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Nachtschicht: Life Hack: Telefone zum Telefonieren benutzen 🤯

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bild: shutterstock / watson
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Life Hack: Telefone zum Telefonieren benutzen 🤯

Nach 22 Jahren des Rumeierns ist es tatsächlich so weit: Ich werde wieder anfangen zu telefonieren.
10.09.2026, 10:0110.09.2026, 10:01

There I said it. Ich werde wieder anfangen zu telefonieren. Wenn es klingelt, werde ich rangehen. Wenn ich etwas wissen möchte, werde ich Nummern eintippen und Menschen anrufen, um mit ihnen zu sprechen. Unangemeldet. Einfach so. Das mag für manchereins unspektakulär klingen, für mich aber ist es ein grosser Schritt, denn ich hasse Telefonieren. Nicht das Gespräch an sich, aber den Akt des Anrufens sowie den des Rangehens – er kostet mich abnormal viel Überwindung; exponentiell viel mehr noch, wenn ich dabei beobachtet werde oder wenn ich weiss, dass ich nur wenig Zeit habe und nicht sicher sein kann, ob ich es schaffe, dies dem Gegenüber innert nützlicher Frist mitzuteilen. Schweisshände und Beklemmungsgefühle: akut.

Und das ist keine Koketterie, sondern kostete mich schon viele hundert Franken. Denn dummerweise bin ich im für mich ungünstigsten System versichert; dieses Telmed-Ding, bei dem man immer erst wo anrufen muss, bevor man zum Arzt geht, auch wenn man schon weiss, zu welchem Arzt man gehen wird. Und jedes Mal schiebe ich den Anruf so lange hinaus, bis der Tag so weit vorangeschritten ist, dass ich bereits im Wartezimmer sitze und dort denke: Ja gut, auf dem Heimweg ist noch immer «heute», ich mach es dann. Denkste.

Wen das interessiert, fragst du dich? Hör zu: Ich bin sowas von nicht alleine komisch. Generationenstudien und aktuelle Umfragen zeigen, dass rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung und fast jede/r zweite junge Erwachsene (Gen Z und Millennials) unter ausgeprägter Telefonangst leiden. (Wenn du also niemanden kennst mit Telefonangst, bist du vielleicht einfach sehr alt oder du redest zu wenig mit deinen Freunden über Ängste und Sorgen?).

Wann fing diese Angst vor dem Telefonieren an?

Bei den Menschen, die diese Welt ungefragt als Digital Natives betraten, kann ich die Angst eigentlich gut nachvollziehen. Sie hatten schon immer die Option, alles auch schriftlich zu erledigen, und das bedeutet einfach immer eine Armlänge mehr Distanz zu allem. Und so eine Distanz kann einem nur bedingt extrovertierten Menschen viel wert sein. So viel, dass man lieber eine Webseite besucht, sich durch sieben Seiten Mahlzeiten scrollt, sich registriert, seine Kreditkartendaten eingibt und die Adresse in dafür vorgesehene Felder tippt, statt einfach einmal am Telefon «Zweimal Butterchicken» zu sagen.

Aber warum fühle ich das so? Wieso habe ich eine Telefonphobie? Ich bin der ältestmögliche Millennial. Stunden meiner Jugend verbrachte ich damit, am Telefon zu hängen. Noch immer kann ich die Festnetznummern meiner besten Freunde von früher auswendig. Wir waren in der Schule, fuhren auf den Velos zusammen heim, bis sich die Wege trennten, und riefen uns nur sieben Minuten später bereits wieder an. Und die Chance, dass erstmal wer anders ans Telefon ging, war riesig, weil man sich als Familie ein Telefon teilte. Und bis wir daheim ein Telefon hatten, das man von der Station nehmen konnte, lag ich auf dem Bett meiner Mutter und plapperte in den Hörer, wickelte mir dabei das geringelte Kabel um den Finger und legte erst auf, wenn die Fingerspitze violett war oder Mami ins Bett wollte.

