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Nachtschicht: Hass (aber herzig)

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bild: shutterstock / watson
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Hass (aber herzig)

Du willst hardcore ausrasten und jemanden verfluchen, aber dann fällt dir ein, dass du Aszendent Süssmaus bist? Kenn ich. Hier 27 kleine, böse Wünsche, die grad noch als gut durchgehen.
16.07.2026, 10:0416.07.2026, 10:04

Man soll auf Hass nicht mit Hass reagieren, sonst verschwindet er nie. Aber mal ehrlich: Solange wir uns mit Menschen wie der Manosphere-Ausgeburt Andrew Tate, Rassistinnen wie Celeste Amarilla oder dummen, orangen Männern rumschlagen müssen – oder mit Menschen, die oben genannte Kreaturen beklatschen –, funktioniert «Liebe als Antwort auf alles» vielleicht einfach noch nicht. Denn solchereins versteht diese Sprache vom Konzept her gar nicht. Deshalb habe ich mir in der Nacht eine Liste von Dingen überlegt, die man hate-wünschen darf, ohne dass einem später, bildlich gesprochen, der Zutritt in den Himmel verweigert wird (wo wir dann endlich ohne die andern lachen, tanzen und Tiere streicheln können). Wär doch schade, wenn wir uns ausgerechnet wegen diesen Arschlöchern den Eintritt dorthin verspielen.

Off is the general direction in which I wish you would fuck
(someecard)
quelle: www.someecards.com

Also. Die schlimmsten Gedanken erst mal wegatmen und dann etwas hiervon, denn tiefer treten ist gar nicht nötig.

Ich hate-wünsche dir …

Angina mitten im Sommer (und zwar diese Stufe von Angina, wo du nur noch winselnd in einen Becher spuckst, um das Schlucken zu umgehen)

... dass dir Nacht für Nacht eine Stechmücke ganz nah um die Ohren fliegt. Und dass du dich ihretwegen selbst mehrmals ohrfeigst. Und dass sie immer, wenn du das Licht anmachst und mit roten Backen und immer weniger Nerven nach ihr suchst, verschwunden ist. Aber immer nur solange, bis du dich wieder hinlegst.

Möge deine Matratze nur fast quadratisch sein und das nicht-quadratische Bettlaken im ersten Überstülpversuch jedes einzelne Mal nicht ganz auf die Matratze passen.

Möge deine Pulloverärmelöffnung an einer Türklinke hängen bleiben.

Ich wünsche dir, dass dir beim Brotschneiden von der Rinde ein winziges, eckiges Brösmeli direkt ins Auge spickt und du es den ganzen Morgen nicht rausbekommst, so dass es immer wieder wie aus dem Nichts in dein Auge sticht.

Möge niemand, dem du dein aufgeschränztes Auge ungefragt unter die Nase hältst, die Krume sehen. Wenn du am Kafirüümli vorbeigehst, sollst du meinen, die Leute über dich reden zu hören, weil sie alle gar nicht sicher sind, ob du nicht einfach simulierst, für Aufmerksamkeit?

Möge dein Poschtiwägeli immer leicht nach links ziehen.

Ich wünsche dir einen eingewachsenen Zehennagel. Und dass du dich damit so lange nicht zur Podologin traust und lieber selber dran rumdoktorst, bis der Zeh ganz dick und rot ist und satanisch wehtut, wenn du nur schon versuchst, eine Socke drüberzuziehen.

Apropos Socken: Mögen sie dir immer von der Ferse rutschen und sich beim Laufen unter dem Fuss verwursten.

Und apropos Zeh: Ich wünsche dir, dass du mit genau diesem entzündeten Zeh am Bettbein anstösst, während du versuchst, die Mücke von Punkt 2 zu fangen.

Ich wünsche dir angeschwollene Sommerfüsse und dicke Knöchel.

Ich wünsche dir am gleichen Tag ein fancy Dinner, das Socken und Schuhe erfordert. Und dass du dich beeilen musst, aber einfach minutenlang deinen gottverdammten, dicken Fuss nicht in den Schuh reinbringst. Während du mit zündrotem Grind und fuchsteufelswild die Schuhbändel lockern musst bis ganz unten, möge dir dein Verstand leise vorrechnen, wie du den nächsten Bus verpassen wirst.

Mögen deine Kopfhörer immer mehr Knoten als Kabel sein.

