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Papeterien und Papieragenden: Warum ich sie so liebe

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Bild: collage olivia el sayed
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Warum ich glaube, in der Papeterie mein Leben in den Griff zu bekommen

Ich brauche nichts. Dann betrete ich eine Papeterie und bin sicher: Mit diesen Stiften und dieser Agenda werde ich endlich ein ordentlicher Mensch. Diesmal wirklich.
05.11.2026, 10:0705.11.2026, 10:07

Ich l-i-e-b-e Papeterien. Nie brauche ich etwas und doch gehe ich einfach noch kurz rein. Und dann meine ich, ich bräuchte alles und schlendere verzaubert durch die Regale. Diese neu verpackten Sachen! Neonfarbene Post-its, unbeschriebene Agenden, nigelnagelneue Fineliner und noch eingeschweisste Geburtstagskalender, mit denen man das Leben im drölftausigsten Versuch vielleicht nun doch noch – vielleicht schon morgen, tatsächlich?? – in den Griff bekommen könnte? Ich will Schablonen und Stifte und Boxen und alles neu und heim und heute noch ausmisten und sortieren und von nun an für immer ein ordentlicher Mensch sein.

Und ja, ich weiss, das gibt es auch als TikTok-Videos; diese Restocking Reels, wo Frauen mit betörenden Stimmen und langen Fingernägeln irgendwelche Schubladen auffüllen und Plastikfolien von neuen Dingen abziehen. Das macht aber nichts mit mir. Ich zehre tatsächlich vom analogen Erlebnis Papeterie.

Ich habe auch noch immer eine analoge Agenda, aus Papier, obwohl das für einen Menschen wie mich eigentlich gar nicht mal so eine gute Idee ist. Es bedingt nämlich, dass ich einerseits immer wüsste, wo diese Agenda denn grad ist, und andererseits muss ich immer alle Geburtstage in die neue Agenda eintragen, bevor ein neues Jahr losgeht. Tu ich das nicht oder nur halbpatzig, gehen mir jedes Jahr ein paar Geburtstage verloren.

Die Geburtstagsscharade

Nun ist es so, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, in der ich mir Telefonnummern, Lateinvokabeln und Geburtstage merken konnte, als gäb es nichts Interessanteres. Zwei Spontangeburten, drei Vollnarkosen und vermutlich ungefähr zwölf Kilometer durchgescrollte Reels später ist von dieser Fähigkeit nicht mehr viel übrig: Ich kenne die Handynummer meines eigenen Mannes nicht auswendig und wenn ich bei Paypal einen sechsstelligen Code eingeben muss, der mir per SMS zugeschickt wird, rufe ich diesen panisch und laut aus, damit ich ihn mir die fünf Sekunden lang auch sicher merken kann, bis ich zurück auf der Paypal-Seite bin.

Es gibt vielleicht 32 Leute, deren Geburtstage ich so gut auswendig weiss wie meinen eigenen. Dann weiss ich von ein paar weiteren, wann ungefähr sie Geburtstag haben. Und dann gibt es wieder andere, von denen steht der Geburtstag zum Glück irgendwo im Internet.

Aber an jedem Jahresende stehe ich vor der grossen Herausforderung, die Geburtstage schön süüferlig zu übertragen. Meist hab ich aber ab Oktober gar keine Agenda mehr, weil ich sie irgendwo verhühnert habe. Ich muss es also ohne Hilfe probieren. Und jedes Jahr bin ich mir ein bisschen weniger sicher, ob ich mir diese 32 Geburtstage, von denen ich mir immer so sicher war, wann genau sie sind, auch wirklich richtig gemerkt habe.