Und plötzlich war ich eines Tages eine Person, die jedes Telefonat vermeiden wollte. Irgendwann hatte ich mich selbst davon überzeugt, Dinge wären besser und übersichtlicher organisiert, wenn ich sie nur noch schriftlich tun würde. Etwas buchen. Etwas anfragen. Jemandem gratulieren. Mich bei jemandem nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Dabei weiss ich doch, dass es gar nicht stimmt? Am Telefon kann ich direkt fragen, rückfragen, erklären, wenn nötig, und dann ist alles in einem Wisch erledigt.

Wo fing das an und wann?
Was hat mich irritiert?
Was hat mich bloss so ruiniert?

Irgendwann im Leben hab ich mich offensichtlich dafür entschieden, dass alles länger dauern und Konversationen künstlich in die Länge gezogen werden sollen, statt in Echtzeit stattzufinden.

Warum sich jetzt was ändern muss

Es sind erst drei Wochen, seit die Kinder wieder mit der Schule angefangen haben, und ich stecke schon wieder knietief in unerledigten To-do-Listen. Ausflüge wollen geplant, Termine gebucht, Screenshots vom Sommerfling der Freundin kommentiert, Anfragen beantwortet und Daten reserviert und abgeglichen werden. Das kann man eins ums andere in 1-Satz-Nachrichten abarbeiten, klar. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, hätte ich vermutlich tatsächlich weniger Stress, wenn ich einfach telefonieren würde, statt die Inhalte eines zehnminütigen Gesprächs in grösstmöglicher Asynchronität in 34 einzelne WhatsApp-Nachrichten und E-Mails aufzuteilen und dann zeitversetzt auf Antworten zu warten und gleichzeitig das stete Begleitgefühl zu haben, irgendwo noch etwas beantworten zu müssen und vor allem: niemals mit allem fertig zu sein (ich glaube ich war seit 2001 nie mehr mit allem fertig).

Jetzt dauert das Tippen. Das Abwarten der Reaktion. Alles dauert. Und alles ist ongoing: Immer ist man zeitgleich mit mehreren Leuten im Austausch, und all diese offenen und fortlaufenden Chats ohne Anfang und Ende ziehen sich wie Stolperfäden durch meinen Alltag und machen mich wahnsinnig ineffizient. Und in einem dieser Stolpermomente mit Herzrasen und zusammengekniffenen Lippen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich muss einfach wieder telefonieren.

Einfach wieder telefonieren.
Aber dafür muss ich meine Telefonphobie überwinden.

Ursachenbekämpfung

Ich liebe die Schriftlichkeit mehr als die Mündlichkeit. Zum einen, weil ich sie korrigieren und verbessern kann, bevor sie von mir geht. Und ich bevorzuge sie auch deshalb, weil ich andere Menschen entlarven kann. Man hört ja niemandem an, ob er den Unterschied zwischen das und dass checkt, wenn er spricht. Und ja, guck böse, aber mir ist halt lieber, wenn ich weiss, ob das jemand weiss. Und so unfair ist das nicht: Wer mich kennenlernt, sieht mir ja auch an, ob ich eher mehr oder weniger als 15 Sekunden brauche für 100-Meter-Sprint und beurteilt mich vielleicht danach? Aber ich verliere hier den Faden. Was ich sagen möchte: Es gibt Gründe, warum die Schriftlichkeit in manchen Bereichen des Lebens toller ist.

Man ist im Umgang mit jedem Menschen ein bisschen anders. Und wenn andere einen dabei erwischen, kann das je nach Ausgeprägtheit des Andersseins ganz unangenehm werden. Meine Phobie stammt also vielleicht noch aus KV-Zeiten im Grossraumbüro, weil dort war das prekär, wenn man alle angeschnauzt hatte, aber dann klingelte das Telefon und der eine wichtige Mensch war dran. Wie sich da die Stimme veränderte! Und wie schlimm es war, zu wissen, dass alle diesem erbärmlichen PR-Schauspiel verächtlich zuhörten und sich bereits E-Mails hin- und herschickten, bevor man selbst aufgelegt hatte. Vielleicht begann ich hier, nadisna auf Schriftlichkeit umzustellen, um so in aller Ruhe meine Persönlichkeiten unbeobachtet ausleben zu können. Jetzt arbeite ich aber allein und ohne Büro. Ich bin frei mich für jedes Telefonat zu verstellen oder zu verstecken, es gibt also keinen Grund, nicht anzurufen. Und von hier aus weiter gelobe ich dies zu tun.

