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Warum wir Trump noch nicht abschreiben sollten

Duane Schwingel, dressed as Uncle Sam, arrives before former President Donald Trump speaks at a campaign rally in support of the campaign of Sen. Marco Rubio, R-Fla., at the Miami-Dade County Fair and ...
Bild: keystone
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Warum wir Trump noch nicht abschreiben sollten

Der Ex-Präsident ist angeschlagen, aber noch lange nicht tot.
14.11.2022, 18:0915.11.2022, 13:51

In den Sozialwissenschaften gibt es einen alten Streit, der sich um folgende Frage dreht: Wer bestimmt den Lauf der Geschichte, die ökonomische Basis einer Gesellschaft? Oder grosse Männer und Frauen? Die Vertreter der «ökonomische-Basis»-These stützen sich auf die – allerdings vulgär-marxistische – These, wonach das «Sein das Bewusstsein» definiert. Diesen Materialisten stellen sich die Idealisten entgegen. Diese sind überzeugt, dass unser Schicksal von Männern wie Napoleon und Cäsar oder Frauen wie Elizabeth I. und Katharina der Grossen geprägt wurde.

Auch das Phänomen Donald Trump kann man materialistisch und idealistisch betrachten. Hier zunächst die materialistische Version:

Der rechte Populismus ist älter als Trump

Daron Acemoglu ist ein Ökonom, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrt. Bekannt wurde er mit seinem Buch «Warum Nationen scheitern», das er zusammen mit James Robertson verfasst hat. (Übrigens sehr lesenswert.)

Im Magazin «Foreign Affairs» vertritt er nun die These, wonach man Trump nur verstehen könne, wenn man sich mit den Bedingungen befasse, die ihn ermöglicht haben. «Der rechte Populismus ist nicht wegen des geistesgestörten Charismas von Trump entstanden», stellt Acemoglu fest. «Als potente politische Macht hat sich der rechte Populismus zwei Jahrzehnte vor Trump etabliert.» Acemoglu verweist denn auch auf ähnliche Entwicklungen in Brasilien, Ungarn, Indien, den Philippinen, Polen und der Türkei, in denen der Aufstieg von starken Männern ebenfalls dank den ökonomischen Bedingungen ermöglicht wurde.

In den USA ist gemäss Acemoglu einerseits der Niedergang der Arbeitnehmer ohne Hochschulabschluss dafür verantwortlich. Diese Bevölkerungsgruppe wurde besonders hart von der Globalisierung getroffen. Ihre Löhne stagnierten nicht nur, sie wurden teilweise drastisch gekürzt. Gleichzeitig explodierte der Reichtum einer winzigen Minderheit. Diese Ungleichheit und Hass auf die Elite schufen die Basis für die politische Volatilität.

«2016 waren die Vereinigten Staaten reif für eine populistische Bewegung, und sie sind es heute noch», konstatiert Acemoglu und folgert, dass langfristig nur eine Stärkung der demokratischen Institutionen und eine bessere Regulation von Globalisierung und Digitalisierung Abhilfe schaffen können.

Trump ist zu einer Kultfigur geworden

Jan-Werner Müller vertritt ebenfalls in «Foreign Affairs» eine idealistische Variante. Er sieht das Problem bei der Person von Donald Trump und dem Zustand der Grand Old Party (GOP). Müller ist Politologe an der Princeton University.

«Trump ist es gelungen, die Republikanische Partei in einen Personenkult zu verwandeln», so Müller. «Alles andere, beispielsweise kritische Loyalität zur Partei, aber nicht zu einer Person, geschweige denn offene Opposition, ist unmöglich geworden. Es ist schlicht nicht mehr möglich, seinen guten Ruf als Republikaner zu behalten, wenn man den ehemaligen Präsidenten kritisiert.»

August 22, 2021, Cullman, Alabama, USA: Unofficial campaign flags and buttons for former President Donald Trump are consistent sellers at a roadside vendor tent in northern Alabama, where a massive po ...
Stehen blind hinter ihrem Idol: Trump-Anhänger.Bild: www.imago-images.de

Der Personenkult um Trump bedroht die amerikanische Demokratie; die Menschen, die diesem Kult verfallen sind, müssen ähnlich wie Sektenopfer deprogrammiert werden. «Wir müssen uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir sichere Orte für Trump-Anhänger schaffen können, in denen sie sich eingestehen können, dass sie betrogen worden sind», so Müller.

Der Personenkult um Trump stürzt die GOP in ein Dilemma, denn höchstwahrscheinlich wird der Ex-Präsident morgen seine erneute Präsidentschaftskandidatur bekannt geben. Dies, obwohl die Resultate der Midterms geradezu danach schreien, es nicht zu tun.

Trump ist jedoch derzeit ein Loser. Er hat die Niederlage der Zwischenwahlen 2018 zu verantworten, ebenso seine Niederlage 2020 und die entscheidenden Senatsahlen in Georgia im Januar 2021. Aktuell trägt er für das Ausbleiben einer «roten Welle» für die Republikaner zumindest eine Teilschuld.

Die Rennleitung der GOP weiss, dass eine weitere Kandidatur von Trump 2024 ein Desaster zur Folge haben würde. Die alles entscheidenden unabhängigen Wählerinnen und Wähler wollen keine Fortsetzung des Trump-Chaos-Filmes. Das hat die Auswertung der Ausgangsbefragungen ganz klar aufgezeigt. Auch potente Mäzene der Republikaner haben signalisiert, dass sie für Trump kein weiteres Mal spenden würden. Selbst der Medientycoon Rupert Murdoch ist zumindest teilweise auf Distanz gegangen.

