Keine KI-Siri für europäische iPhone-User – darum attackiert Apple die EU
Es war der Paukenschlag an der Eröffnung der diesjährigen Entwicklerkonferenz WWDC im kalifornischen Cupertino: Apple bringt seine neue, mit Spannung erwartete «Siri AI» auf den Markt – doch Hunderte Millionen iPhone-User in der Europäischen Union bleiben quasi ausgesperrt.
Behindert die EU-Kommission mit ihren strengen Regeln für die marktbeherrschenden US-amerikanischen Techkonzerne den Fortschritt, oder nutzt Apple die eigenen Kunden als Geiseln im Machtkampf mit Brüssel?
watson hat sich auf Spurensuche begeben.
Was ist passiert?
Die Führungsriege des US-Techkonzerns, unter CEO Tim Cook und dem designierten Nachfolger John Ternus, hat entschieden: Die neue KI-Siri auf iPhone und iPad wird vorerst nicht in der Europäischen Union verfügbar gemacht.
Die Schweiz ist nicht betroffen. Sprich: User hierzulande können die KI-Siri, die mit iOS 27 im Herbst lanciert werden soll, ohne Einschränkungen nutzen; wenn auch nur auf den wenigen, technisch dafür geeigneten Apple-Geräten.
Apple begründet den Schritt offiziell mit den Vorgaben des Digital Markets Act (DMA), einem relativ strengen Digitalgesetz, das die EU-Kommission erwirkt hat. Im November 2022 ist das Gesetz in Kraft getreten. Seit Mai 2023 müssen die 27 EU-Mitgliedsstaaten die Vorgaben umsetzen.
Der DMA schreibt unter anderem vor, dass die als Gatekeeper eingestuften marktbeherrschenden Unternehmen Konkurrenten den gleichen Zugang zu ihren Plattformen bieten müssen wie ihren eigenen Diensten. Laut EU-Website müssen folgende grosse Plattformen streng reguliert werden:
- Alphabet: Google-Dienste, Android, YouTube.
- Amazon: Online-Marktplatz, AWS (Cloud-Rechenzentren).
- Apple: iOS, App Store, Safari, iPadOS.
- ByteDance: TikTok.
- Meta: Facebook, Instagram, WhatsApp.
- Microsoft: Windows, LinkedIn.
Die EU-Kommission stuft also Apples mobile Betriebssysteme iOS (iPhone) und iPadOS (iPad) als sogenannte «Gatekeeper-Plattformen» ein. Diese Einstufung soll den US-Tech-Giganten dazu zwingen, sein abgeschottetes Ökosystem zu öffnen, um einen faireren Wettbewerb zu ermöglichen.
Würde Apple seine KI nun trotzdem in ganz Europa auf den Markt bringen und die EU-Kommission stellte im Nachhinein einen Verstoss gegen den DMA fest, hätte dies teure Folgen. Fehlbaren Unternehmen drohen Bussgelder von bis zu 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Wie argumentiert Apple?
Apple wirft der EU-Kommission vor, mit ihren Forderungen nach einer vollständigen Öffnung seiner iPhones und iPads für KI-Assistenten anderer Anbieter die Privatsphäre der europäischen Nutzerinnen und Nutzer zu gefährden.
Man habe der EU-Kommission die Risiken eines «wirklich uneingeschränkten» Zugangs von Assistenten anderer Anbieter zum gesamten Betriebssystem und allen Informationen erklärt, sagte Apple-Marketingchef Greg Jozwiak. «Aber sie haben unsere Bedenken komplett zurückgewiesen.»
Apple argumentiert, die neue KI-Siri sei so datenschutzfreundlich umgesetzt, dass der Konzern selbst dabei keinen Zugriff auf die Informationen der User bekomme.
Das grundlegende Problem aus Apple-Sicht: Genau das hermetisch abgeriegelte, tief in die eigenen Betriebssysteme integrierte Sicherheitskonzept wird Apple nun beim Digital Markets Act zum Verhängnis. Der DMA fordert von Gatekeepern wie Apple Interoperabilität – also die Öffnung der eigenen System-Schnittstellen für Konkurrenten.
Apple nutzt die für die eigene KI geschaffene, komplexe Sicherheitsarchitektur (dazu unten mehr) als Argument gegen die EU-Forderungen. Die Begründung lautet: Eine erzwungene Öffnung der KI-Schnittstellen für Drittanbieter würde das von Apple abgegebene Sicherheitsversprechen brechen.