Ein anderer Grund ist das Bewahren von Illusionen. Manche Dinge sind einfach schöner, wenn sie geschrieben sind und bleiben. Wer datete nicht schon eine Person, die in ihren Texten so witzig, kreativ und ganz galant war? Und wenn man sich dann im richtigen Leben tatsächlich irgendwann gegenüber sass, kamen nur seltsame Sätze aus diesem ach so schönen Gesicht; und im schlimmsten Fall rochen sie noch nicht mal besonders gut. Auf dem Heimweg überlegte man sich, wie Schluss machen, aber bevor man es sich versah, kam der Gutenachttext und man dachte: Näch. Irgendwie ist er (oder sie) es eben doch. Heutzutage wüsste man, dass vermutlich ChatGPT für die Diskrepanz verantwortlich ist. Aber früher wollte man niemandem unterstellen, dass da ein grosser Bruder oder eine mitfühlende WG Mitbewohnerin für die tollen Texte verantwortlich war. Dann hätte man sich nämlich auch eingestehen müssen, dass man vermutlich mit denen gesextet hat und gar nicht mit dem vermeintlichen Lover.

Wie gesagt: Es gibt Gründe, warum die Schriftlichkeit in manchen Bereichen des Lebens toller ist. Aber die Gründe, warum sie nicht immer praktischer ist, sind recht viel offensichtlicher. Will ich weniger Stress, erledige ich zumindest jegliche Admin per Telefon und bewahre mir die Schriftlichkeit für ein paar schöne kleine Dinge auf.

So werde ich es angehen. Ich gebe meinem Telefon seinen eigentlichen Sinn zurück und verkürze meine generelle Distanz um eine Armlänge. Somit ist auch damit jetzt Schluss:

Screenshot
Adieu, Lieblingsausrede.internet quote (anonym), collage


PS: Ja, natürlich bin ich gedanklich noch immer bei Lindsay Clancy, aber da passiert bis Ende September ja nun erstmal nichts weiter, drum denke ich nun wieder über belanglosere Dinge wie mich selbst nach.

PPS: Pass bloss auf, was du sagst in den Kommentaren, sonst ruf ich dich an! 👻

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Olivia El Sayed denkt recht viel, einfach fast nichts zu Ende, weil sie immer irgendwie noch was muss: Zur DH, ein Formular ausfüllen, Kinder abholen, Geschenk einpacken, Pass erneuern, Text fertig schreiben, Körper einigermassen instand halten, Ufzgi kontrollieren. Ausser in der Nacht. Da liegt sie im Bett und starrt mit gefühlt offenen Augen an die Innenseiten ihrer Augendeckel – und denkt. Hinderschi und fürschi und so viel und laut, dass sie alles irgendwohin aufschreiben muss, damit sie jemals wieder schlafen kann. Und dieses irgendwohin ist: genau hier.
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Die beliebtesten Kommentare
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tschutsch
10.09.2026 11:42registriert November 2024
So schade, dass ich in den ÖV stets jene treffe, die unheimlich gerne, lange und laut telefonieren. Egal welches Thema.

Da wünschte ich mir mehr Leute wie dich, Olivia
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esqs
10.09.2026 12:17registriert Februar 2014
Seit den Sprachnachrichten bin ich pro Telefonieren...
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Revan
10.09.2026 11:15registriert Mai 2019
"Nicht das Gespräch an sich, aber den Akt des Anrufens sowie den des Rangehens – er kostet mich abnormal viel Überwindung" - erkenne mich gerade in dem Satz wieder.
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