«007 First Light» im Test: James Bond ist zurück – und muss sich nicht verstecken
Ohne Smoking, ohne Martini, ohne Doppelnullstatus: In «007 First Light» ist James Bond zunächst nur ein junger, ungeschliffener Rekrut. Nach 14 Jahren ohne neues Bond-Spiel wagt das dänische «Hitman»-Studio IO Interactive damit einen kompletten Neuanfang – und das Warten hat sich gelohnt.
Die Rolle des berühmtesten Geheimagenten der Welt übernimmt Patrick Gibson, der Zuschauern bekannt ist aus der Serie «Dexter: Original Sin». Der irische Schauspieler liefert eine überzeugende Performance ab und verkörpert einen jungen, charmanten Bond: schlagfertig, clever und mit einem Hang zur Unbekümmertheit.
Story: Vom Quereinsteiger zum Doppelnullagenten
Zu Beginn ist Bond noch Soldat der Royal Navy. Als sein Team auf einer abgelegenen Insel angegriffen wird, überlebt er als einziger einen Hubschrauberabsturz, schlägt sich durch ein feindliches Lager und rettet Geiseln im Alleingang. Beeindruckt von dieser Aktion lädt MI6-Chefin M den jungen Soldaten in das wiederbelebte 00-Programm ein.
In einem ehemaligen Festungsbau auf Malta durchläuft er seine Ausbildung. Diese dient als Tutorial und zieht sich vor allem für erfahrene Spieler etwas in die Länge. Erst danach führt der erste Einsatz mitten in eine Verschwörung um einen lange verschollenen, abtrünnigen Ex-Agenten und ein Hightech-Unternehmen, das mithilfe Künstlicher Intelligenz die globale Sicherheit aufmischen will.
Die Jagd führt Bond rund um die Welt. Zu den Schauplätzen gehören ein ehrwürdiges Grandhotel in der Slowakei, ein Schwarzmarkt in der mauretanischen Wüste, ein luxuriöses Spa in Vietnam und ein prunkvolles Museum mitten in London. Klassisches Bond-Material also: schnelle Wechsel, exotische Schauplätze und ein Sammelsurium aus alten Bekannten und neuen Gesichtern. John Greenway, gespielt von «The Walking Dead»-Veteran Lennie James, wird zum widerwilligen Mentor des jungen Agenten. Auch Musiker Lenny Kravitz mischt als Bösewicht im Cast mit, und der Titelsong «First Light» stammt von Lana Del Rey.
Eine grosse Stärke der Geschichte: Sie nimmt sich Zeit für ihre Figuren. Bonds Kameraden im Ausbildungscamp, seine Vorgesetzten und Kontakte sind sorgfältig geschrieben und in den ruhigen Momenten genauso gelungen wie in der Action. Ohne Schwächen kommt das Drehbuch trotzdem nicht aus. Viele Wendungen kündigen sich frühzeitig an, und ausgerechnet die Bösewichte bleiben weitgehend eindimensional. Wer die Bond-Filme der vergangenen Jahrzehnte kennt, wird hier kaum überrascht.
Gameplay: Spionage mit «Hitman»-DNA
Im Kern ist «007 First Light» ein Action-Adventure aus der Schulterperspektive, das ständig zwischen Spionage, Schleichen, Kampf und cineastischen Verfolgungsjagden wechselt. Die Stärken des Studios sind dabei unverkennbar. In den grösseren Missionsabschnitten haben Spieler mehrere Lösungswege zur Verfügung: Bond kann sich als Kellner am Sicherheitspersonal vorbeischleichen, durch Lüftungsschächte kriechen, Wachen ablenken oder sie mit einer charmanten Lüge austricksen.
Für solche stillen Lösungen liefert Q in seinem Labor das passende Spielzeug: eine Smartwatch zum Hacken von Kameras und Elektrogeräten, einen Mini-Laser zum Blenden, ein Smartphone, das Übelkeit auslösende Pfeile verschiesst, eine Schockwellenkamera und einen Kugelschreiber, der kleine Raketen abfeuert. Egal, für welchen Spielstil und welche dieser Gadgets man sich entscheidet, am Ende hat der Spieler in jeder Situation mehr als genug Möglichkeiten, ans Ziel zu kommen.
