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Nachtschicht: 16 Femizide lang Ferien

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bild: olivia el sayed
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16 Femizide lang Ferien

In diesem dystopischen Sommer kann Zeit erschreckend gut in Katastrophen gemessen werden.
13.08.2026, 10:0313.08.2026, 10:03

Also, ich weiss nicht. Ich war in den Ferien. Ohne Pläne, mit dem Mann, den Kindern und einer befreundeten Familie. Es war schön, auch wenn sich herausstellte, dass die Realität aktuell so laut ist, dass selbst Verreisen ein zu leiser Versuch ist, dagegenzuhalten. Vielleicht ist das aber auch gut, denn wenn es brennt, dann brennt es, und wenn es brennt, muss gelöscht werden, und das nicht erst, wenn es wieder in die Agenda passt.

Den überall wütenden Feuern nicht unähnlich, rückte mir in diesem Sommer mit jeder Pushmeldung ein Thema immer näher, bis ich ihm irgendwann nicht mehr ausweichen konnte. Anfänglich schob ich die Meldungen dazu einfach nach oben weg, weil es war doch so heiss und ich hatte Ferien und dieses gute Buch und endlich Zeit.

Einmal war aber Vollmond, und durch den Vorhangspalt zündete er mir wie ein Scheinwerfer ins Gesicht, fast als wollte er mich absichtlich am Schlafen hindern. Also scrollte ich auf dem Handy. Draussen rauschte das nächtliche Meer, und plötzlich ploppte eine Pushmeldung auf.

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Bild: screenshot People

Es war diejenige über Sara Gilson: Ihr Mann hat die Influencerin vor den Augen ihres Sohnes getötet. VOR. DEN. AUGEN. IHRES. SOHNES. GETÖTET. Mir fiel fast das Telefon aufs Gesicht. Vor ein paar Tagen hatte ich mich noch über ihr Reel gewundert, das einem populären, meist ironisch interpretierten Netflix-Doku-Stil-Enthüllungstrend nachempfunden war. Sie bezeichnete darin jedoch ganz ohne Ironie ihren Ex-Partner öffentlich als pädophil, und das Video blieb mir im Sinn, weil ich es irgendwie nicht verstanden hatte.

Schon wieder ein Femizid? Mir schien plötzlich, als hätte ich seit Sommerbeginn andauernd solche Nachrichten auf meinem Telefon aufploppen sehen. Irgendwas mit einer Machete, die Frau am CSD und ein Mann, der seine Frau anzünden wollte? Ich kam nicht umhin zu denken: Wie viele Frauen wurden allein in diesem Sommer, während ich hier von Hängematte zu Pool und retour schlendere, von ihren Ex-Männern oder Männern getötet?

16 Frauenmorde in einem Sommer – was ist nur los?

Ich begann zu recherchieren, ob es nur ein Gefühl war, das mich grad beschlich, oder ob dieser Sommer tatsächlich von Mord und Mordversuchen an Frauen geprägt war. Laut «Stop-Femizid»-Recherche gab es im Juli mindestens zwei Fälle in der Schweiz: Einmal tötete ein Mann seine 40-jährige Ex-Partnerin in ihrer Wohnung im Thurgau, und ein anderer Mann suchte seine Ex-Frau, von der er seit über 20 Jahren getrennt lebte, auf dem Gelände einer Rehabilitationsklinik im Tessin auf, wo er ihr am Ende seines Besuchs in den Kopf schoss. ER. SCHOSS. IHR. IN. DEN. KOPF.

Nur ein Land weiter listet «Femizid Deutschland» für Juli 2026 rund ein Dutzend Fälle, in denen ein Mann eine Frau getötet, schwer verletzt oder mit dem Tod bedroht hat. EIN. DUTZEND. IM. JULI. Gemäss Definition zählt die 65-jährige Touristin, die am Christopher Street Day dem Anschlag zum Opfer fiel, nicht dazu, auch wenn der Täter ein Mann war. Dafür aber der 60-jährige Mann, der seine zwei Jahre jüngere Ehefrau auf dem Wochenmarkt im hessischen Kelkheim mit einer Machete ermordete. MIT. EINER. MACHETE. Ein anderer Mann verletzte am 24. Juli seine 47-jährige Ex-Partnerin an ihrem Arbeitsplatz in einem Einkaufszentrum in Stuttgart erst mit einem Messer und steckte sie danach in Brand. ER. STECKTE. SIE. IN. BRAND. Passanten löschten die Flammen. Die Frau überlebte mit schweren Verletzungen nur knapp.