Man habe der EU-Kommission in Brüssel bereits 2025 einen konkreten Vorschlag für eine technische Lösung vorgelegt, mit der aus Apple-Sicht die Zugangsanforderungen gemäss DMA erfüllt und zugleich der Datenschutz gewahrt geblieben wäre. Dieser Vorschlag sei jedoch in Brüssel abgelehnt worden, ohne sich damit auseinanderzusetzen.
Dieser Plan ist weiterhin auf dem Tisch.
Warum ist die Apple-KI mit Blick auf die Sicherheit ein «Game Changer»?
Um hohen Ansprüchen zu genügen, hat Apple nun seine Sicherheitsarchitektur für KI-Anfragen weiterentwickelt. Gleichzeitig kooperiert man bei der Datenverarbeitung ausserhalb der Geräte verstärkt mit anderen Techkonzernen, die gemeinhin als Datenkraken verschrien sind. Wegen der Kooperation mit Google (Gemini) mussten die Apple-Ingenieure neue Wege gehen, um die Daten zu schützen.
- «Private Cloud Compute» auf fremden Servern: Apple weitet seine Server-Infrastruktur auf Rechenzentren von Drittanbietern aus. Konkret laufen die rechenintensiven, neuen Apple-Sprachmodelle in der Google Cloud unter Verwendung von Nvidia-Prozessoren (GPUs).
- Kein Sprachmodell-Training mit Nutzerdaten: Weder Apple noch Google dürfen die verarbeiteten Anfragen für das Training künftiger KI-Modelle nutzen. Dies ist laut Apple technisch und vertraglich abgesichert.
- Verschleierung der Identität: Anfragen an die Cloud werden über unabhängige Zwischen-Server geleitet. Dadurch wird die IP-Adresse des Users von der eigentlichen Suchanfrage getrennt. Der verarbeitende Server weiss nur, was gefragt wurde, aber nicht, wer gefragt hat.
- «Stateless Computation»: Um die Datensicherheit ausserhalb der eigenen Rechenzentren zu gewährleisten, erzwingt Apple bei Partner-Unternehmen eine spezielle Verarbeitung. Die fremden Server verarbeiten die Nutzerdaten nur für die Dauer der Anfrage im Arbeitsspeicher und löschen sie danach umgehend. Eine Speicherung (etwa für Debugging) ist auf Server-System-Ebene blockiert.
- Verifizierbare Transparenz: Apple stellt unabhängigen Sicherheitsforschern sogenannte Software-«Images» der Cloud-Server zur Verfügung (unterstützt durchs firmeneigene Bug-Bounty-Programm). Forscher können so überprüfen, ob keine Daten gespeichert werden.
Tatsächlich hatte Apple schon in der Vergangenheit mit bahnbrechenden Innovationen die Datensicherheit erhöht und – gegen den Widerstand von datenhungrigen Techkonzernen wie Google und Meta – den Datenschutz gestärkt.
Um nur einige Beispiele zu nennen:
- Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (iMessage & iCloud): Apple war einer der ersten Techkonzerne, der massentaugliche, standardmässig Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation über seinen Messenger-Dienst anbot.
- «App Tracking Transparency» (ATT): Seit 2021 müssen Apps bei der Installation die explizite User-Erlaubnis einholen, bevor sie deren Aktivitäten über Apps und Websites hinweg (für Werbezwecke etc.) erfassen dürfen.
- «Intelligent Tracking Prevention» (ITP): Bereits 2017 integrierte Apple diese Funktion in seinen Safari-Browser. Sie blockiert mithilfe von maschinellem Lernen standardmässig Tracking-Cookies von Drittanbietern.
- «Secure Enclave»: Mit der Einführung von Touch ID (2013 im iPhone 5S) und später Face ID implementierte Apple einen separaten, isolierten Sicherheits-Coprozessor. Biometrische Daten werden nur dort verschlüsselt verarbeitet. Sie verlassen niemals das Gerät und sind selbst für das Betriebssystem oder Apple-Server unzugänglich.
- «On-Device Processing»: Apple minimiert konsequent die Datenübertragung zu Servern. Automatische Gesichtserkennung oder Anfragen an die Sprachassistentin Siri werden standardmässig direkt lokal auf dem Endgerät ausgeführt. Auch die Systemarchitektur für Apple Intelligence behält dieses datensparsame Prinzip bei.
• Das technologische Fundament: Apple hat Anfang 2026 ein Milliardenabkommen mit Google geschlossen. Dabei lizenziert Apple ein speziell angepasstes, sehr leistungsstarkes Gemini-Modell. Dieses bildet nun das Herzstück der überarbeiteten «Apple Foundation Models», welche die komplexeren Aufgaben der neuen Siri AI antreiben.
