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Analyse

General Drapatyi ist Putins schlimmster Albtraum

epa13125835 Deputy Commander of the Joint Forces, Brigadier General Mykhailo Drapatyi, attends a military training in the Luhansk area, Ukraine, 14 December 2021 (issued 22 July 2026). Ukraine's  ...
Bild: keystone
Analyse

General Drapatyi ist Putins schlimmster Albtraum

Der neue Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee weiss, wie moderner Krieg geht.
23.07.2026, 13:1923.07.2026, 13:42

Zuerst war es ein Schock. In einem Machtkampf zwischen dem jungen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und dem Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi schien Wolodymyr Selenskyj Partei für die alte Garde zu nehmen. Fedorow musste nach nur sechs Monaten im Amt den Hut nehmen, und dies, nachdem sich das Schlachtenglück in den letzten Wochen zugunsten der Ukraine gewendet hatte, und das wiederum war ein Resultat des Drohnen-Wunders, an dem Fedorow massgeblich beteiligt war.

Sofort wurden alte Ängste wach: Die alten Apparatschiks der Sowjetzeit und die Korruption sind zurück, die Ukraine gibt preis, was sie sich so heldenhaft erkämpft hat, und versinkt zur Freude von Wladimir Putin in einem internen Machtkampf, ja sogar im Chaos. Überall im Land gingen Menschen, vor allem junge Menschen, auf die Strasse, um gegen die Entlassung des beliebten Verteidigungsministers zu protestieren.

Ukraine's Defense Minister Mykhailo Fedorov speaks to journalists during a joint press conference with Sweden's Defense Minister Pal Jonson in Kyiv, Ukraine, Wednesday, July 1, 2026. (AP Pho ...
Bald wieder in wichtiger Funktion? Der gefeuerte Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow.Bild: keystone

Die Freude im Kreml dürfte nur von kurzer Dauer gewesen sein. In Kiew zeichnet sich ein Happy End ab. Selenskyj hat mittlerweile Syrskyi gefeuert und durch den jungen Mykhailo Drapatyi ersetzt. Das ist mehr als ein Generationenwechsel – Drapatyi ist 43, Syrskyi 60 Jahre alt –, es ist ein Paradigmenwechsel für die Denkweise der Leute, die an den Schalthebeln der militärischen Macht sitzen.

Nur so nebenbei: Es ist auch ein eindrücklicher Beweis, wie unterschiedlich die politische Situation in der Ukraine und Russland ist. Keiner der Demonstranten gegen den Entscheid des Präsidenten wurde verprügelt oder muss gar fürchten, im Gefängnis zu landen. Im neostalinistischen Russland wären er oder sie längst auf dem Weg in ein Straflager in Sibirien.

Syrskyi ist ein Mann der alten sowjetischen Schule. Er nimmt hohe Verluste an Soldaten in Kauf, beispielsweise bei der letztlich erfolglosen Verteidigung der Stadt Bachmut, die von den Söldnern der Wagner-Truppe nach langen und blutigen Kämpfen eingenommen wurde. Deswegen handelte er sich den wenig schmeichelhaften Übernamen «Metzger von Bachmut» ein.

Drapatyi ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er hat den Ruf, gleichzeitig mutig und mitfühlend zu sein, und er hält wenig von starren Hierarchien, wie sie in den sowjetisch geprägten Armeen üblich waren. «Die Befehlsgewalt wandelt sich schrittweise von einer Kultur der Angst zu einer Kultur der Verantwortung», schrieb er einst auf Facebook. «Zum ersten Mal wird die Initiative von unten nicht als Bedrohung, sondern als eine Bereicherung empfunden.»

epa13127115 Ukrainians hold placards reading 'Fedorov is the defence minister', 'Don't mess with what works', 'Hands off Fedorov' and 'Bring Fedorov back', ...
Demonstration gegen die Entlassung des Verteidigungsministers.Bild: keystone

Wer nun glaubt, Drapatyi sei deswegen ein romantischer, woker Träumer, der liegt weit daneben. Schon im Kleinkrieg gegen die Russen und die Separatisten im Donbass hat er sich einen Ruf als unerschrockener Kämpfer erworben. Damals noch im Range eines Majors befreite er im Mai 2014 im Hafen von Mariupol in einer waghalsigen Operation von Russen gefangen gehaltene Geiseln.

