Der Cupra Raval meistert seine grösste Herausforderung
Lange Zeit waren kleine Autos die liebenswertesten. Sie hatten weder die stärksten Motoren noch die raffinierteste Ausstattung, aber dafür das gewisse Etwas, das Lust machte, sich ans Steuer zu setzen. Aus ihnen entwickelten sich auch die frechen Varianten, die berühmten «GTIs», die heute Kultstatus besitzen.
Dann kam die Elektrifizierung, inklusive Batterien, zusätzlicher Kilos und Autos, die plötzlich bierernst daherkamen. Mit dem zu 100 % elektrischen Raval scheint Cupra also den ursprünglichen Geist des kleinen Flitzers wieder aufleben lassen zu wollen. Und nach ein paar Stunden am Steuer kann man sich denn auch kaum des Eindrucks erwehren, dass dieses Auto wirklich besonders ist.
Ein Versprechen, das es einzulösen gilt
Bei unserer ersten Begegnung hatte der Raval vor allem durch seinen Stil überzeugt. Er ist ausdrucksstärker als die meisten Elektro-Stadtwagen und zeichnet sich durch jenen ausgeprägten Charakter aus, den Cupra jedem seiner Modelle einhauchen möchte. Aber ein Auto besteht nicht nur aus Design. Den Unterschied macht, was passiert, sobald man hinterm Lenkrad sitzt, die Fahrt losgeht und die Marketingphrasen der Realität auf der Strasse weichen.
Cupra hat sich entschieden, uns auf die Anhöhen von Barcelona mitzunehmen. Eine ideale Kulisse, um herauszufinden, ob der kleine Elektroflitzer mehr zu bieten hat als nur seine technischen Daten. Und die Antwort kommt schneller als erwartet.
Freude geht vor Leistung
Schon nach wenigen Kurven wird klar, dass der Raval von Menschen entwickelt wurde, die gerne Auto fahren. Achten Sie nicht auf die Beschleunigung – die 226 PS und 290 Nm der Topversion VZ unseres Testfahrzeugs sind 2026 keine Besonderheit mehr –, sondern vielmehr auf das bemerkenswert natürliche Fahrvergnügen. Die Lenkung ist präzise, die Vorderachse schafft sofort Vertrauen, und das Fahrwerk ist immer zu etwas mehr Tempo bereit, ohne jemals den Eindruck von Überforderung zu wecken.
Vermutlich machen genau diese Eigenschaften den grössten Unterschied aus. Viele Elektro-Kleinwagen beeindrucken zwar bei den ersten Beschleunigungsmanövern, werden dann aber neutraler, wenn nicht sogar überfordert, sobald die Strasse kurviger wird. Der Raval macht es umgekehrt. Je mehr Kilometer hinter einem liegen, desto mehr Lust bekommt man, schneller zu fahren, später zu bremsen oder nach einer Kurve etwas früher wieder zu beschleunigen. Ohne jemals die Fahrer*innen einschüchtern zu wollen, schafft dieses Auto im Nu eine Art Verbundenheit, die in dieser Klasse selten zu finden ist.
Dabei spielt natürlich das elektronische Sperrdifferenzial der VZ-Version eine wichtige Rolle. In engen Kurven hilft es dem Auto buchstäblich dabei, sich in die Fahrbahn zu schmiegen, und sorgt dafür, dass die 226 PS erstaunlich effizient auf die Vorderräder übertragen werden. Man spürt wieder dieses Gefühl, das man früher bei manchen kleinen Sportwagen hatte: dass das Auto in die Kurve hineinzieht, während das Heck trotz der im fahrbereiten Zustand über 1600 kg des kleinen Flitzers ausgesprochen leicht wird.
Ein Sportwagen, der sich zivilisiert benehmen kann
Trotz alldem ist der Cupra nicht in die Falle eines protzigen, unbequemen Sportwagens getappt. Denn der Raval ist nach wie vor ein Stadtauto, das den Grossteil seiner Zeit in der Stadt oder auf Alltagsfahrten verbringen soll. Mit den DCC-Stossdämpfern lässt sich das Fahrverhalten zudem recht fein abstimmen, mit bis zu 15 Einstellungsstufen im Individual-Modus, sodass jeder sein persönliches Gleichgewicht zwischen Komfort und Dynamik finden kann. So kann man am Wochenende eine Fahrt durch die Berge geniessen, ohne am Montagmorgen auf dem Weg zur Schule oder ins Büro unter einer Federung leiden zu müssen, die sich wie eine Brechstange anfühlt.
Hinzu kommen eine hochwertig gestaltete Inneneinrichtung im modernen Design und ein paar nette Details wie das Lichtspiel der Ambientebeleuchtung. Das Design vermittelt das Gefühl, in einem Cockpit Platz zu nehmen.
Der Innenraum wurde sowohl beim Stil als auch bei Raumaufteilung und Materialien sorgfältig gestaltet. Allerdings ist nicht alles perfekt: Der Ansatz, alles auf einem einzigen Display anzuzeigen, ist geblieben, die Touch-Bedienelemente unter dem zentralen Display erfordern nach wie vor mehr Aufmerksamkeit, als es eigentlich sein sollte, und die Sennheiser-Audioanlage hat uns nicht ganz überzeugt. Details, die allerdings den Gesamteindruck dieses ersten Tests nicht trüben.
Das Beste kommt vielleicht erst noch
Die eigentliche Frage betrifft nun die übrige Produktpalette. Auch wenn dieser VZ das ganze Potenzial des Fahrwerks unter Beweis stellt, könnte sein Grundpreis von 40 000 Franken doch so manchen abschrecken. Hier weckt nun die Dynamic-Version unser Interesse. Mit 211 PS, einer Reichweite von bis zu 444 Kilometern und einem Preis ab 35 550 Franken vereint sie die wesentlichen Vorzüge, die wir hier bereits vorgestellt haben, und bietet zudem eine bereits umfangreiche Ausstattung.
Anzumerken ist hier, dass der Raval in der Einstiegsversion «Prime Edition» mit einem 115-PS-Motor und einer erwarteten Reichweite von 300 km ab 24 900 Franken erhältlich ist.
Bei allem Gerede von Reichweite, Ladeleistung oder Bordsoftware vergisst man nämlich manchmal fast das Wesentliche: Ein Auto soll den Fahrer*innen auch Freude bereiten. Der Cupra Raval gehört zu den Autos, bei denen man spontan Lust bekommt, über Umwege nach Hause zu fahren. Und in einer Kategorie, in der sich die Modelle schwertun, sich voneinander abzuheben, ist das wahrscheinlich das schönste Kompliment, das man ihm machen kann.
