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Die Nachhalterin

Lasst uns die Autos abschaffen!

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Die Nachhalterin

Lasst uns die Autos abschaffen!

Ihr Lieben, hab ich euch aufgeschreckt mit meiner Revoluzzer-Forderung? Keine Angst, ich nehm euch euren Chlapf nicht weg. Aber ja, ich bin durchaus für weniger Autos und will euch berichten, wieso, weshalb, warum und was das mit einem Gläsli Sugo zu tun hat. PS: Horst ist auch wieder dabei.
12.09.2023, 10:0412.09.2023, 13:26
Sabina Galbiati
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Verrückt, aber wahr! Ab einer Distanz von mehr als drei Kilometern ist unser liebstes Fortbewegungsmittel – Achtung, Trommelwirbel – das Auto! Oder genauer: 38 Prozent der Leute steigen bereits bei einer Strecke zwischen 3 und 5 Kilometern ins Auto. Immerhin 32 Prozent laufen und 17 nehmen das Velo. Und je mehr Strecke, desto mehr Leute nehmen das Auto. So weit, so klar. Gemeint sind übrigens jeweils 3 Kilometer hin und zurück, nicht 3 Kilometer hin und 3 Kilometer zurück.

Ich kann das schon verstehen:

  • «Aber weisch, das bitzli Autofahrt zum Coop oder ins Migi …»
  • «Nur kurz zum Spörtle mit dem Chlapf zum Vitaparcours fahren.»
  • «Zum Bio-Hofladen am Dorfrand muss ich mit dem Auto fahren. Aber wenigstens kauf ich Bio-Eier und -Äpfel.»

Die Frage, die mir meine Velogspänli, Möchtegern-Nicht-Autofahr-Menschen und meine lieben Bekannten oft stellen:

«Macht es wirklich einen so grossen Unterschied, ob ich das bitz Strecke mit dem Auto oder Velo fahre?»

Ihr Guten, ja, für unser Klima und die Umwelt (und unsere Gesundheit) ist Autofahren einfach nicht das Gelbe vom Ei. Das können wir drehen und wenden, wie wir lustig sind.

Um das ganze Malheur zu verdeutlichen, habe ich vor einiger Zeit mit einem Ökobilanzexperten an einem Beispiel rumgerechnet.

Horst is back!

Also stellt euch vor: Eine Person, nennen wir sie Horst, fährt mit dem Schweizer Durchschnitts-Benziner (Verbrauch: 7,8 Liter/100 km, Durchschnittsauslastung 1,6 Personen) 1,5 Kilometer zum Coopigi (wir wollen ja nicht parteiisch sein) und kauft ein Kilo Rispentomaten. Dann fährt Horst wieder nach Hause und kocht ein Gläsli Sugo. Auf den insgesamt drei Kilometern hat er rund 560 Gramm CO2-Äquivalente rausgeblasen. Die Äquivalente erklär ich gleich, aber wir können ausnahmsweise auch einfach von CO2 sprechen.

Eingerechnet sind die indirekten Emissionen, die unter anderem bei der Herstellung des Treibstoffs, des Fahrzeugs, dessen Wartung und Entsorgung entstehen. Würde Horst ein Schweizer Durchschnitts-E-Auto fahren (Verbrauch: 20,9 kWh/100 km, gleiche Auslastung), käme er auf gut 270 Gramm CO2. Denn wie viele von euch inzwischen wissen, schlägt beim E-Auto vor allem die Batterieherstellung und damit das Fahrzeug selbst zu Buche.

Würde Horst dieselben drei Kilometer mit dem Velo fahren, käme er auf knapp 17 Gramm CO2!

Kurze Pause fürs Staunen

Und nun zu den CO2-Äquivalenten: Sie vereinheitlichen die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase. Beispielsweise ist ein Gramm Methan so klimawirksam wie 28 Gramm CO2, ein Gramm Lachgas wie 265 Gramm CO2.

