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Yonnihof

Das «linke Drama»: Lost in Translation

Bild: shutterstock

Es gibt keine einfache «linke Sprache».



Es «räblet» mal wieder im Internet. Verständlicherweise, hat doch am 9. November ein weltpolitisches Erdbeben stattgefunden. Donald Trump ist also der neue Präsident der Vereinigten Staaten. Die einen sind entrüstet, schockiert, wütend. Die anderen kontern mit «das hat man halt, wenn man dem Volk nicht zuhört».  

Das Volk. Ein neutrales Wort, das bald soviele negative Emotionen lostritt wie «Feminismus». Dieses Volk also hat Trump gewählt. Deal with it.  

Rückblende. Es gab einen Moment im Frühjahr 2016, als die Flüchtlingskrise und die damit verbundenen Debatten schon eine ganze Weile anhielten, als ich der gepflegten Alles-Nazis-Alles-Hippies-Diskussion gerne den Mittelfinger gezeigt hätte. Ich war Gast an einer Podiumsdiskussion über politische Bildung in Nürnberg und sass in diesem Rahmen mit Menschen auf der Bühne, die jeden Tag direkt und persönlich mit Nazis und Hetzern konfrontiert sind. Die meisten von ihnen sagten: Nein, man muss nicht jedem zuhören. Ich höre nur noch denen zu, die zu einem Diskurs bereit sind.  

Mir leuchtete das ein und ich begann, meine Ohren für (extreme) rechte Parolen zu verschliessen und versuchte, mich konstruktiv mit denen auseinander zu setzen, die, auch wenn sie politisch anders eingestellt waren als ich, bereit waren, mir genauso zuzuhören wie ich ihnen.  

Ich war mit diesem Ansatz zufrieden. «Man muss nicht jedem zuhören.»  

Das Problem ist nur: Dann wird eben ein Trump gewählt. Oder ein Andreas Glarner. Das ist das gute Recht eines jeden Bürgers. Und es ist auch das gute Recht eines Herrn Glarner, für den Nationalrat zu kandidieren.  

Meine Vorstellung von «so sollte es in einer besseren Welt sein» hat leider nichts mit den Wahlresultaten zu tun. Vor allem, wenn ich aktiv nichts dafür tue. Und schon gar nicht, wenn ich aufhöre, der anderen Seite zuzuhören.  

Natürlich ist diese «Die andere Wange hinhalten»-Manier des ewigen Zuhörers frustrierend. Vor allem, wenn mir die Gegenseite ihrerseits in keinster Weise zuhört. Ich zumindest habe noch nie die Parole «Die Rechte sollte eben mal die Ängste der Linken ernst nehmen» gehört – Sie schon?  

«Ängste» ist im Übrigen ein weiteres dieser Triggerworte, von denen der Kommentarspaltenamok gerne mal direkt in den Kommentiermodus springt, ohne den Text überhaupt fertig zu lesen.  

Es gibt Menschen in diesem Land, die Sorgen haben. Und ich kann noch so versuchen, diese zu entkräften oder zu sagen, sie seien nicht real: Sorgen sind subjektiv.  

Problem Nummer 1: Es gibt politische und Medien-Kräfte, die mit diesen Sorgen spielen und sie für Gewinn instrumentalisieren – persönlichen oder monetären. Sorgen und Ängste machen uns verletzlich und da braucht’s lediglich ein Fünkchen und schon lodert ein Waldbrand. Die Narrative sind simpel, man muss nicht viel tun, um den Leuten Angst zu machen. «Was passiert mit deinem Job?», «Was passiert mit deinem Wohlstand?», «Was passiert mit deiner Sicherheit?»  

Problem Nummer 2: Es gibt politische und Medien-Kräfte, die diese Sorgen ignorieren. Die Gründe dafür sieht man immer wieder: Geht man als linke Person auf diese Sorgen ein (so wie ich jetzt gerade), steht man gerne als Verräterin da. Weil diese Sorgen ja eben keine seien. Pardon, aber ich glaube nicht, dass ich darüber entscheiden kann, was meinen Mitmenschen quält. Ausserdem war ich noch nie eine Büezerin, deren Job tatsächlich bedroht war.