• Keine Google-Schnittstelle für Apple-User: Gemini tritt auf iPhones, iPad, Macs und Apple Watches nicht als eigenständige Marke auf. Die User interagieren weiterhin ausschliesslich mit Siri und Apple Intelligence.
Warum steckt weit mehr hinter Apples Kampfansage an die EU?
Wie wir oben gesehen haben, hat Apple ein technisches Konstrukt gebaut, das es erlaubt, die Cloud-Rechenpower von Google zu nutzen, ohne die Kontrolle über die Datenverarbeitung abzugeben. In Europa führt dies zu einer speziellen Situation: Apple erfüllt einerseits die strengen EU-Datenschutzgesetze, nutzt aber genau diese Sicherheitsarchitektur, um wettbewerbsrechtliche Öffnungen abzuwehren.
Hinter den Kulissen geht es um weit mehr als technische Detailfragen. Der Entscheid der Apple-Führung reiht sich ein in die Abwehrschlacht der US-Techkonzerne gegen eine strengere Regulierung ihrer Plattformen in Europa. Sie wollen ihre gewinnbringende Marktdominanz nicht aufgeben.
Unzufriedene User als Hebel
Schon länger war eine neue Taktik der im Silicon Valley angesiedelten Gatekeeper zu beobachten: Meta hielt seine neuen Llama-Sprachmodelle in Europa zurück, Google verzögerte den Start von Gemini-Funktionen, und nun steht Apple bei seinem wichtigsten Produkt seit Jahren auf die Bremse.
Das Kalkül dahinter erscheint offensichtlich: Die US-Konzerne strafen die europäischen Konsumentinnen und Konsumenten mit dem Entzug neuer Software-Funktionen, um den politischen Druck auf die EU-Kommission zu erhöhen.
Apple und Co. testen demnach aus, wie gross der Unmut der europäischen Konsumenten werden muss, bis die Politik einlenkt und Ausnahmeregelungen gewährt. Die europäische Kundschaft ist quasi die Manövriermasse.
Die Entscheidung aus Cupertino soll ein unmissverständliches Signal an die europäischen Gesetzgeber senden: dass man im Zweifel lieber auf Marktanteile verzichtet, als die Kontrolle über das abgesicherte Ökosystem aufzugeben.
Der jüngste Schachzug entspricht auch der langfristigen Strategie des Unternehmens: Man inszeniert und vermarktet sich seit vielen Jahren als datenschutzfreundliche und sichere Alternative zu den dominierenden Software-Plattformen von Google (Android) und Microsoft (Windows).
Wie weit geht Apples KI-Blockade in Europa?
Es geht um Apples mit Abstand wichtigstes Produkt, das iPhone. Dieses macht über die Hälfte des weltweiten Gesamtumsatzes aus. Die Blockade betrifft aber explizit nur die neue, kontextbezogene Sprachassistentin «Siri AI».
Das darunterliegende Software-Gerüst namens «Apple Intelligence» ist auch in der EU (auf Deutsch, Französisch und Italienisch) weitgehend verfügbar. Dazu gehören:
- KI-Schreibwerkzeuge: Systemweites Umformulieren, Korrekturlesen und Zusammenfassen von Texten in Mails oder Notizen und weiteren Anwendungen.
- KI-Bildgenerierung: Die Erstellung von KI-Bildern und Genmojis direkt auf dem Gerät.
- KI-Audio-Transkription: Die automatische Verschriftlichung und Zusammenfassung von Sprachaufnahmen oder Telefonaten.
Apple-User in Frankreich, Deutschland und anderen EU-Ländern können also von einer Reihe von KI-Funktionen profitieren, die nicht unter die strengen europäischen Gatekeeper-Regeln fallen oder technisch anders gelöst sind.
KI-Siri gibt's für Mac und Co.
Da der DMA primär auf die marktbeherrschenden Plattformen iOS und iPadOS abzielt, nutzt Apple die gesetzlichen Lücken konsequent aus. Auf Mac-Computern, Apple-Watch-Modellen und der Computer-Brille Vision Pro können auch europäische User auf die neue KI-Siri zugreifen.
Apple kommuniziert also offiziell, dass die Apple Watch von der EU-Sperre ausgenommen ist, das iPhone jedoch nicht. Gleichzeitig ist technisch dokumentiert, dass die Smartwatch bei sehr rechenintensiven Aufgaben auf den Prozessor des gekoppelten iPhones zurückgreift.