Für Zahlen-Nerds, Skeptikerinnen und Neugierige gibt's die Daten zu den Emissionen auf der Plattform Mobitool als Excel-Tabelle zum Download. Die Daten zur Verkehrsmittelnutzung in der Schweiz findet ihr beim Bundesamt für Statistik. Und wer sich die volle Ladung geben will, findet die Klimawirksamkeit der Treibhausgase in den Ökofaktoren Schweiz 2021.

Der ganze Rest vom Fest

Die ganzen Geschichten mit Ozonbildung (das bodennahe, nicht das in der Stratosphäre) an heissen, sonnigen Tagen; die in der Schweiz jährlich anfallenden 8100 Tonnen Mikroplastik vom Reifenabrieb oder die gesundheits- und umweltschädlichen Stickoxide, die durch Verbrenner-Autos entstehen, lassen wir an dieser Stelle mal aussen vor. Zu den Stickoxiden habe ich ja bereits vor ein paar Wochen beim Thema Bäumlipflanzen was geschrieben.

Von Autos und Spülmaschinen

Damit wir uns richtig verstehen, wenn ich sage, lasst uns Autos abschaffen: Es geht mir nicht um die Menschen, die wegen nächtlicher Schichtarbeit oder frühmorgentlicher Gipfäli-Backzeiten nur mit dem Auto zum Arbeitsplatz gelangen.

Es geht mir viel mehr darum, dass Autos ein bisschen wie Geschirrspülmaschinen sind: Sie machen unser Leben leichter und bequemer. Wenn du sie hast, bist du blöd, wenn du sie nicht nutzt. Schliesslich hast du für das Auto – allenfalls auch für die Spülmaschine – viel Geld ausgegeben und beim Auto zahlst du auch noch extra Versicherung, Steuern, Parkplatz, etc … So oder anders sind diese beiden Freunde nur für dich da und stehen deshalb beide im Schnitt 23 bis 23,5 Stunden am Tag nur rum.

Aber im Gegensatz zum Auto machen Spülmaschinen unseren Alltag umweltfreundlicher, indem sie weniger Wasser und Energie verbrauchen. Autos dagegen, egal wie effizient und elektrisch, fallen der Umwelt immer stärker zur Last als Velo, Elektro-Bus, Tram oder Zug. Einzig der Diesel-Bus kann teils schlechter abschneiden. Ein bisschen, weil er mit Diesel fährt. Hauptsächlich aber, weil die Auslastung unterirdisch ist. Mit anderen Worten, würden wir öfter den Bus statt das Auto nehmen, würde selbst der Diesel-Bus besser abschneiden.

So, nun also was tun?

Wie immer braucht ihr zuerst den Willen, etwas zu ändern. Ihr müsst euch also für die Umwelt und eure Gesundheit entscheiden – Letzteres gilt beim Autofahren in doppelter Weise. Da wir uns ohne Auto mehr bewegen und weniger Autos bessere Luftqualität bedeuten – auch was E-Autos betrifft!

Sie verursachen beim Fahren zwar keine Stickoxide oder Feinstaub durch Verbrennung, aber die Feinstaubbelastung durch den Reifenabrieb ist ungefähr gleich wie bei Verbrennern. Falls es noch nicht klar ist: Feinstaub ist schlecht für unsere Gesundheit.

Södelig. Nun ergeben sich je nach Lebensumständen durch weniger Autos und weniger Autofahren natürlich einige Herausforderungen. Die folgenden Tipps und Gedanken sind deshalb auch nicht einfach allgemeingültig. Abgesehen von einer Sache …

