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Mein Auto = mein Wohlfühlraum.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Hoi Kafi! Ich hatte 10 Jahre eine Zahnspange, eine Kieferfehlstellung und bin ein IV-Fall. 



Die Zähne wurden durch die Spangen korrigiert, was blieb, war mein fliehendes Kinn, welches ich schon immer hasste. Vor 2 Wochen habe ich es nun freiwillig und medizinisch nicht notwendig, aber wie vom Arzt empfohlen, operativ korrigieren lassen. Doch jetzt bin ich unglücklich. Nicht weil mir das Ergebnis nicht gefällt, nein, sondern weil ich mich schwach und falsch fühle. Ich bin nicht oberflächlich, mag Leute mit «Fehlern» und finde, jeder ist gut, wie er ist. Doch wieso kommt es mir erst jetzt in den Sinn, dass ich auch vorher «gut» war? Ich fühle mich, als hätte ich mich selbst hintergangen und als dürfte ich nie mehr Sätze wie: «Niemand ist perfekt» in den Mund nehmen, denn genau gegenteilig habe ich ja gehandelt. Wieso fühle ich mich so schlecht? Casper, 19

Lieber Casper 

Vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihre Frage. Das ist ein enorm spannendes Thema, das Sie mir da zuspielen. Und ich will mich bemühen, Ihnen eine Antwort zu geben, die Sie mit Ihrer Entscheidung versöhnt. Denn das ist das Allerwichtigste jetzt. Das Sie sich mit sich und den neuen Gesichtszügen anfreunden und peu à peu versöhnen. Denn sonst bekommt der Eingriff eine sehr tragische Note. Und das ist nicht nötig.

Sie haben eine History von Zahnkorrekturen hinter sich und sind deswegen sogar IV-berechtigt. Das bedeutet, dass Sie Fehlstellungen hatten, die das normale Mass übersteigen. Ihr Eingriff jetzt war zwar medizinisch nicht notwendig, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie eine logische Schlussfolge der Korrekturen davor ist. Aber das wissen Sie selber besser.

Wer mich regelmässig liest, weiss, dass ich eine recht liberale Einstellung habe, wenn es darum geht, etwas zu korrigieren, unter dem man wirklich leidet. Allerdings warne ich auch gerne davor, wenn es grössere Veränderungen im Gesicht sind, wie zum Bespiel eine Korrektur an der Nase. Ich finde wirklich, dass das Gesicht etwas derart Charakteristisches hat, dass man sich da jegliche Änderung wirklich gut überlegen sollte. Und dennoch gibt es etwas, was ich auch hier sehr gut nachvollziehen kann. Und das ist ein fliehendes Kinn. Denn dieses wird – anders etwa als abstehende Ohren oder eine krumme Nase – mit Charakterzügen in Verbindung gebracht. Ein prägnantes Kinn wird etwa mit Durchsetzungskraft und Vitalität assoziiert, ein fliehendes dagegen eher mit dem Fehlen dieser Eigenschaften. Dieses Lesen von Gesichtern nennt sich Physiognomik und ist – mit gutem Recht – umstritten. Dennoch passieren in den Köpfen, ob bewusst oder unbewusst, solche Wertungen. So wie man dicken Menschen weniger Disziplin zutraut als Dünnen, obwohl es viele Gründe für Übergewicht gibt, die sich nicht allein aufs Essen zurückführen lassen.

Sie gehen nun seit ein paar Wochen mit einem prägnanteren Kinn durchs Leben und sind trotzdem nicht glücklicher als zuvor. Das ist ganz normal, machen Sie sich keine Sorgen. Eine Veränderung dieser Dimension im Gesicht braucht seine Zeit, bis sie vom ganzen System (körperlich und seelisch) integriert ist. Sie haben sich die letzten 19 Jahre an ein Spiegelbild gewöhnt und ihr fliehendes Kinn zwar gehasst, aber dennoch damit gelebt. Es war somit ein Teil von Ihnen, wenn auch kein wirklich akzeptierter. Nun haben Sie ein «neues Kinn» und damit auch die Erwartung, dass nun alles gut ist. Aber das geht nicht so ratzfatz, das wäre eine Illusion. Denn oft liegen die Gründe für Unsicherheit oder Unzufriedenheit dann doch etwas tiefer verborgen als im eigenen Spiegelbild. Natürlich war es Ihr Kinn, über das sie sich geärgert haben. Aber Sie sind 19 Jahre alt und die Hälfte Ihres Lebens mit Zahnspangen und anderen Foltergeräten beschäftigt gewesen. Sie haben die eh schon nicht ganz einfache Zeit der Pubertät mit Gestellen im Mund verbracht. Dass das Spuren hinterlässt, wundert mich nicht, lieber Casper. Sie werden nun etwas nachsichtig mit sich sein und sich Zeit geben müssen, sich an Ihre neuen Gesichtszüge zu gewöhnen und diese mit Selbstverständlichkeit zu tragen.

Versuchen Sie sich gern zu haben, so wie Sie sind. Wegen dieses Eingriffs sind Sie noch lange kein Schwindler und dementsprechend haben Sie weder sich selber noch andere hintergangen. Die Operation hat die Harmonie in Ihrem Gesicht verbessert. Nun ist es an Ihnen, Ihre innere Harmonie wieder herzustellen.

Wenn Sie ein Bein gebrochen hätten, dann würden Sie nicht erwarten, dass Sie morgen wieder Fussball spielen können. Sie müssten dem Bein ein paar Monate Ruhezeit gönnen. Und das sollten Sie auch in der aktuellen Situation so machen; geben Sie sich ein paar Monate Zeit und seien Sie lieb zu sich selber. Wenn es dann immer noch nicht besser ist, dann wenden Sie sich am besten an eine Fachfrau, einen Fachmann. Die Psyche hinkt solchen Veränderungen immer hinterher und manchmal kann es eine grosse Hilfe sein, wenn man sich in dieser Aufholarbeit etwas unterstützen lässt.

 Ganz herzlich! Ihre Kafi. 

P.S. Niemand ist perfekt. Auch nicht Sie mit Ihrem neuen Kinn, im Fall.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lichtblau 16.09.2016 20:55
    Highlight Highlight Es gibt nichts (nichts!) was dem guten Aussehen eines Menschen abträglicher ist, als ein fliehendes Kinn. Da haben schon Leute ihre grosse Nase verkleinern lassen, anstatt erst mal, oder gleichzeitig, ans Kinn zu denken - und waren dann mit dem neuen Profil unglücklich. Seinem fliehenden Kinn sollte wirklich niemand nachhecheln. Aber da der Eintrag schon älter ist, hat sich Casper wahrscheinlich zwischenzeitlich mit seinem Kinn versöhnt.

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