Sommersehnsüchte einer daheim gebliebenen Mutter
Während einer meiner Ferienwochen hatte ich sturmfrei: Mann und Kinder waren allesamt in einem Sommer-Camp (in verschiedenen Funktionen, versteht sich).
Nachdem ich zwei Dritteln der Verreisenden die Koffer fertig gepackt, die Fingernägel geschnitten, die Haare gewaschen und im letzten Moment noch passende Lager-Schlappen gekauft und in die Rucksäcke gesteckt hatte, und sie dann alle irgendwann tatsächlich aus dem Haus waren, legte ich mich erstmal zur Katze auf den Boden und schloss die Augen.
bild: Katrusiaart, etsy
Was ist das jedes Mal für ein Ritt vor den Sommerferien! Aus dem Nichts wirst du der WhatsApp-Gruppe «Abschiedsgeschenk DRINGEND» hinzugefügt. Und während du nebst deinem eigentlichen Job im Galopp Blumensträusse bindest, mit den Kindern Fotoalben beklebst und ihnen liebe Sätze zu den Lehrpersonen abwringst (Anm. d. Red.: Sie lieben sie, aber wollen trotzdem lieber in die Badi), stürzen sie vor lauter Nichtmehrkönnen in der letzten Woche noch über Bänke und Steine und verlieren wegen einer Veloprüfung oder einer ungenügenden Note fast ihre kindliche Lebensfreude. Da sind neue Klasseneeinteilungen, Abschlussfeste, Pausenplatzstreitigkeiten, Abschiede, Ängste und Zeugnisse. Und all das bei 36 Grad.
Aber jetzt ist es ein weiteres Mal überstanden. «Lass mal alle Viere von uns strecken und in die Stille horchen», sage ich zur Katze. «Hörst du das, Lutz?»
Sie antwortet prompt: «Kein Schlagzeug, kein K-Pop, keine Fragen, kein Klingeln an der Tür. Himmlisch.»
Ich: «Ich könnte weinen vor Glück.»
Lutz: «Du hast geweint.»
Ich: «Katzen können nicht sprechen, Lutz. Bild dir jetzt bloss nichts ein.» Mit dem Handrücken trockne ich schnell mein Gesicht.
Unsere gemeinsamen Tage verbringen die Katze und ich fortan recht leise, meist im gleichen Zimmer. Wir entrümpeln Kinderzimmer, Badezimmerschränke und Gewürzregale. Dazu hören wir Podcasts, die wir schon lange mal hätten hören wollen. In den Pausen durchforsten wir Lieder in der Shazam-App, die ich über die letzten Monate in Umkleiden oder Cafés gespeichert hatte.
Wir schauen Serien, die erschienen, noch bevor ich Mutter wurde, und die ich seither auf einer «Irgendwann»-Liste stehen habe. Wir essen nur, wenn uns danach ist, und schlafen fast mehr tagsüber als in der Nacht, wenn das Aufräumen, Sortieren und Nachdenken fast von allein passiert. Drei Tage lang besucht mich noch eine Freundin: Wir schwimmen im See, tanzen bis 3 Uhr morgens und frühstücken auswärts. Für eine Nacht fahren wir ins Tessin zu einem Konzert und essen im Grotto. Egal, was ich tue, niemand ist auf mich angewiesen, niemand braucht oder fragt etwas.
Wieder daheim, erzähle ich Lutz an meinem letzten sturmfreien Abend alles Wissenswerte über Zendayas letzte Auftritte und meinen neuen besten Freund Erling Haaland; ich bin up to date wie schon lange nicht mehr. Wir scrollen durch ein paar Reels und Fotostrecken zum Thema und schauen dann im Anschluss eine Serie fertig. Dazu esse ich wir ungekochte Kefen direkt aus den Schachteln.
Lutz: «Du hast heute mit dir selbst gesprochen.»
Ich: «Ich habe nur laut gedacht und eine Abstimmung gemacht: Znacht kochen oder sich Inhalte des Gemüsefachs auf den Bauch legen und von da essen?»
Lutz: «Wie praktisch. Dein Wunsch wurde einstimmig angenommen?»
Als Teilantwort beisse ich triumphierend in eine Kefe: «Das ist schon schön. Keine Kompromisse. Kein «Was häts susch no?». Einfach nur ein paar Dutzend Kefen, du, ich, Wikingervideos und später noch eine Schachtel schokoladenüberzogene Himbeeren. Nicht?»
Die Katze schweigt vielsagend.
Ich: «Was guckst du jetzt so?»
Katze: «Ach, nichts.»
Ich: «Sprich, Katze, sprich.»
Katze: «Du hast einfach vorhin automatisch vier Teller rausgestellt.»
Ich: «Ah so, ja. Aus Versehen. Aber morgen kommen sie ja zurück. Dann ist halt heute schon angetischt für morgen.»
Wieder schaut die Katze unnötig vielsagend.
Ich: «Schon komisch, ja. Ich hab mich so auf diese Zeit gefreut. Auf diese Ruhe. Auf das Fertigdenken meiner Gedanken. Und eine enorme Reduktion meiner täglichen To-dos. Ich mein: Ich hab am Montag das Badezimmer geputzt und jetzt ist die Woche fast rum, und das Bad sieht noch immer aus wie am Montag. Ich habe Zahnarzttermine für September ausgemacht und die Turnsäcke und Stofftiere gewaschen. Ich bin so aufgeräumt, dass mir die Ruhe nun schon fast eins zu laut ist.»
Lutz: «Willkommen im Club. Ich schlafe seit vier Jahren 18 Stunden am Tag. Irgendwann hat man auch vom Schönsten mal genug. Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen.»
Ich: «Tu ich vielleicht, ja. Weil's ja eigentlich das ist, wovon man sich freimachen soll: Care-Arbeit, unsichtbar, unbezahlt, bli bla.»
Lutz: «Und trotzdem vermisst du's?»
Ich: «Nicht den unbezahlten, unsichtbaren Aspekt, der so müde macht. Den konnte ich jetzt ausserdem grad recht gut aufarbeiten, wenn die, um die es sich zu kümmern gilt, nicht da sind. Das Gleichzeitige ist ja das Schwierige: Das Mitfühlen und gleichzeitig so viel Admin erledigen und weder vom einen noch vom anderen so erschlagen werden, dass man selber nur noch liegen und umsorgt möchte. Den Care-Teil, der einfach Liebe ist, den vermisse ich seit Tag eins. Das Gebrauchtwerden, ohne dass es Ausbeutung ist. Das Geben, ohne dass es Pflicht ist. Das Lieben. Weil's eben einfach Lieben und drum wunderschön ist. Verstehst du?»
Sie dreht sich ab. Ungefragt fange ich also an, in meinen 54'320 Fotos zu scrollen und ihr Anekdoten zu erzählen. Vom Missgeschick an der Schulaufführung, vom Ausflug nach Scuol, von den kleinen Füssen in der Nacht und überhaupt wie das war, schwanger zu sein. Vielleicht hört sie ja mit geschlossenen Augen zu? Anderthalb Stunden bilde ich es mir ein, dann scheint es mir fast, als würde sie seufzen.
Lutz: «Meine Güte. Es ist doch bald Samstag.»
Ich: «Seit wann kannst du die Wochentage?»
Lutz: «Seit wann redest du so viel mit mir?»
Ich: «Okay, okay. Psst jetzt.»
Lutz: «Ja, psst.»
Ich gebe ihr einen Mitternachtssnack. Und während des Serienabspanns strecken wir noch einmal alle Viere von uns und schlafen dann. Noch einmal.
