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Blick auf die Unfallstelle bei Oslo. Laut einer Stellungnahme entzündete sich ausgelaufenes Gas.
Blick auf die Unfallstelle bei Oslo. Laut einer Stellungnahme entzündete sich ausgelaufenes Gas.screenshot: insideevs.com

Explosion bei Wasserstoff-Tankstelle in Norwegen – das hat Folgen

Nach einem Unfall in Oslo wurden in mehreren Ländern Wasserstoff-Tankstellen ausser Betrieb genommen. Ein hiesiger Fachmann versucht zu beschwichtigen.
13.06.2019, 15:0214.06.2019, 09:39

Was ist passiert?

Nach einer Explosion bei einer Wasserstofftankstelle in Norwegen sind zahlreiche weitere Wasserstoff-Tankstellen laut Medienberichten erst einmal geschlossen worden.

Die Wasserstofftankstelle in Sandvika, einem Vorort von Oslo, war am Montagabend in Brand geraten und in der Folge muss es zu einer Explosion gekommen sein.

In der Nähe des Unfallortes wurden zwei Insassen eines Autos leicht verletzt, weil laut Berichten durch die Wucht der Explosion die Airbags des Fahrzeugs ausgelöst wurden.

In einer offiziellen Stellungnahme des norwegischen Nel-Konzerns heisst es:

«Es ist keine Einheit am Standort explodiert. Nach unseren aktuellen Informationen fing das ausgetretene Wasserstoffgas im Freien Feuer. Dadurch entstand eine Druckwelle.»

Die Unfallursache ist noch unklar.

Handy-Aufnahmen vom Unfallort:

Zum Kühlen der Wasserstofftanks musste ein Löschroboter eingesetzt werden. Erst nachdem mit einer Drohne das Risiko weiterer Explosionen hatte abgeklärt werden können, wurde der Verkehr am darauf folgenden Tag wieder freigegeben.

Welche Folgen hat der Unfall?

Man muss unterscheiden zwischen konkreten Massnahmen, die wegen des Unfalls getroffen wurden, und einem allfälligen Image-Schaden, den die Wasserstoff-Branche erleidet.

Die explodierte Selbstbedienungs-Tankstelle wird von der norwegischen Reitan-Gruppe unter der Marke Uno-X betrieben, wie futurezone.at berichtet. Die Komponenten wurden vom norwegischen Hersteller Nel produziert, Gaslieferant ist Praxair (heute Teil des Technologie-Konzerns Linde).

Nel habe für mehr als 50 Wasserstoff-Tankstellen in neun Ländern Komponenten geliefert. Als Reaktion auf den Unfall teilte das Unternehmen mit, dass alle Tankstellen geschlossen würden bis zum Ende der Ermittlungen.

Der grosse börsennotierte Wasserstoff-Technik-Konzern geriet an der Börse unter Druck, die Aktie verlor massiv an Wert. Auf der Website des Unternehmens heisst es:

«Sicherheit hat bei Nel oberste Priorität, und das Unternehmen arbeitet intensiv daran, die Ursache des Vorfalls zu ermitteln. Derzeit sind Fachkräfte vor Ort und tragen aktiv zur laufenden offiziellen Untersuchung bei. Darüber hinaus hat Nel unabhängige Brand- und Explosionsschutz-Experten von Gexcon beauftragt, die vor Ort sind und eine aktive Rolle bei der Erstellung eines unabhängigen Ereignisberichts übernehmen.»

Nel habe seine zehn weiteren Wasserstoff-Stationen geschlossen, in Norwegen, Dänemark und anderen Ländern, berichtete Welt Online am Mittwoch.

Auch Deutschland ist betroffen: «Als reine Vorsichtsmassnahme» seien vier der bundesweit 70 Wasserstofftankstellen geschlossen worden, liess das Firmenkonsortium H2 Mobility Deutschland am Mittwoch verlauten.

Dabei handelt es sich um Stationen in Bremen, Hamburg, München und Rostock, die mit der Betankungstechnik des Wasserstoff-Tankstellenausrüsters Nel arbeiten.

Die Hersteller Toyota und Hyundai haben in Norwegen die Auslieferung von Brennstoffzellenautos vorübergehend eingestellt, da diese zurzeit nicht betankt werden können.

Was ist mit der Schweiz?

Konkrete Massnahmen sind keine bekannt. Und laut einem Branchen-Vertreter auch gar nicht erforderlich.

Rolf Huber ist Verwaltungsrats-Präsident der H2 Energy AG, einer Firma, die Wasserstoff aus erneuerbarer Energie «zu einem Grundpfeiler des Energiesystems» machen will.

Auf Anfrage erklärt der ETH-Ingenieur:

«Aus heutiger Sicht hat der Unfall keine Relevanz auf die Schweiz. Wir haben in unserer Infrastruktur und der Lieferkette andere Anlagen und Komponenten im Einsatz. Sobald die Ursache offiziell von Nel und den Behörden aufgeklärt und kommuniziert wurde, werden wir erneut beurteilen, ob wir davon lernen können.»

Und wie beurteilt Huber das Risiko, dass eine Wasserstoff-Tankstelle explodieren könnte?

Um eine schriftliche Stellungnahme gebeten, antwortet der Fachmann:

«Die Tankstelle in Norwegen ist NICHT explodiert. Das wird aus den Bildern klar ersichtlich. Die öffentliche Stellungnahme von Nel spricht daher nie von einer Explosion. Bei Einhaltung der gängigen und behördlichen Sicherheitsvorkehrungen wird das Explosionsrisiko auf einer Tankstelle vollständig eliminiert.»

Die Einschätzung des Experten wird durch die Angaben auf der Nel-Website bestätigt. Nicht die Tankstelle selbst explodierte, es entzündete sich ausgeströmtes Gas.