HEY.
GOPFERTAMI!
SIND WIR ALARMIERT GENUG?

Ich weiss es gar nicht. Das ist alles so unfassbar roh und brutal. In meine Push-Nachrichten hatte sich ausserdem ein Fall aus Bangkok gereiht, wo am 16. Juli ein Mann mit einem Koffer festgenommen wurde. Im Koffer befand sich eine tote Frau. IM. KOFFER. BEFAND. SICH. EINE. TOTE. FRAU. Ob er selbst sie getötet hat, ist noch nicht eindeutig bewiesen, aber er hob sich jedenfalls Geld ab mit ihren Kreditkarten, die sie auf sich getragen hatten, bevor er sie in den Koffer manövrierte. Die Ermittlungen laufen noch. Was weiss ich, wie es dazu kam. Aber weisch, wasi weiss? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war es keine Frau, die diese Frau getötet hat.

Und nun also noch Sara Gilson, die mit dem Leben dafür bezahlte, dass sie ihren ehemaligen Partner öffentlich blossgestellt hatte. Hintergrund für ihr Video war der Missbrauchsvorwurf einer 15-Jährigen (und deren Mutter) aus dem Basketballteam, das ihr Mann trainierte. Sicher war Sara Gilsons Umgang mit dieser Information nicht ideal; sein Handeln rechtfertigt es aber noch lange nicht. NICHTS. RECHTFERTIGT. EIN. SOLCHES. HANDELN.

Wie denn nun weiter ab hier?

Meinem Unbehagen auch nicht weiter zuträglich war, dass nur drei Tage nach dieser Nachricht ein Mann durch Paris rannte und auf drei Frauen einstach, weil ihm angeblich sein Gott zugeflüstert habe, er müsse Frauen töten. ER. MÜSSE. FRAUEN. TÖTEN. Und ja, weil die Frauen ihren Verletzungen nicht erlagen und der Mann psychisch vorbelastet war, zählt das nicht als Femizid. Aber ganz ehrlich: Meinem Unbehagen sind diese Definitionen grad ziemlich egal.

Menschen waren immer schon brutal. Nicht nur Männer – das zeigen viele gruslige Fälle. Und mir ist auch klar, dass das Nachrichten aus aller Welt sind und je mehr Nachrichten ich spezifisch zum Thema lese, desto mehr solcher Nachrichten werden mir dank meines ach so aufmerksamen Algorithmus in meinen Feed gespült. Und wenn ich nur lange genug weiterlese, scheint mir dieser Sommer unverhältnismässig erbarmungslos. Aber jegliche Relativierung ändert nichts an der grausamen Tatsache, dass all diese Angriffe und Tötungen sich wie ein fortlaufendes Muster durch diesen Sommer mäandern und vor allem, dass sie tatsächlich passiert sind. Und das sind nur diejenigen, die mediale Aufmerksamkeit bekommen haben.

All diese getöteten Frauen sind die Töchter von jemandem, Freundinnen, Vertraute, Schwestern, Arbeitskolleginnen und Cousinen. Irgendwo sitzen Angehörige, vielleicht sogar die Kinder oder Eltern dieser Frauen, und müssen nicht nur mit diesen Verlusten umgehen, sondern, zusammen mit uns, die nur mitlesen, auch mit der bitteren Einsicht, dass Gewalt für sehr viele verletzte Egos noch immer die naheliegendste Reaktion auf gekränkten Stolz ist.

Aber wie bekommt man denn Besitzdenken und patriarchale Denkmuster aus betroffenen Köpfen, ohne dass eben genau diese Köpfe aus Angst vor Kontrollverlust bereits wieder gefährlich rauchen? Mit jedem Femizid schwindet meine Hoffnung, dass man gegen diese Ohnmacht jemals ankommen könnte.

Quietschend plantschen die Kinder im Pool, als zwei Löschhelikopter laut über uns fliegen und mich ins Hier und Jetzt zurückholen. Die Kinder sind zu sehr in ihr Spiel vertieft, um es überhaupt zu merken. Ich könnte ihnen verraten, dass viele Löschversuche zu spät kommen. Dass manche Feuer absichtlich gelegt werden. Und dass andere hätten verhindert werden können, wenn man nur früh genug auf die Warnsignale geachtet hätte. Aber ich weiss noch gar nicht, wie viel Realität ich ihnen schon zumuten will oder ob nicht doch noch Hoffnung besteht, dass die Realität vielleicht doch nochmals etwas weicher wird, bis ich sie ihnen vorstellen muss.