Ich wünsche dir, dass sich die ganze Super-Relief-Sohle deines neuen Cloud-Schuhs mit dem Hundegegel füllt, in den du aus Versehen reintrittst.

Ich wünsche dir, dass du dir in einer Pause ein erfrischendes Getränk genehmigst, aber dass die ganze Zeit Fliegen auf dir landen, die du vergeblich zu verscheuchen versuchst.

Ich wünsche dir, dass am Nebentisch Leute sitzen, die genauso von Fliegen umkreist werden, es dabei aber schaffen, trotzdem glücklich zu sein und das Leben zu geniessen. Die Frage, warum du das nicht hinbekommst, möge dich noch bis in den Schlaf begleiten und immer wieder hochkommen, sobald du irgendwo eine Fliege (oder glückliche Menschen) siehst.

Wenn die Fliegen endlich weg sind, wünsche ich dir, dass du gedankenversunken und mit angenässtem Zeigefinger die Brösmeli des Pistacchio-Gipfels vom Tisch auftupfst, bis dir plötzlich einfällt, dass du hier und heute gar keinen solchen Gipfel gegessen hast und nun grad die von Mund und Kinn einer anderen Person runtergefallenen Brosmen gegessen hast.

Möge jedes Formular, das du online mühselig ausfüllst, am Ende wegen eines einzigen Punktes nicht zu verschicken sein. Möge sich die Seite daraufhin neu laden und all deine Eingaben ins digitale Nichts katapultieren.

Möge die Kartoffel, die du dir beim fancy Dinner einverleibst, ihre wahre Temperatur (Level: Lava) erst in deinem Mund verraten. Und mögest du mit Leuten am Tisch sitzen, die du nicht gut genug kennst, um ihnen deinen ausgespuckten Härdöpfel zumuten zu können, so dass du mit deinen Gesichtsentgleisungen alle Blicke auf dich ziehst, während Dampf aus deinen Ohren kommt.

Ich wünsche dir, dass du immer meinst, du hättest irgendwo eine Spinne, die auf dir krabbelt, aber meistens ist es dann doch nur ein Haar. Und dann aber einmal, wenn du meinst, es sei wieder nur ein Haar, dann möge es eine Spinne in deinem BH sein, bereits auf dem Weg in dein Gesicht.

Sowieso wünsch ich dir Spinnen ins Haus (auch wenn du ein Mensch ohne BH bist), und dass du dann allein daheim bist.

Und apropos Tiere: Ich wünsche mir, dass der Hund deiner Nachbarn so laut bellt, dass sie ihn über Nacht im Garten halten.

Ich wünsche dir, dass dir deine Katze davonläuft. Aber nicht so weit, dass du sie nie mehr siehst: Sie wohnt jetzt einfach lieber anderswo im Quartier, weil sie da die Menschen lieber mag als dich.

Ich wünsche dir Heuschnupfen. Das ganze Jahr über. Und ich wünsche dir, dass du heute vergessen hast, einen neuen Nasenspray zu holen und alle Läden schon geschlossen sind.

Ich wünsche mir, dass du wegen der verstopften Nase nur mit offenem Fenster schlafen kannst, weil du sonst das Gefühl hast, dein Mund werde zu Staub.

Ich wünsche mir, dass der bellende Hund von vier weiter oben dies ganz unregelmässig, aber doch stetig tut.

Ich wünsche dir tatsächlich, dass du das Glück findest. Aber dass es so dermassen unmöglich zu greifen ist wie das eine kleine Eierschalenstückli in den aufgeschlagenen Eiern, das du zwar immer siehst und manchmal fast erwischst, aber dir dann doch jedes Mal wieder aus den Fingern glitscht.

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Olivia El Sayed denkt recht viel, einfach fast nichts zu Ende, weil sie immer irgendwie noch was muss: zur DH, ein Formular ausfüllen, Kinder abholen, Geschenk einpacken, Pass erneuern, Text fertig schreiben, Körper einigermassen instand halten, Ufzgi kontrollieren. Ausser in der Nacht. Da liegt sie im Bett und starrt mit gefühlt offenen Augen an die Innenseiten ihrer Augendeckel – und denkt. Hinderschi und fürschi und so viel und laut, dass sie alles irgendwohin aufschreiben muss, damit sie jemals wieder schlafen kann. Und dieses irgendwohin ist: genau hier.
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Autorin und Instagrammerin (@oh_olives) Olivia El Sayed.Bild:oliviaelsayed
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