In Norwegen war in Medienberichten und von Anwohnern von einer Explosion die Rede ...

Wie geht es weiter?

Ein Vertreter von Hyundai betonte laut Bericht von golem.de, es gebe keinen Grund, die Sicherheit von Brennstoffzellenautos grundsätzlich infrage zu stellen.

Auch der betroffene Wasserstoff-Technik-Konzern Nel schreibt, seine Wasserstoff-Stationen seien so sicher wie herkömmliche Tankstellen für Diesel und Benzin. Die europäische H2-Station sei von branchenführenden Drittanbietern zugelassen und entspreche allen relevanten europäischen und internationalen Normen und geltenden Richtlinien.

Wasserstoff-Tankstellen in der Schweiz?

Anfang Juni informierte Hyundai, dass in den nächsten vier Jahren 1000 H2-Elektro-Nutzfahrzeuge in der Schweiz eingeführt und in Betrieb genommen werden. Bis dahin solle auch ein flächendeckendes Tankstellennetz entstehen, womit dem Durchbruch von wasserstoffbetriebenen Nutzfahrzeugen und Personenwagen nichts mehr im Weg stehe.

Der Förderverein H2 Mobilität Schweiz, in dessen Vorstand grosse Unternehmen wie Migros und Coop vertreten sind, verfolgt das Ziel, bis 2023 ein flächendeckendes Netz von Wasserstofftankstellen in der Schweiz aufzubauen.

Laut Website der H2 Energy AG liegen nun die Baubewilligungen für mehrere Wasserstoff-Tankstellen im Schweizer Mittelland vor.

Rolf Huber von H2 Energy präzisiert auf Anfrage, dass bis Ende 2019 vermutlich noch zwei öffentlich zugängliche Wasserstoff-Tankstellen eröffnet würden. Im nächsten Jahr sollen fünf bis zehn weitere Stationen gebaut werden.

Die erste (und bislang einzige) öffentliche Wasserstoff-Tankstelle des Landes wurde im November 2016 in Hunzenschwil AG eröffnet. Von der Coop Mineralöl AG und beteiligten Unternehmen.

Die erste öffentliche Wasserstoff-Tankstelle im November 2016.
Die erste öffentliche Wasserstoff-Tankstelle im November 2016. archivBild: KEYSTONE

Noch ein bisschen früher, im Oktober 2016, hatte die Eidgenössische Materialforschungsanstalt Empa auf ihrem Areal in Dübendorf ZH die allererste Wasserstoff-Zapfsäule des Landes in Betrieb genommen.

Der Strom für die Wasserstoff-Produktion in Hunzenschwil stammt von einem sogenannten Laufwasserkraftwerk in Aarau. Das heisst, es werden weder das klimaaktive Treibhausgas CO2 noch andere Schadstoffe ausgestossen.

Dieses umweltfreundliche Prozedere war auch bei einem anderen Projekt vorgesehen, das allerdings scheiterte.

In Glattfelden ZH wurde im März 2016 ein Bauvorhaben von Coop und dem Schweizer Energiekonzern Axpo gestoppt. Die beim Kraftwerk Rheinsfelden geplante Produktionsanlage für Wasserstoff kam nicht zustande. Aus wirtschaftlichen Gründen, wie die Verantwortlichen verlauten liessen.

Doch gab es auch Widerstand aus der Bevölkerung. Private und die Umweltschutzorganisation Pro Natura hatten den Baurechtsentscheid verlangt, es drohten Rekurse. Die Regionalzeitung «Zürcher Unterländer» schrieb:

«Anwohner machten sich Sorgen um die Gefahren, die vom Wasserstoff ausgehen könnten – dieser ist hochexplosiv, wenn er mit Sauerstoff in Verbindung kommt – oder auch um die Lastwagenfahrten, die täglich auf sie zukämen.»

Geplant war, mit dem umweltfreundlich produzierten Wasserstoff die Nutzfahrzeugflotte von Coop zu versorgen. Kritiker bemängelten, dass der klimaneutrale Stoff per Lastwagen Hunderte Kilometer weit transportiert werden sollte.

Eis an der Zapfpistole? Das Tanken von Wasserstoff unterscheide sich etwas vom gewohnten Betanken mit Benzin oder Diesel. Es soll auch häufig zischen.
Eis an der Zapfpistole? Das Tanken von Wasserstoff unterscheide sich etwas vom gewohnten Betanken mit Benzin oder Diesel. Es soll auch häufig zischen.bild: coop

In der Region Brugg AG waren ab 2011 bis zu fünf Brennstoffzellen-Postautos im Linienbetrieb eingesetzt worden. Das Pilotprojekt endete 2016. Die erste Schweizer Wasserstoff-Tankstelle für Busse sollte stillgelegt werden.

Besser als Elektro?

Durch die Verwendung von Wasserstoff als Energieträger seien entsprechend motorisierte Fahrzeuge deutlich schneller wieder einsatzfähig als klassische Elektroautos mit Lithium-Ionen-Akku, ruft futurezone.at in Erinnerung. Sprich: Das Auftanken geht viel schneller als das Aufladen.

Allerdings habe Wasserstoff wesentliche Nachteile:

  • Umweltbilanz: Wasserstoff werde nicht nur mithilfe von Wasserkraftwerken erzeugt, sondern oftmals aus fossilen Energieträgern gewonnen.
  • Die Lagerung des leicht entflammbaren Gases sei mit einem höheren Risiko verbunden.

Die weltweit grössten Abnehmer für Brennstoffzellen-Autos sind Japan und die USA. Allein in Kalifornien, wo beim Kauf grosse steuerliche Anreize winken, sei rund die Hälfte der derzeit 11'000 aktiven Wasserstoff-Autos unterwegs.

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