Wie ein Buchrücken mich daran erinnert, wo ich nie mehr hin will
Das Schwierige beim Ausmisten sind ja immer die Gefühle und Erinnerungen, die an den Sachen haften, von denen man sich trennen soll. In meinem Leben sind die Folgen dieses Umstands nicht nur ein Bestand von aktuell 26 (!?) Pullis, sondern auch zwei proppenvolle Bücherregale, deren Inhalte ich bei jedem Umzug aufs Neue verfluche. Und doch behalte ich sie alle: die Französischromane, die wir in der Schule lesen mussten und die mir aber so gut gefielen, dass sie mich über alle elf Wohnungswechsel meines Lebens begleitet haben, Bücher voller Eselsohren und Notizen, die ich liebte zu lesen, und solche, von denen ich glaube, sie noch lieben zu werden. Aber auch ein paar Klopper, bei denen mich einfach Titel oder Cover überzeugten oder von denen ich denke, sie machen sich besonders gut in einem wohl sortierten Bücherregal (niemand hat doch jede Seite von Ulysses gelesen?).
Mein Podcast-Freund Dominik (ja, wer Iced Matchas trinkt, hat auch einen Podcast-Freund) sagte mir, jeder Buchrücken in seinem Regal erinnere ihn genau an die Zeit, in der er das jeweilige Buch gelesen habe. Sein Bücherregal funktioniert also wie eine Art Tagebuch: Mit dem einen Buch war er drei Monate reisen, das andere las er in der ersten WG und ein weiteres erinnert ihn an die allererste Zeit mit Baby, usw.
Bei mir steht nur ein einziges Buch mit so einer Erinnerungsfunktion im Regal; es ist fast eine Art Mahnmal und heisst «Die Alltägliche Physik des Unglücks». Wenn ich diesen Buchrücken lang genug anschaue, katapultiert er mich 20 Jahre zurück auf einen Polizeiposten, mit Blut am Schuh und einem Fluchtplan im Herzen.
Wir schreiben das Jahr 2006...
... Ich bin 25 Jahre alt und lebe die Folge von ein paar ungeschickten Entscheidungen: Ich wohne in Frankfurt am Main mit einem Mann, vor dem ich mich fürchte (und durchaus schon weiss, dass die Furcht da nicht ohne Grund ist). Ich rauche jeden Tag eine halbe Schachtel Zigaretten, denke im Kreis und versuche möglichst wenig Raum einzunehmen, um niemanden auf mich aufmerksam zu machen oder zu stören. An einem Morgen sitze ich, wie nicht selten, allein in der Küche und bin fast fertig mit dem Erstlingswerk einer amerikanischen Autorin namens Marissa Peshl, die nur wenige Jahre älter — und im Entscheidungen treffen aber offensichtlich viel besser — ist als ich. (Worum genau es in ihrem Buch ging, erinnere ich mich nicht, aber dass ich mich mit der verzettelten Plapperei der Hauptfigur und ihrer Besserwisserei gut identifizieren konnte. So gut, dass es mich seitenweise richtig ärgerte, dass sie das alles sagte und dachte und nicht ich.) Ich will ja ganz offensichtlich keine erfolgreichen Bücher schreiben, sondern lieber allein in einer Küche sitzen und jedes Mal zusammenzucken, wenn die Tür aufgeht.
Für die letzten Seiten des Buches reicht es nicht mehr, ich muss los. Ein letzter Blick aus dem Fenster in den betonierten Innenhof und dann ab. Auf meinem neuen iPod höre ich «Wolf Like Me» von TV on the Radio. Sechs Mal nacheinander, dann bin ich auch schon da, wo ich sein soll. Wie jeden Morgen ist Esther schon am Platz und lacht mich an, ohne mit ihrer Arbeit aufzuhören. Ich richte mich ein und hole uns zwei Tassen Kaffee.
Ich arbeite in einer Head Hunting Agentur am Empfang und mache da KV-Dinge. Meist bin ich früher fertig mit allem Papierkram, den man da pro Tag so erledigt haben muss. Die letzten zwei Stunden sind drum meist nur: da sitzen und Telefondienst. Und wenn niemand klingelt, bleibt Zeit fürs Fernstudium, bisschen Internet oder eben: Lesen.
An diesem Mittag lasse ich meine Handtasche am Empfang und damit auch den iPod, das Buch und all mein Geld, denn ich bezahle ums Eck mit den Lunch-Checks vom Geschäft. Als ich zurückkomme, ist meine Tasche verschwunden. Ich frage Esther, ob sie sie vielleicht weggeräumt habe? Sie verneint. Ich suche überall und hinterfrage mich plötzlich, ob ich sie vielleicht nicht doch mit rausgenommen hatte?
Wenn man mit jemandem wohnt, der einem niemals irgendetwas glaubt, glaubt man sich drum irgendwann selbst nicht mehr.
Ich laufe die kleine Runde also nochmals ab. Innerlich höre ich seine Fragen: Wie kann man so blöd sein? Wem sonst passiert sowas? Bist du wirklich ehrlich oder erfindest du das? Zurück im Büro frage ich jede umherschwirrende Person nach meiner Tasche und muss fast weinen, weil ich mir den iPod gerade erst selbst geschenkt hatte und mir so blöd vorkomme. Wie ein dummes Kind manchmal. Jemand nimmt sich meiner an und erstattet Anzeige bei der Polizei. Ich bin ganz überrascht, dass mir alle glauben.
Alles im Eimer...