Alles, was ich tun kann, ist ihn zu verstehen zu versuchen und ihm meine Sicht aufzuzeigen. Zugegeben, das ist manchmal extrem mühsam, aber es bleibt einem nicht viel anderes übrig, denn anscheinend quälen diese Sorgen sehr viele Menschen zugleich. Die obigen Fragen – «Was passiert mit meinem Job?», «Was passiert mit meinem Wohlstand?», «Was passiert mit meiner Sicherheit?» – gehen nicht weg, weil wir sie als dumm oder nichtig bezeichnen. Es wird rechts gewählt, überall auf der Welt, das ist eine Realität, völlig unabhängig davon, was für mich und in meiner Sprache logisch und menschlich ist.  

Man müsste also eine sprachliche Lösung finden, wie man linke Lösungen oder zumindest Gegenansätze zu diesen Grundsorgen aufzeichnen kann. Nur gibt es die nicht. Linke Anliegen lassen sich selten einfach und auf emotionaler Ebene packend zusammenfassen. «Gib doch ein bisschen von deinem Wohlstand auf, es ist für eine bessere Welt» macht zwar für mich persönlich Sinn, schickt die Massen jedoch nicht euphorisch an die Urne.

Wir haben also auf der einen Seite eine grosse, einfache Rhetorik mit massiver Wirkung auf die Bevölkerung und auf der anderen Seite eine nicht existente mit ebensolchem Einfluss (für sich selber predigen können beide Seiten gut).

Grundsätzlich ist es ja auch viel schwieriger, den Leuten aufzuschwatzen, sie sollen das, was sie haben, für eine gerechtere Welt teilweise aufgeben, als ihnen klipp und klar zu sagen: Wähle mich und ich schaue, dass alles so schön bleibt, wie es ist.  

So. Alles schön und gut – aber habe ich eine Lösung?

Eine fertige bestimmt nicht. Bildung, Bildung, Bildung wäre wohl mal wieder der Tenor, aber das ist er schon lange und das hat nicht viel geändert. Lügen und Manipulation seitens Politik und Presse auffliegen lassen (auf beiden Seiten des Politspektrums) – aber auch das hat selten Erfolg. Ganz grundlegend macht dieser rhetorische Minikrieg zwischen Links und Rechts mehr kaputt als heil. Am Ende geht’s nie um Inhalte, sondern darum, wer recht hat und das hat in Gesinnungsfragen halt selten jemand.  

Am ehesten wünschen würde ich mir, dass wir uns auf die gemeinsamen Herausforderungen berufen würden, die wir teilen. Nicht mal unbedingt als BürgerInnen, sondern als Menschen. Dass wir manchmal zusammen dastehen und alle sagen könnten: «Ich habe keine Ahnung, was da auf uns zukommt» als uns bereits vorab mit fixfertigen Lösungen zu bombardieren, die man, wenn die tatsächliche Situation dann eintritt, gleich wieder in den Abfall schmeissen kann.  

Und dann vielleicht halt doch mal ein offenes Ohr ausserhalb der eigenen Reihen.

Keine Ahnung, ob’s das noch gibt.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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86 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
lilie
12.11.2016 20:36registriert July 2016
Ich habe kürzlich die Arena geschaut. Und da dachte ich, wäre es nicht super, wenn man die Teilnehmer am Ende fragen würde, was sie vom "Gegner" gelernt haben?
Dass Politik darin bestehen soll, als Partei auf Kollisionskurs mit den meisten anderen Parteien zu gehen, scheint mir nämlich nicht sehr zielführend zu sein.
Wäre es nicht konstruktiver, wenn alle Parteien miteinander daran arbeiten könnten, Lösungen zu erarbeiten, anstatt einander zu bekämpfen?
Denn das ist doch verpuffte Energie!
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Sapere Aude
12.11.2016 16:49registriert April 2015
Das Problem ist, dass zu viele von dieser Art "Diskussion" profitieren. Sachpolitik ist langweilig und benötigt entsprechende Sachkenntnis. Damit lassen sich keine Quoten oder Clicks generieren, geschweige denn Aufmerksamkeit.
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Jol Bear
12.11.2016 22:47registriert February 2014
Im Beitrag von Yonni wird, neben den Leuten mit diversen Ängsten, eine Gruppe nicht berücksichtigt: jene, die sich fragen "bekomm ich überhaupt wieder einen Job, Wohlstand usw.". Auch bei der Wahl von Trump waren solche dabei, deren Wohlstand nicht in Gefahr war, weil sie kaum einen haben. Und wenn diese die Chance haben, zu wählen, entscheiden sie sich in erster Linie für einen Neuanfang, egal, ob dieser von Trump in USA, dem linken Tsipras in Griechenland, von der AfD, oder sonst von Politikern versprochen wird, die sich als Alternative zu einer aktuellen Krise anbieten.
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