Dieser Umstand hat dann seltsame Anrufe meinerseits zur Folge. Denn natürlich schäme ich mich, eine meiner längsten und engsten Freundinnen zu fragen, ob ihr Geburtstag nächstes Jahr am 20. oder 21. April ist. Weil warum sollte ich das nach all den Jahren noch immer nicht wissen? Also sage ich im Dezember, wenn ich da sitze mit meiner neuen Agenda fürs nächste Jahr, vermeintlich unauffällige Dinge zu ihr wie: «Du hast ja glaube ich nächstes Jahr an einem Mittwoch Geburtstag, gell?» So hoffe ich, die eigentliche Frage nach dem Datum umgehen zu können. Aber sie antwortet natürlich: «Ou, das weiss ich gar nicht. Warum meinst du?» Und dann muss ich ganz schnell etwas erfinden, wie zum Beispiel, dass ich eben immer am Mittwoch ins Yoga gehe, aber sie schon auch gern wieder mal genau an ihrem Geburtstag sehen würde und dass ich dann das Yoga mal ausfallen lassen würde, aber das früh anmelden muss. Aber eben. Sie kennt mich ja dann auch. Warum sollte ich im Dezember schon überlegen, ob ich mal an einem Mittwoch im April nächsten Jahres nicht ins Yoga gehen soll? Es ist eine Scharade. Und ich könnte mir diese alljährlichen Blamagen ersparen, indem ich einfach auf digital umsteige.

Aber eben. Ich will nicht. Ich bin alt. Ich will, dass Dinge so bleiben, wie sie waren. Aus Papier.

Meine flammende Liebe für Bürobedarf reicht zurück bis in die Primarschule, als meine Welt noch in zwei Gruppen eingeteilt werden konnte: meine Eltern und wir anderen, die wir diese Sticker von der Rolle sammelten. Da waren dann immer so vier bis acht einzelne Aufkleber auf einem abtrennbaren Quadrätli. Vielleicht kostete es 60 Rappen und die, die im Dunkeln leuchteten, maximal das Doppelte. Es gab manche mit rauen und manche mit funkelnden Oberflächen. Stundenlang sortierte ich die Sticker in Alben und die allerschönsten bewahrte ich in einer dreischubladigen kleinen Hello-Kitty-Box auf. Schublädli auf, Sticker rein, schön grad, Schublädli zu.

Hach, ich rieche das alles noch genau vor mir. Und der Geruch in diesen Läden ist es auch, was ich riechen möchte, wenn ich einmal an der Himmelspforte stehe. Er ist damals wie heute derselbe; es duftet nach Papier, Klebstoff und einem verlässlichen Ordnungssystem, das mir die Absurdität des Lebens vom Leib hält.

Und klar bin ich jedes Mal immer noch nur ich, wenn ich aus einer Papeterie herauslaufe. Aber ich bin umhüllt von der Hoffnung, dass ich ab jetzt ein neuer Mensch bin. Ein aufgeräumter Mensch. Da kann sogar der Weltuntergang kommen. Ich sortier den einfach weg.

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Olivia El Sayed denkt recht viel, einfach fast nichts zu Ende, weil sie immer irgendwie noch was muss: zur DH, ein Formular ausfüllen, Kinder abholen, Geschenk einpacken, Pass erneuern, Text fertig schreiben, Körper einigermassen instand halten, Ufzgi kontrollieren. Ausser in der Nacht. Da liegt sie im Bett und starrt mit gefühlt offenen Augen an die Innenseiten ihrer Augendeckel – und denkt. Hinderschi und fürschi und so viel und laut, dass sie alles irgendwohin aufschreiben muss, damit sie jemals wieder schlafen kann. Und dieses Irgendwohin ist: genau hier.
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Autorin und Instagrammerin (@oh_olives) Olivia El Sayed.Bild:oliviaelsayed
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FRAGFRAUFREITAG
Liebe Frau Freitag. Meine beste Freundin (26) trinkt zu viel. Und ich meine nicht damit, dass Sie dann in ihrer eigenen Kotze liegt. Es ist viel diskreter. Das ist das, was mich beunruhigt.
Sie trinkt zu oft und zu schnell. Während wir anderen in der Runde noch am ersten Glas Weisswein dran sind und plaudern, schenkt sie sie schon mit einem verschmitzten Lächeln das zweite, und dann verlegen das dritte ein. Wenn sie dann hinüber ist, weil sie zu viel getrunken hat, spielt sie am nächsten Tag alles herunter. Und sie hat auch nie einen Kater. Kein Kater = keine Reue. Aber wie will ich sie belehren gehen, wenn ich selber ab und wann im Ausgang abstürze. Meine Freunde und meine Generation trinken am Wochenende mal einen über den Durst. Wenn ich es ihr sage, ist es, wie wenn ein Raucher einem anderen Raucher sagt, er soll mal weniger rauchen. Eva, 25
Liebe Eva 

Was für eine spannende und auch anspruchsvolle Frage! Danke dafür!