Das ergibt eine paradoxe Situation: Das iPhone berechnet die KI-Antworten für die Apple Watch im Hintergrund, darf sie auf dem eigenen Bildschirm aber nicht anzeigen?
Gesicherte Informationen dazu liegen nicht vor.
Was bringt die neue Siri wirklich?
Das muss sich erst noch in Praxistests zeigen.
«Wenn das alles funktioniert, ist es die KI, die die Leute wollen», sagt Branchenexperte Avi Greengart von der Analysefirma Techsponential. Seine Vorsicht ist nicht unbegründet: Ursprünglich kündigte Apple eine Siri mit ähnlichen Fähigkeiten bereits auf der WWDC 2024 an. Doch im Jahr darauf musste der Konzern einräumen, dass die Software nicht verlässlich genug sei. Danach wurde die technische Basis umgebaut – unter anderem mit Verwendung von KI-Modellen des Rivalen Google. Apple betont aber, dass der Internet-Riese dabei keinen Zugang zu Nutzerdaten bekomme.
Analyst Francisco Jeronimo von der Marktforschungsfirma IDC sieht in der neuen KI-Siri eine strategische Weichenstellung für Apple: Sie könne der neue Weg werden, über den die User mit iPhones und künftigen Gerätekategorien des Konzerns interagieren. Zugleich müsse Apple nun aber auch die Erwartungen der Kundschaft erfüllen: Siri werde nun danach bewertet, ob sie die Anliegen der User verstehe, und die Personalisierung sich nützlich und nicht aufdringlich anfühle.
Nützlich durch Personalisierung
Apple stellte die neue KI-Siri am Montagabend anlässlich der Eröffnung der hauseigenen Entwicklerkonferenz WWDC vor. Die Assistenz-Software soll sich von anderen KI-Angeboten dadurch abheben, dass sie besonders tief ins digitale Leben der Nutzerinnen und Nutzer eingebettet ist.
Als ein Beispiel einer Frage, die man der neue Siri stellen könne, nennt Apple etwa: «Wie hiess der Podcast, den mir meine Schwester neulich empfohlen hat?»
Um dies zu beantworten, muss die Software unter anderem die E-Mail oder Textnachricht kennen, in der der Name des Podcasts gefallen sein könnte, richtig die Unterhaltung verstehen – und zunächst einmal wissen, wer in den Kontakten des entsprechenden Users die Schwester ist.
Ein weiterer Vorteil, den Apple dank der umfassenden Kontrolle seiner eigenen Plattformen bieten kann: Danach kann man Siri auch gleich bitten, den Podcast abzuspielen.
Das ist natürlich nur ein kleines Beispiel, wie KI den digitalen Alltag nun auch für iPhone-User erleichtern soll.
Tatsächlich hat Apple bei der Integration von künstlicher Intelligenz eine strategische Ausgangslage, die sich fundamental von Konkurrenten wie Microsoft, Google oder Meta unterscheidet. Der grosse Vorteil stützt sich nicht auf das beste eigenständige Sprachmodell (LLM), sondern auf die vollständige vertikale Kontrolle über Hardware und Software sowie auf die bei den Usern bestehende Vertrauensbasis.
Wie wichtig ist generative KI für Apple?
Auch das wird sich erst noch zeigen.
Wirtschaftlich scheint sich der neue Mega-Trend aus dem Silicon Valley bislang nicht zu lohnen. Die führenden US-Techkonzerne buttern zwei- oder dreistellige Milliardenbeträge in den Bau von leistungsfähigen KI-Rechenzentren. Ob sie diese Investitionen wieder hereinholen, ist offen.
User kauften Apple-Geräte trotz KI-Verzögerung
Während man in Cupertino in den letzten Jahren mit den Siri-Problemen kämpfte, überboten sich der Android-Entwickler Google und der grosse iPhone-Rivale Samsung mit Ankündigungen immer neuer KI-Assistenzfunktionen. Gemessen daran wirkte Apple im Rückstand – den Konsumentinnen und Konsumenten schien das jedoch egal zu sein.
Die Verkäufe der Apple-Geräte stiegen weiter und das iPhone schubste nach Berechnungen von Marktforschern Samsung nach vielen Jahren vom Smartphone-Thron.
Apples langjähriger Software-Chef Federighi erlaubte sich denn auch an der Keynote einen Seitenhieb gegen Unternehmen, die in einem Wettlauf «KI im Namen von KI» verfolgten und dabei die Interessen der User nicht beachteten.
Quellen
- Diverse Apple-Medienmitteilungen
- Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA/DPA