Als ich gegen Abend zuhause ankomme, erzähle ich die Geschichte und bin froh, dass ich wenigstens den Hausschlüssel noch habe, so bleibt der Schaden mein eigener. Als das Telefon klingelt, erschrecke ich. Einerseits, weil es so laut ist (nur Menschen mit Geheimnissen stellen ihr Telefon auf leise), andererseits, weil ich nicht weiss, wer mich von einer nicht gespeicherten Nummer anrufen könnte?
Es gibt Beziehungen, da kann ein unbekannter Anruf blaue Flecken nach sich ziehen. Es ist aber zum Glück die Polizei.
Anscheinend hat ein Junkie im ganzen Bürokomplex eine Runde gedreht und überall, wo die Türen offen waren, alles eingepackt, was ging. Was er nicht brauchen konnte – darunter meine Handtasche – wurde später in einem Müllcontainer ganz in der Nähe gefunden. Ich könne die Tasche jetzt noch abholen, wird mir gesagt. Und weil ich zu dumm bin zum Autofahren und man bei einer wie mir ja nie wissen kann, ob sie nicht doch lieber mit einem Polizisten zusammensein möchte, gehe ich besser nicht alleine zum Polizeiposten, sondern lasse meinen faulen Hintern dahin chauffieren von einem aufopfernden Mann, der nichts Gescheiteres zu tun hat als dem Kram seiner unfähigen Freundin hinterherzufahren.
Und weil das Leben das Leben ist und die alltägliche Physik des Unglücks einem manchmal mit aller Kraft etwas mitteilen will, bekomme ich auf dem Weg zum Revier meine Tage. Das mag für manch einen klingen, als würde das nichts zur Sache tun, aber wenn einen das Blut in Gutschen verlässt, tut es eben sehr wohl zur Sache. Auf dem Polizeirevier muss ich entsprechend erst ins Bad, das, wenig überraschend, nicht mit einem liebevoll gefüllten Körbchen ausgestattet ist, wo man sich mit gratis Hygieneartikeln ausrüsten könnte. Also bastle ich mir etwas. Ich verlasse den Raum müde und erschlagen von diesem Tag und mit einem Knäuel Taschentücher in der Unterhose.
Die Wucht des Aufpralls
Am Tresen hat meine Begleitung inzwischen das Gespräch eröffnet. Er sagt dem Polizisten, dass «Madame» nicht gut auf ihre Tasche aufgepasst und er mich deshalb hätte hierher bringen müssen. Falls die Tasche denn wirklich da sei? Denn bei mir weiss man nie. Gut möglich, dass sie hier nicht ist, weil ich sowieso immer und alles verliere. «Wer kennt es nicht?», sagt der Polizist und an der Art, wie er mich noch nicht mal ansieht, weiss ich, dass er sich mit diesem Satz nicht mit mir und allen anderen schusseligen Menschen identifiziert, sondern mit dem Mann, der wegen jemandem wie mir mühseligen Mehraufwand hat im Leben.
Er dreht sich ab und kommt wieder mit meiner Tasche. Er verkündet, dass sie leider etwas rieche und dass eigentlich auch nichts mehr wirklich drin sei, ausser «halt das hier». Und da zieht er das Buch aus der Tasche, als wäre sein Titel die Überschrift für diesen Tag und sowieso diese ganze Konstellation, in der ich hier stecke. «Die Alltägliche Physik des Unglücks», lese ich es mir innerlich in aller Deutlichkeit vor, als ob ich nicht schon wüsste, dass es da steht. Es ist lustig. Aber keiner der beiden Männer reagiert, und ich lache nicht.
Die Männer reden irgendetwas über meinen Kopf hinweg, und ich erliege in diesem Moment einer Art poetischen Grenzerfahrung, ein bisschen wie die Frau in «La Femme Adultère» von Camus, die sich in der Wüste mutterseelenallein mit dem nächtlichen Himmel vereint, falls sich da wer dran erinnert. Ich war nie gut in Physik, ich konnte mir immer nur merken, was mir daran poetisch erschien, wie zum Beispiel der Ausdruck «Der Drang zum Chaos», «Die Wucht des Aufpralls», «Das Versagen von Kräften». Und wie ich nun da stehe und mich an dem Buch festhalte, scheinen mir all diese Begriffe aus der Physik plötzlich etwas sagen zu wollen, eine Richtung anzudeuten, mir fast schon einen Schubs zu geben hinaus aus diesem alltäglichen Unglück, an einen Ort, der woanders ist als hier.
Während mich also irgendwo in Frankfurt in einem grauen Polizeirevier die Alltagspoesie umschlingt, rutscht mein Taschentuchkonstrukt aus der Unterhose und fällt dem Hosenbein entlang des Innenschenkels Richtung Boden. Ich bewege es zwischen meinen Füssen hin und her. Schon wieder so viel rot. Ich verstecke es unter meinem linken Schuh.
Ich spüre einen Griff am Arm und merke: Wir sind hier fertig. Den Blutknäuel lasse ich da liegen und hoffe, dass ihn der Polizist nachher selbst und mit blosser Hand aufhebt und zu spät merkt, was es sein muss.
Die Handtasche stinkt nach Container, und ich werfe sie unter einem unverständigen Blick weg, noch bevor wir ins Auto einsteigen. «Sind wir jetzt den ganzen Weg gefahren einfach für dieses doofe Buch?», werde ich gefragt. Und ich nicke und weiss: Ganz bald werden wir hier wegziehen. Aber nur dieses doofe Buch und ich.