Drapatyi ist auch ein Mann, der Verantwortung übernimmt und bei Fehlschlägen Rechenschaft ablegt. Als zwölf Rekruten in einem von ihm kommandierten Ausbildungslager wegen eines russischen Raketenangriffs starben, bot er sofort seinen Rücktritt an. «Eine Armee, in der die Kommandanten persönliche Verantwortung für das Leben ihrer Untergebenen übernehmen, lebt. Eine Armee, in der keiner Verantwortung übernimmt, stirbt», schrieb er damals. Selenskyi lehnte seinen Rücktritt jedoch ab.

Nicht nur, was die Mentalität betrifft, auch, was die Art der modernen Kriegsführung angeht, ist Drapatyi auf der Höhe der Zeit. Er gilt zusammen mit dem gefeuerten Verteidigungsminister als Architekt des modernen Drohnenkriegs, mit dem sich die ukrainische Armee derzeit die Russen vom Leib hält. Alles deutet zudem darauf hin, dass auch Fedorow mit einer wichtigen Funktion in der Regierung betraut wird.

Die Rochade an der Spitze der Armee löst daher Begeisterung aus. «Derzeit gibt es in der Ukraine keine bessere Person für diese Position», zitiert die BBC einen ukrainischen Soldaten. Mykola Bielieskow von der NGO Come Back Alive bestätigt diese Aussage. «Drapatyi hat einen sehr guten Ruf bei den unteren Chargen, vor allem bei denen, die nach 2022 zur Armee gestossen sind.»

Ein weiterer, ungenannt bleiben wollender Soldat erklärte gegenüber der BBC gar: Sollte auch Fedorow wieder ins Amt gehievt werden, dann wäre das «Russlands schlimmster Albtraum».

In this photo provided by the Ukrainian Presidential Press Office, Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy, center, shakes hands with new commander-in-chief of Ukraine's Armed Forces Mykhailo Dra ...
Präsident Wolodymyr Selenskyj gratuliert seinem neuen Oberkommandierenden.Bild: keystone

Allerdings wartet auf den neuen Oberkommandierenden eine Herkules-Aufgabe. Er muss das Rekrutierungssystem überarbeiten, das Energiesystem im kommenden Winter vor russischen Attacken schützen und die schwindenden Munitionsreserven wieder auffüllen. Zudem muss er weiterhin die «Fleischwolf-Kampagne» der Russen im Donbass aufhalten.

Auf den Vorschusslorbeeren ausruhen wird ihm daher nicht vergönnt sein. Wie Oleskiy Kopytko, ein ehemaliger Berater des Innenministers gegenüber der BBC erklärt: «Als Oberbefehlshaber wird man zuerst von allen verehrt und geliebt, dann nicht mehr bei allen geliebt – und schliesslich ist man schuld an allem, was schief läuft.»

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Die beliebtesten Kommentare
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Der Buchstabe I (Zusammenhang wie Duschvorhang)
23.07.2026 13:32registriert Januar 2020
"Eine Armee, in der die Kommandanten persönliche Verantwortung für das Leben ihrer Untergebenen übernehmen, lebt. Eine Armee, in der keiner Verantwortung übernimmt, stirbt."

Wenn dieser Krieg beendet ist, muss die Schweizer Armee unbedingt mal mit den Ukrainern reden.
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TommyGun
23.07.2026 14:31registriert Oktober 2020
DIe Überschrift ist etwas arg reisserisch. Aber generell muss man konstatieren, dass Selensky äusserst geschickt vorgegangen ist; durch die Entlassung Fedorows konnte er genug Druck aufbauen um Syrskyi loszuwerden. Anscheinend hat es schon länger zwischen Sowjet Syrskyi - dem das Metzger Image nicht ganz zu Unrecht nachhängt - und den modernenern jüngeren Militärs und Politikern geknirscht. Die Zeit wird zeigen ob jetzt "alles besser wird". Aber am Wichtigsten erscheint mir, dass es in der Ukraine noch eine lebendige und wehrhafte Zivilgesellschaft gibtg.
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Amateurschreiber
23.07.2026 14:13registriert August 2018
Wir wissen nicht, was hinter den Kulissen so läuft. Aber es gab schon wenige Stunden nach Fedorows Absetzung die Einschätzung bzw. Spekulation, dass das ganze nur ein Schachzug sei. Das eigentliche Ziel sei die Popularität Fedorows zu nutzen, um Syrskyi abzusetzen und Fedorow auf einen andern wichtigen Posten zu setzen.
Der Teil mit Syrskyis Absetzung hat sich schon mal bewahrheitet. Mal schauen, wo Fedorow landet.
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