Was euch weiterhelfen kann

  1. Als Erstes könnt ihr euch viel Inspiration und unzählige Tipps für den autofreien Alltag, das Pendeln oder die Freizeit auf der Plattform Carfree vom VCS holen. (Ok, hab grad gemerkt, dass dies auch allgemeingültig ist.)
  2. Spart Zeit und Nerven, indem ihr euch den Wochen- oder Grosseinkauf nach Hause liefern lasst. Macht mehr kleine Einkäufe mit dem Velo, zum Beispiel direkt nach der Arbeit auf dem Heimweg oder im Homeoffice als Verschnaufpause zwischendurch.
  3. Den Einkauf im abgelegenen Bio-Hofladen, die Fahrt zum Vitaparcours oder in die Badi könnt ihr mit einem E-Bike machen, wenn die Strecke mit dem blutten Velo zu anstrengend ist. Mietet oder leiht ein E-Bike probeweise, um herauszufinden, ob ihr damit klarkommt und es auch tatsächlich nutzen werdet.
  4. Spart euch Verkehrsstress und Stau, indem ihr Freizeit und Ausflüge öfter so gestaltet, dass ihr gar kein Auto braucht. Die meisten Staustunden entstehen ohnehin im Freizeitverkehr. Und in der Schweiz kommt man wirklich in praktisch jede Ecke mit dem ÖV.
  5. Macht euch bewusst, dass das Auto oftmals nicht günstiger oder bequemer ist als der ÖV. Schon klar, beim ÖV nervt man sich manchmal über Fahrgäste, kommt ab und an zu spät und ja, ihr müsst zur Haltestelle laufen. Und aktuell nervt der Gotthardtunnel endlos. Aber beim Auto kosten euch Parkplatz, Versicherung, Steuern, Service, etc. jedes Jahr eine Stange Geld (der TCS hat dazu eine Musterrechnung erstellt. Nicht erschrecken.) und mit dem Auto steckt man immer mal wieder im Stau oder nervt sich bei der Parkplatzsuche oder schlicht über andere Autofahrerinnen und -fahrer. Und selbst wenn ihr das Auto nur selten nutzt, habt ihr dadurch Verpflichtungen wie Steuern, Versicherung oder den Kontrollgang beim Strassenamt.
  6. Wer nur ein-, zweimal die Woche ein Auto braucht, kann eines teilen oder mieten. Schaut am besten, welche Autos von welchem Anbieter bei euch in der Nähe rumstehen, bevor ihr euch für einen entscheidet. Darüber hinaus könnt ihr privates Carsharing machen. Der VCS hat für euch alles zusammengestellt, was ihr dazu wissen müsst. So könnt ihr viel Geld sparen.

Und stellt euch vor: Die Nachfrage nach geteilten Autos steigt und es würde dadurch mehr solche Sharing-Autos geben, sodass ihr nicht zuerst zum Bahnhof latschen müsst oder zu irgendeinem abgelegenen Parkplatz.

Die (zweite) Sache, die für alle gilt

Setzt euch politisch für den umweltfreundlichen Verkehr ein. Egal, ob indirekt durch eure Stimme, beispielsweise bei den nationalen Wahlen, oder aktiv und direkt für Lösungen in eurer Gemeinde. Nur mithilfe der Politik lassen sich beispielsweise sichere Velowege oder mehr Grünflächen, Spielplätze und Strassencafés statt Parkplätze realisieren.

Weniger Blechlawine ist nicht nur fürs Klima gut, es bedeutet letztlich auch weniger Lärm, weniger Feinstaub und bei Hitzewellen weniger Ozonbildung. Nur müssen wir uns als Gesellschaft dafür entscheiden. Oder wie Politik-Menschen sagen: «Wir müssen die richtigen Anreize schaffen.»

Und zum Schluss

Alleine Auto zu fahren, ist etwa so ineffizient, wie mit einem Kilo Tomaten ein Gläsli Sugo zu kochen. Aber Horst ist eben Horst. Normale Menschen würden vermutlich mit mindestens 5 Kilo Tomaten und einem grossen Topf fünf Gläsli Sugo kochen.

Apropos Effizienz: Fährt ein 26-Tonnen-Durchschnitts-Diesel-Lkw mit Durchschnittsauslastung von 7,7 Tonnen Horsts Rispentomaten von Spanien 1000 Kilometer zum Coopigi, bläst er für dieses eine Kilo Tomaten 132 Gramm CO2 in die Luft. Ich bin gespannt auf eure Schlussfolgerungen in der Kommentarspalte 😉

Södelig, ich geh jetzt mit dem Velo einkaufen. Bis bald, hebed üch Sorg und geht nächsten Monat wählen.