Diese Freiheit hat allerdings eine Kehrseite. Weil immer ein Lösungsweg parat liegt und die nötigen Utensilien – etwa Batterien und Chemikalien – massenhaft in der Welt herumliegen, bieten die Rätsel kaum echten Widerstand. Geübte Spieler dürften sich selten wirklich gefordert fühlen.
Auch insgesamt werden Spieler an vielen Stellen etwas zu sehr an die Hand genommen. Marker zeigen den Weg, Kollegin Moneypenny meldet sich häufig mit Tipps zu Wort, und Tutorial-Einblendungen poppen selbst nach vielen Spielstunden noch auf. Wer gern eigenständig kombiniert, kann sich davon bevormundet fühlen.
Kampf: Erst die Faust, dann die Pistole
Die Lizenz zum Töten muss sich der junge Bond erst verdienen. Solange Gegner nicht die Waffe ziehen, bleibt nur der Nahkampf. Bond weicht Schlägen aus, kontert, packt Angreifer, schleudert sie durch Sperrholzwände und wirft mit allem, was er zu fassen bekommt: leere Pistolen, teure Weinflaschen, benutzte Kaffeetassen, Aktenordner. Aus simplen Knopfdrücken entsteht ein flüssiges, fast choreografiertes Handgemenge, das grossen Spass macht. Lediglich die Kamera kommt in engen Räumen ab und zu nicht hinterher.
Sobald die Kugeln fliegen, schaltet das Spiel auf einen klassischen Deckungs-Shooter um. Bond hechtet von einer Kiste zur nächsten Absperrung, schiesst Gegnern die Waffen aus der Hand oder verpasst ihnen einen gezielten Schuss ins Knie. Im Fokus-Modus lässt sich kurz die Zeit verlangsamen für saubere Treffer, der Modus verbraucht aber die knappe Instinkt-Ressource und ist damit kein Allheilmittel. Treffer wirken kraftvoll und spürbar, das Tempo hoch. Leider sind die Gegner nicht immer auf der Höhe: Bewusstlose Kollegen werden gerne übersehen, Kampflärm im Nebenraum interessiert niemanden.
Grafik und Technik: Belebte Welten, kleine Patzer
Mit der hauseigenen Glacier-Engine zeigt IO Interactive einmal mehr, wie überzeugend sich bevölkerte Schauplätze inszenieren lassen. Tanzende Gäste in einem Schloss, drängende Menschenmassen auf einem Schwarzmarkt, andächtige Besucher in einer Ausstellung. Diese Momente gehören zu den grossen Stärken des Spiels. An die absolute Spitze des Genres reicht die Grafik nicht ganz heran, in Sachen Atmosphäre und Detailreichtum hält sie aber locker mit.
Technisch lief der Test weitgehend rund, vor allem auf dem PC. Auf der PlayStation 5 sind die Ladezeiten recht hoch. Ein weiterer Schwachpunkt: Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht, lediglich deutsche Untertitel. Bei einer Marke vom Kaliber James Bond ist das eine Enttäuschung. Wer mit Englisch keine Probleme hat, bekommt mit Gibson, James und Kravitz allerdings eine erstklassige Vertonung geboten.
Fazit: Bond ist zurück – und das richtig
«007 First Light» liefert das, was sich Bond-Fans seit Jahren wünschen: ein Spiel, das die Filmreihe ernst nimmt und in ein technisch ambitioniertes Action-Adventure übersetzt. Die Mischung aus Story, Schleichen, Faustkampf und Action ist hervorragend ausbalanciert, die Schauplätze sind ein Genuss, und Patrick Gibson gibt einen Bond, der sich nicht hinter den Filmdarstellern verstecken muss.
Wer komplett neue Ideen erwartet, wird sie kaum finden. IO Interactive geht keine grossen Risiken ein, nimmt die Spieler stellenweise zu stark an die Hand, und auch die Bösewichte hätten ein paar Ecken und Kanten vertragen. Das ändert wenig daran, dass dieser Auftakt rund 20 Stunden lang grossen Spass macht. Der Grundstein für eine neue Reihe ist gelegt – und das Studio darf gerne nachlegen.
«007 First Light» ist am 27. Mai für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X/S erschienen. Eine Version für die Nintendo Switch 2 folgt im Sommer. Das Spiel hat eine Altersfreigabe der USK ab 16 Jahren.

