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TikTok kassiert 70 Prozent der Spendeneinnahmen selber ein

FILE - The TikTok app logo is pictured in Tokyo, Sept. 28, 2020. TikTok is planning to operate its own warehouses in the U.S., a move that will deepen the social media company's foray into e-commerce. ...
Fast 70 Prozent der Spendeneinnahmen gehen direkt an TikTok.Bild: keystone

Wie TikTok bettelnden Kindern in Flüchtlingslagern Geld abnimmt

In Syrien betteln Kinder auf TikTok, während die Plattform 70 Prozent der Spendeneinnahmen in die eigene Tasche steckt. Dies hat eine Recherche der BBC ergeben.
12.10.2022, 17:4213.10.2022, 17:02

Mitte Jahr waren sie auf TikTok und Co. besonders verbreitet: Syrische Kinder, die in Lagern mit schmutzigen Gesichtern und zerlumpten Kleidern in die Kamera betteln, überfluteten so manchen Feed. Wie die BBC nun herausgefunden hat, funktionieren diese Streams mit System. Das sind die Akteure:

Die Familien

Es sind meist Mütter, die mit ihren Kindern zu sehen sind. Sie klatschen, winken, weinen in die Kamera: «Bitte liken, bitte teilen, bitte spenden.» Mona Ali Al-Karim und ihre sechs Töchter sitzen täglich stundenlang auf dem Boden ihres Zeltes vor dem Stativ mit dem Smartphone.

Ihr Mann kam bei einem Raketenangriff ums Leben. Mit den TikTok-Spenden sammelt sie Geld, um die Augenoperation ihrer blinden Tochter bezahlen zu können. Über TikTok kann man sogenannte «gifts» spenden. Diese sind rein virtuell, haben aber einen gewissen Wert, den Mona dann beim lokalen Geldwechsler in Bargeld umtauschen kann.

Mona Ali Al-Karim ist auf die Spenden via TikTok angewiesen, um die Augen-Op ihrer Tochter zu bezahlen.
Mona Ali Al-Karim ist auf die Spenden via TikTok angewiesen, um die Augen-Op ihrer Tochter zu bezahlen.bild: bbc

Die Mittelmänner

Hinter der Kamera stehen die Mittelmänner. Sie sind meist selbst Bewohner dieser Lager und besitzen die Smartphones, mit denen die Bettelstreams erstellt werden.

So auch Hamid. Er hat all seine Herdentiere verkauft, um sich Handy, SIM-Karte und Internetempfang zu kaufen. Nun setzt er für 12 Familien Livestreams auf, verwaltet ihre Accounts und ihre Einnahmen (dazu später mehr). Unterstützt wird er dabei von sogenannten Live-Agenturen.

«Sie helfen uns, wenn wir Probleme mit der App haben. Wir geben ihnen den Profilnamen und das Profilbild, und sie erstellen für uns den Account.»
Hamid, Mittelmann

Die Agenturen

Diese Agenturen kommen meist aus China oder dem Nahen Osten und arbeiten direkt mit TikTok zusammen. Sie erhalten einen gewissen Anteil an den Spendeneinnahmen, abhängig von der Dauer der Streams. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Agenturen ein Interesse daran haben, dass die Streams so lange wie möglich dauern.

Für Hamid sind die Agenturen Ansprechpartner bei Problemen: «Sie helfen uns, wenn wir Probleme mit der App haben. Sie entsperren gesperrte Accounts. Wir geben ihnen den Profilnamen und das Profilbild, und sie erstellen für uns den Account.»

Die Plattform

TikTok selber stellt eigentlich «nur» die Plattform zum Streamen und die Infrastruktur zum Spenden bereit. Dafür ziehen sie einen gewissen, offiziell nicht genannten Betrag von den Spenden ab. BBC hat dazu den Test gemacht: Mohammed, ein Reporter, meldet sich aus einem Lager in Syrien bei einer Agentur. Er wolle gerne einen Spendenstream starten – kurz darauf hat er einen funktionierenden Account. Während des Streams spenden seine britischen Kollegen ein «gift» im Wert von gut 100 Schweizer Franken.

Auf sein Konto erhält Mohammed aber nur etwa 32 Franken – fast 70 Prozent weniger. Nachdem sich TikTok also den grössten Teil der Spende abgezwackt hat, bekommen der Mittelmann und der Geldwechsler auch noch ihre Anteile. Am Schluss bleiben für Mohammed gerade einmal gut 18 Franken übrig.

Gemäss den TikTok-Regeln ist Betteln verboten. Als die BBC 30 solcher Accounts über das App-interne Report-System gemeldet hat, wurden jedoch «keine Verstösse gegen die Richtlinien» festgestellt.

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Das Leiden der Kinder in Syrien

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Das Leiden der Kinder in Syrien
quelle: ap / uncredited
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Tabuthemen auf Tiktok: Videos direkt aus der Psychiatrie

Video: watson

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22 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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insert_brain_here
12.10.2022 18:01registriert Oktober 2019
Je tiefer die Moral desto höher der Profit
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chrimark
12.10.2022 18:41registriert November 2016
Etablierte NGO's, die Transparent über ihre Kostenstruktur und Projekte informieren, sind böse, weil ihre Angestellten arbeiten nicht gratis und so.
Aber hey, wenn jemand den ich nicht kenne und wo ich nichts überprüfen kann auf TikTok um Geld bittet, dann muss es gut sein. Weil digital und App und Social Media Firlefanz und so.
Hauptsache nur nicht das Gehirn einschalten.
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Lordkanzler-von-Kensington
12.10.2022 19:27registriert September 2020
Habe den Artikel gelesen und spontan was schreiben wollen...und jetzt überlege ich, wie ich meine Gedanken formulieren will, ...und eigentlich merke ich, dass mich das einfach ankotzt, wie so Vieles in "unserer Zeit", Geld machen mit Leid, Tiktok-Systeme, usw ....es macht mich müde !!!
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