Ich weiss nur, dass ich jetzt wirklich gern lesen und den Kindern über den Buchrand hinweg beim Nichtsmitbekommen zusehen möchte. Nur ganz kurz.

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Olivia El Sayed denkt recht viel, einfach fast nichts zu Ende, weil sie immer irgendwie noch was muss: zur DH, ein Formular ausfüllen, Kinder abholen, Geschenk einpacken, Pass erneuern, Text fertig schreiben, Körper einigermassen instand halten, Ufzgi kontrollieren. Ausser in der Nacht. Da liegt sie im Bett und starrt mit gefühlt offenen Augen an die Innenseiten ihrer Augendeckel – und denkt. Hinderschi und fürschi und so viel und laut, dass sie alles irgendwohin aufschreiben muss, damit sie jemals wieder schlafen kann. Und dieses irgendwohin ist: genau hier.
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Autorin und Instagrammerin (@oh_olives) Olivia El Sayed.Bild: olivia el sayed
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So viele Femizide gibt es in der Schweiz
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So viele Femizide gibt es in der Schweiz

Die Schlagzeilen von getöteten oder schwer verletzten Frauen überhäufen sich in den vergangenen Monaten. Der Messerangriff in Brittnau (AG) Anfang Juli, die Bluttat in Egerkingen (SO) Mitte Juni oder die Tötung in Martigny (VS) sind nur einige Beispiele.Die Menge an versuchten und vollendeten Tötungen von Frauen in der Schweiz nimmt zu, sei es noch zu früh, um daraus eine generelle Richtung abzuleiten, sagt Nora Markwalder, Strafrechtsprofessorin an der Universität St. Gallen gegenüber der NZZ.

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35 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Der Buchstabe I (Zusammenhang wie Duschvorhang)
13.08.2026 10:18registriert Januar 2020
"Der Täter Patrick Frei ist unmittelbar nach seiner Verhaftung aus der Partei ausgetreten, deshalb erübrigt sich für die #SVP eine Stellungnahme." Andreas Glarner, Nationalrat und Präsident der SVP Aargau.

Ich weiss, was das Problem in der Schweiz ist: Eine "Volkspartei", die an allen Ecken und Enden gegen den Opferschutz kämpft und Täter schützt.

Der SVP ist die Gewalt an Frauen nicht nur egal, sie ist sogar vorteilhaft, da sie das Thema nutzen können um sich zu prpfilieren, indem sie den Finger auf die Ausländer richten können.
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outsidecamper
13.08.2026 10:23registriert Mai 2017
Danke für diesen Text. Schockierend und traurig. Wir (Männer und Frauen) sind zu wenig hässig darüber, was hier passiert.
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ch.vogel
13.08.2026 10:30registriert Mai 2014
Problem 1: Dank Internet und auf Klicks fokussierten Medien erfahren wir überhaupt erst von all diesen grauenhaften Taten weltweit, die es schon immer gab. (In der Vergangenheit tendenziell sogar viel öfter, es wurde nur weniger darüber berichtet.)

Problem 2: Warum zum Geier braucht man in den Ferien überhaupt Pushmeldungen für News? Das grenzt an Eigensabotage.
Man kann die News ja zwischendurch mal anschauen, wenn man es für so nötig hält. Aber muss sich sicher nicht einen Strandtag durch eine Tragödien-Pushmeldung versauen lassen.
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Der Cupra Raval meistert seine grösste Herausforderung
Glaubt man den Herstellern, sind alle Elektroautos intelligenter, vernetzter und effizienter geworden. Das ist erst einmal sehr gut. Aber mehr Spass machen sie deshalb nicht unbedingt. Cupra scheint dies verstanden zu haben und beweist es mit dem Raval, einem Stadtauto, bei dem der Fahrspass im Vordergrund steht, statt mit Leistungs-Superlativen zu prahlen.
Lange Zeit waren kleine Autos die liebenswertesten. Sie hatten weder die stärksten Motoren noch die raffinierteste Ausstattung, aber dafür das gewisse Etwas, das Lust machte, sich ans Steuer zu setzen. Aus ihnen entwickelten sich auch die frechen Varianten, die berühmten «GTIs», die heute Kultstatus besitzen.
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