Warum ich glaube, in der Papeterie mein Leben in den Griff zu bekommen
Ich l-i-e-b-e Papeterien. Nie brauche ich etwas und doch gehe ich einfach noch kurz rein. Und dann meine ich, ich bräuchte alles und schlendere verzaubert durch die Regale. Diese neu verpackten Sachen! Neonfarbene Post-its, unbeschriebene Agenden, nigelnagelneue Fineliner und noch eingeschweisste Geburtstagskalender, mit denen man das Leben im drölftausigsten Versuch vielleicht nun doch noch – vielleicht schon morgen, tatsächlich?? – in den Griff bekommen könnte? Ich will Schablonen und Stifte und Boxen und alles neu und heim und heute noch ausmisten und sortieren und von nun an für immer ein ordentlicher Mensch sein.
Und ja, ich weiss, das gibt es auch als TikTok-Videos; diese Restocking Reels, wo Frauen mit betörenden Stimmen und langen Fingernägeln irgendwelche Schubladen auffüllen und Plastikfolien von neuen Dingen abziehen. Das macht aber nichts mit mir. Ich zehre tatsächlich vom analogen Erlebnis Papeterie.
Ich habe auch noch immer eine analoge Agenda, aus Papier, obwohl das für einen Menschen wie mich eigentlich gar nicht mal so eine gute Idee ist. Es bedingt nämlich, dass ich einerseits immer wüsste, wo diese Agenda denn grad ist, und andererseits muss ich immer alle Geburtstage in die neue Agenda eintragen, bevor ein neues Jahr losgeht. Tu ich das nicht oder nur halbpatzig, gehen mir jedes Jahr ein paar Geburtstage verloren.
Die Geburtstagsscharade
Nun ist es so, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, in der ich mir Telefonnummern, Lateinvokabeln und Geburtstage merken konnte, als gäb es nichts Interessanteres. Zwei Spontangeburten, drei Vollnarkosen und vermutlich ungefähr zwölf Kilometer durchgescrollte Reels später ist von dieser Fähigkeit nicht mehr viel übrig: Ich kenne die Handynummer meines eigenen Mannes nicht auswendig und wenn ich bei Paypal einen sechsstelligen Code eingeben muss, der mir per SMS zugeschickt wird, rufe ich diesen panisch und laut aus, damit ich ihn mir die fünf Sekunden lang auch sicher merken kann, bis ich zurück auf der Paypal-Seite bin.
Es gibt vielleicht 32 Leute, deren Geburtstage ich so gut auswendig weiss wie meinen eigenen. Dann weiss ich von ein paar weiteren, wann ungefähr sie Geburtstag haben. Und dann gibt es wieder andere, von denen steht der Geburtstag zum Glück irgendwo im Internet.
Aber an jedem Jahresende stehe ich vor der grossen Herausforderung, die Geburtstage schön süüferlig zu übertragen. Meist hab ich aber ab Oktober gar keine Agenda mehr, weil ich sie irgendwo verhühnert habe. Ich muss es also ohne Hilfe probieren. Und jedes Jahr bin ich mir ein bisschen weniger sicher, ob ich mir diese 32 Geburtstage, von denen ich mir immer so sicher war, wann genau sie sind, auch wirklich richtig gemerkt habe.
Dieser Umstand hat dann seltsame Anrufe meinerseits zur Folge. Denn natürlich schäme ich mich, eine meiner längsten und engsten Freundinnen zu fragen, ob ihr Geburtstag nächstes Jahr am 20. oder 21. April ist. Weil warum sollte ich das nach all den Jahren noch immer nicht wissen? Also sage ich im Dezember, wenn ich da sitze mit meiner neuen Agenda fürs nächste Jahr, vermeintlich unauffällige Dinge zu ihr wie: «Du hast ja glaube ich nächstes Jahr an einem Mittwoch Geburtstag, gell?» So hoffe ich, die eigentliche Frage nach dem Datum umgehen zu können. Aber sie antwortet natürlich: «Ou, das weiss ich gar nicht. Warum meinst du?» Und dann muss ich ganz schnell etwas erfinden, wie zum Beispiel, dass ich eben immer am Mittwoch ins Yoga gehe, aber sie schon auch gern wieder mal genau an ihrem Geburtstag sehen würde und dass ich dann das Yoga mal ausfallen lassen würde, aber das früh anmelden muss. Aber eben. Sie kennt mich ja dann auch. Warum sollte ich im Dezember schon überlegen, ob ich mal an einem Mittwoch im April nächsten Jahres nicht ins Yoga gehen soll? Es ist eine Scharade. Und ich könnte mir diese alljährlichen Blamagen ersparen, indem ich einfach auf digital umsteige.
Aber eben. Ich will nicht. Ich bin alt. Ich will, dass Dinge so bleiben, wie sie waren. Aus Papier.
Meine flammende Liebe für Bürobedarf reicht zurück bis in die Primarschule, als meine Welt noch in zwei Gruppen eingeteilt werden konnte: meine Eltern und wir anderen, die wir diese Sticker von der Rolle sammelten. Da waren dann immer so vier bis acht einzelne Aufkleber auf einem abtrennbaren Quadrätli. Vielleicht kostete es 60 Rappen und die, die im Dunkeln leuchteten, maximal das Doppelte. Es gab manche mit rauen und manche mit funkelnden Oberflächen. Stundenlang sortierte ich die Sticker in Alben und die allerschönsten bewahrte ich in einer dreischubladigen kleinen Hello-Kitty-Box auf. Schublädli auf, Sticker rein, schön grad, Schublädli zu.
Hach, ich rieche das alles noch genau vor mir. Und der Geruch in diesen Läden ist es auch, was ich riechen möchte, wenn ich einmal an der Himmelspforte stehe. Er ist damals wie heute derselbe; es duftet nach Papier, Klebstoff und einem verlässlichen Ordnungssystem, das mir die Absurdität des Lebens vom Leib hält.
Und klar bin ich jedes Mal immer noch nur ich, wenn ich aus einer Papeterie herauslaufe. Aber ich bin umhüllt von der Hoffnung, dass ich ab jetzt ein neuer Mensch bin. Ein aufgeräumter Mensch. Da kann sogar der Weltuntergang kommen. Ich sortier den einfach weg.