Der Ex-Präsident verfügt jedoch über eine solide Basis in der Partei. Eine Mehrheit der Republikaner wünscht sich nach wie vor, dass er 2024 wieder antritt. Auch im Abgeordnetenhaus, in dem die Republikaner wahrscheinlich eine hauchdünne Mehrheit erringen werden, kann Trump auf loyale Anhänger zählen. Vor allem der sogenannte «Freedom Caucus» folgt immer noch blind den Anweisungen aus Mar-a-Lago, und ohne diese Gruppe von Fanatikern – Leuten wie Marjorie Taylor Greene oder Matt Gaetz – kann der voraussichtliche Mehrheitsführer Kevin McCarthy rein gar nichts ausrichten.

FILE - Rep. Elise Stefanik, R-N.Y., speaks at DMI Companies in Monongahela, Pa., Sept. 23, 2022. The No. 3 ranking House Republican Stefanik is endorsing Donald Trump for president in 2024, becoming t ...
Stellt sich hinter Trump: die Abgeordnete Elise Stefanik.Bild: keystone

Trump verfügt zudem über Stehauf-Qualitäten. Nach dem Sturm auf das Kapitol schien er zunächst erledigt zu sein. Schon nach ein paar Wochen pilgerten jedoch massgebende Republikaner nach Mar-a-Lago, küssten Trumps Ring und stimmten in den Chor der Big Lie ein. Auch jetzt haben sich bereits namhafte Vertreter der GOP auf die Seite von Trump geschlagen, Elise Stefanik aus New York beispielsweise, die Nummer drei der republikanischen Abgeordneten.

Die GOP befindet sich daher in einer misslichen Lage: Die Vernunft gebietet ihr, Trump fallen zu lassen und nach einer Alternative Ausschau zu halten. Beste Karten hat derzeit Ron DeSantis, der Gouverneur aus Florida. Der Bauch, respektive die Basis, signalisiert indes, dass an ein Abrücken von seinem Idol Trump nicht einmal im Traum zu denken sei. Heftige Richtungskämpfe, ja ein eigentlicher Bruderkrieg zeichnen sich deshalb innerhalb der GOP ab.

Max Weber, der grosse deutsche Soziologe des letzten Jahrhunderts, hat in der eingangs erwähnten Streitfrage eine salomonische Lösung vorgeschlagen: Die Materialisten hätten sicher recht, dass die ökonomischen Bedingungen unser Denken massgeblich beeinflussen. Doch in bestimmten Zeitfenstern könnten charismatische Führer das Zünglein an der Waage spielen.

Aktuell befinden sich die USA in einer solchen Situation. Kleinste Verschiebungen des Wähleranteils haben gewaltige Auswirkungen. Ein paar tausend Stimmen in ein paar Swing-states entscheiden darüber, wer in den Supreme Court einzieht, und damit über das Schicksal der Abtreibungsfrage. Oder darüber, ob ein Green New Deal auch durchgeführt wird und die Ukraine weiter auf militärische Hilfe hoffen kann.

Diese Pattsituation hat viel mit der wirtschaftlichen Situation der USA zu tun. In dieser Situation kann jedoch ein charismatischer Führer den Unterschied ausmachen. Im Guten wie im Schlechten, wie das Beispiel von Trump zeigt.

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55 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Manawydan
14.11.2022 19:23registriert Oktober 2022
Was mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben wird, ist, warum Wähler*innen aus der Unter- und der absteigenden Mittelschicht Rechtspopulist*innen wählen, die Steuern für Reiche senken, Gehälter möglichst niedrig halten und den Ausbau von Arbeitnehmer*innenrechten und des Sozialstaats zu verhindern versuchen, folglich also überhaupt keine Lösungen für ihre Probleme anbieten, sondern diese tendenziell sogar noch verschärfen und möglicherweise sogar (mit-)verursacht haben. Mögliche Erklärungen dafür, die mir in den Sinn kommen, sind wenig schmeichelhaft.
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Felixyz
14.11.2022 19:23registriert Juni 2022
Diese Fragen kann man auch für die Schweiz stellen. Wir haben zwar ein politisches System installiert, das Führerfiguren gar nicht erst zulässt. Die Macht an der Spitze ist extrem breit verteilt, Kompromisse einzugehen ist unabdingbar. Das musste z.B. Blocher recht schmerzhaft zur Kenntnis nehmen, der ebenso gerne wie ein Chef regiert hätte und alles grösser als 50.01% der Abstimmenden als Freipass für jeden Unfug ansah, der ihm einfiel. Wahlbetrug hat er und seine Partei damals nicht gerufen, doch Königsmörderin musste man sich anhören.

Demokratie ist eine zarte Plfanze. Halten wir ihr Sorge
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miklapp
14.11.2022 18:22registriert Juli 2022
Auch wenn man Trump noch nicht abschreiben kann, hoffen wir trotzdem, dass die GOP bald nicht mehr unter seinem Einfluss steht.
Er ist der Erfinder der Alternativen Realität.
Ich frage mich immer noch warum man ihn nicht von Anfang an als Lügner betitelt hat!
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