutscher Expats: «Gerade, wenn man an die EU denkt, ist das eine sehr zwiespältige Rolle: Man gehört zu diesem deutschen dicken Partner und erklärt denen im Ausland, was richtig ist.»

In Maren Ades letztem Film «Alle anderen» wurde die Ballade «Ich hab dich lieb» von Herbert Grönemeyer zur grossen Musicalnummer eines Paares. In «Toni Erdmann» ist es «The Greatest Love of all» von Whitney Houston. 80er-Jahre-Kitsch. Mit dem man sich identifizieren, von dem man sich distanzieren kann, sagt Maren Ade. Grosse Gefühlskulissen für die Restwärme von sich abkühlenden Beziehungen. Denn bei aller Lustigkeit ist «Toni Erdmann» auch dies: traurig wie verrückt.

«Toni Erdmann» läuft jetzt im Kino.

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