Sabina Galbiati …
… schreibt als Journalistin und Autorin seit ein paar Jährchen über alles, was es zum Thema Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz so zu schreiben gibt – vor allem Tipps. Vor kurzem ist ihr Buch «101 Antworten für deinen nachhaltigen Alltag» erschienen. Es liefert zu elf verschiedenen Bereichen unseres Alltags praktische Tipps und Infos rund ums Thema «nachhaltiger leben». Ihr Blog basiert auf dem Buch und ist quasi ein Remake, Best-of, Spin-off etc. davon. Weil ihre Gspändli und alle anderen immer wissen wollen, wie sie es selbst so mit der Nachhaltigkeit hält, hier noch ein paar Facts: Sie isst seeehr selten tierische Produkte (beim Käse fällt es ihr unglaublich schwer). Sie besitzt kein Auto, weil sie sich das ganze Drumrum sparen will. Sie lebt in einer 30-Quadratmeter-Wohnung (leider mit Gasheizung). Sie hat keine Kids, aber nicht wegen des Klimas. Sie kauft extrem selten neue Kleider oder anderes Zeugs, weil dafür die Wohnung zu klein ist und sie zu faul.
Sabina Galbiati
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368 Kommentare
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Sauermilchbonbon
12.09.2023 10:34registriert August 2020
Ich gebe es zu, dass ich gerne Auto fahre. Passfahrten finde ich toll und die Möglichkeit flexibel mich zu entscheiden wann und wohin ich fahre. Ausserdem habe ich meine Ruhe. Wird hier nicht auf Gegenliebe stossen ist mir klar.
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no-Name
12.09.2023 12:31registriert Juli 2018
Ich Liebe Autos! Alte und schöne Autos! Ich mag knurrende Motoren, glänzenden Chrom, V8-Blubbern und schöne Lackarbeiten, Pinstripes und geiles Lederinterieur auf breiten Sitzbänken!

Ich habe aber kein Auto. Ich bin mit ÖV oder Fahrrad unterwegs obwohl ich „niene im nüt“ Lebe und in der Stadt im dreischichtbetrieb arbeite. Ich gehe mit dem ÖV für eine fünfköpfige Familie 2 Hunde, 1 Katzen viele Hühner und einen Gemüsegarten einkaufen und es geht. Manchmal muss ich mir was liefern lassen, aber es war eine entscheidung die ich Nie bereut habe.

Es ist machbar!
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du_bist_du
12.09.2023 12:34registriert Mai 2020
Ich habe sowohl in der Stadt gewohnt, als auch auf dem Lande. Ich konnte eine zeitlang mit dem ÖV arbeiten gehen, war eine zeitlang aber auch fix auf ein Auto angewiesen.
Mir fehlt effektiv die Weitsicht, sowohl in solchen Artikeln, als auch in den Kommentarspalten. Das hat dann z.B. so Auswüchse, dass Stadt-Home-Office-Menschen den Menschen im letzten Bergdorf erklären, dass der ÖV so toll ist und sie böse Umweltsünder seien.
Schade, denn sachliche Diskussionen wären richtig und wichtig. Ich verstehe bis heute nicht z.B. warum so viele Kinder in Dörfern in die Schule gefahren werden.
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Anjan Sartory ist Kommandant der Stadtpolizei Winterthur und ein Vorreiter in Sachen Frauenförderung in der Polizei. Er weiss, was Frauen von einer Polizeikarriere abschreckt und kennt die Rezepte dagegen. Und er musste sich bereits gegen heftigen Widerstand wehren.

Anjan Sartory ist seit Februar 2023 Kommandant der Stadtpolizei Winterthur. Er trat mit dem politischen Auftrag an, einen Kulturwandel im Polizeikorps herbeizuführen.

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