Alkohol ist die am meisten verbreitete und gesellschaftlich verankerte und akzeptierte Droge überhaupt. Und keine Sau interessiert's. Während über Kokain und neuerdings auch wieder über Heroin viel geschrieben und diskutiert wird, stört sich an der abendlichen Flasche Wein kein Mensch.

Mich macht diese Tatsache auch immer wieder nachdenklich. Früher habe ich selten getrunken, aber wenn, dann richtig! Eine Strategie, die mein Hausarzt, gegenüber dem moderaten aber dafür regelmässigen Alkoholkonsum übrigens als gesünder bezeichnet. Die Leber leidet unter dem alltäglich zugeführten Alkohol angeblich mehr, als wenn man ein bis zweimal pro Monat richtig Gas gibt.

In Ihrer Generation ist das Abstürzen am Wochenende mehr verbreitet, während meine Generation eher allabendlich eine Flasche Wein zum Nachtessen trinkt und am Wochenende deren zwei bis drei, damit man nachher wieder einmal miteinander schlafen kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der man wöchentlich mit einer Einkaufstüte voller leerer Weinflaschen zur Altglassammelstelle wandert, hat mich schon immer befremdet. Aber das mag auch daran liegen, dass ich Wein nicht so gerne mag und Prosecco sich nicht so einfach mit einem guten Essen entschuldigen und nebenher trinken lässt.

Alkoholismus fängt für mich dort an, wo man nicht mehr bewusst über das Öffnen einer Flasche irgendwas nachdenkt, sondern es automatisch geschieht. Und mir ist sehr wohl bewusst, dass nach dieser meiner persönlichen Definition etwa 65 % der Menschen Alkoholiker sind. Aber ich vermute nun einmal, dass ich mit dieser Schätzung auch nicht ganz so falsch liege. Aber leider ist es wenig sexy, über Alkohol als Droge nachzudenken. Dafür ist sie zu legal, zu einfach beschaffbar und durch alle Bevölkerungsschichten zu verbreitet.

Dies mag vielleicht tatsächlich daran liegen, dass es einem schwerfällt, den Mahnfinger zu heben, wenn man gerade selber ein Glas in der Hand hält. Aber dennoch finde ich, dass man es tun soll. Sie machen sich über Ihre Freundin Sorgen, weil diese mit ihrem bagatellisierenden Gebaren das Verhalten einer Trinkerin an den Tag legt? Sprechen Sie mit ihr darüber. Natürlich gibt es das biblische Zitat "Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Aber es geht ja hier nicht um die Steinigung Ihrer Freundin, sondern vielmehr um die Sorge, die Sie umtreibt. Konfrontieren Sie Ihre Freundin darum nicht mir Vorwürfen, sondern einfach mit Ihren Bedenken.

Es ist ein Akt der Liebe, wenn man sich um jemanden sorgt und diese Sorge auch anspricht, anstatt einfach wegzusehen. Mit dieser Aktion begibt man sich allerdings auf dünnes Eis und schon manche Freundschaft ist darob zerbrochen. Oft kann die tragende Eisfläche dadurch aber auch an Festigkeit gewinnen und darum bin ich ein grosser Freund des ehrlichen Wortes.

Alles Gute, Ihre Kafi.

Ach und übrigens: Das mit dem Kater ist auch eine Frage des Alters. Bis vor kurzem war ich auch davon verschont. Reue hatte ich allerdings auch immer schon ohne. Lust aufs Trinken allerdings auch. 
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