General Drapatyi ist Putins schlimmster Albtraum
Zuerst war es ein Schock. In einem Machtkampf zwischen dem jungen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und dem Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi schien Wolodymyr Selenskyj Partei für die alte Garde zu nehmen. Fedorow musste nach nur sechs Monaten im Amt den Hut nehmen, und dies, nachdem sich das Schlachtenglück in den letzten Wochen zugunsten der Ukraine gewendet hatte, und das wiederum war ein Resultat des Drohnen-Wunders, an dem Fedorow massgeblich beteiligt war.
Sofort wurden alte Ängste wach: Die alten Apparatschiks der Sowjetzeit und die Korruption sind zurück, die Ukraine gibt preis, was sie sich so heldenhaft erkämpft hat, und versinkt zur Freude von Wladimir Putin in einem internen Machtkampf, ja sogar im Chaos. Überall im Land gingen Menschen, vor allem junge Menschen, auf die Strasse, um gegen die Entlassung des beliebten Verteidigungsministers zu protestieren.
Die Freude im Kreml dürfte nur von kurzer Dauer gewesen sein. In Kiew zeichnet sich ein Happy End ab. Selenskyj hat mittlerweile Syrskyi gefeuert und durch den jungen Mykhailo Drapatyi ersetzt. Das ist mehr als ein Generationenwechsel – Drapatyi ist 43, Syrskyi 60 Jahre alt –, es ist ein Paradigmenwechsel für die Denkweise der Leute, die an den Schalthebeln der militärischen Macht sitzen.
Nur so nebenbei: Es ist auch ein eindrücklicher Beweis, wie unterschiedlich die politische Situation in der Ukraine und Russland ist. Keiner der Demonstranten gegen den Entscheid des Präsidenten wurde verprügelt oder muss gar fürchten, im Gefängnis zu landen. Im neostalinistischen Russland wären er oder sie längst auf dem Weg in ein Straflager in Sibirien.
Syrskyi ist ein Mann der alten sowjetischen Schule. Er nimmt hohe Verluste an Soldaten in Kauf, beispielsweise bei der letztlich erfolglosen Verteidigung der Stadt Bachmut, die von den Söldnern der Wagner-Truppe nach langen und blutigen Kämpfen eingenommen wurde. Deswegen handelte er sich den wenig schmeichelhaften Übernamen «Metzger von Bachmut» ein.
Drapatyi ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er hat den Ruf, gleichzeitig mutig und mitfühlend zu sein, und er hält wenig von starren Hierarchien, wie sie in den sowjetisch geprägten Armeen üblich waren. «Die Befehlsgewalt wandelt sich schrittweise von einer Kultur der Angst zu einer Kultur der Verantwortung», schrieb er einst auf Facebook. «Zum ersten Mal wird die Initiative von unten nicht als Bedrohung, sondern als eine Bereicherung empfunden.»
Wer nun glaubt, Drapatyi sei deswegen ein romantischer, woker Träumer, der liegt weit daneben. Schon im Kleinkrieg gegen die Russen und die Separatisten im Donbass hat er sich einen Ruf als unerschrockener Kämpfer erworben. Damals noch im Range eines Majors befreite er im Mai 2014 im Hafen von Mariupol in einer waghalsigen Operation von Russen gefangen gehaltene Geiseln.
Drapatyi ist auch ein Mann, der Verantwortung übernimmt und bei Fehlschlägen Rechenschaft ablegt. Als zwölf Rekruten in einem von ihm kommandierten Ausbildungslager wegen eines russischen Raketenangriffs starben, bot er sofort seinen Rücktritt an. «Eine Armee, in der die Kommandanten persönliche Verantwortung für das Leben ihrer Untergebenen übernehmen, lebt. Eine Armee, in der keiner Verantwortung übernimmt, stirbt», schrieb er damals. Selenskyi lehnte seinen Rücktritt jedoch ab.
Nicht nur, was die Mentalität betrifft, auch, was die Art der modernen Kriegsführung angeht, ist Drapatyi auf der Höhe der Zeit. Er gilt zusammen mit dem gefeuerten Verteidigungsminister als Architekt des modernen Drohnenkriegs, mit dem sich die ukrainische Armee derzeit die Russen vom Leib hält. Alles deutet zudem darauf hin, dass auch Fedorow mit einer wichtigen Funktion in der Regierung betraut wird.
Die Rochade an der Spitze der Armee löst daher Begeisterung aus. «Derzeit gibt es in der Ukraine keine bessere Person für diese Position», zitiert die BBC einen ukrainischen Soldaten. Mykola Bielieskow von der NGO Come Back Alive bestätigt diese Aussage. «Drapatyi hat einen sehr guten Ruf bei den unteren Chargen, vor allem bei denen, die nach 2022 zur Armee gestossen sind.»
Ein weiterer, ungenannt bleiben wollender Soldat erklärte gegenüber der BBC gar: Sollte auch Fedorow wieder ins Amt gehievt werden, dann wäre das «Russlands schlimmster Albtraum».
Allerdings wartet auf den neuen Oberkommandierenden eine Herkules-Aufgabe. Er muss das Rekrutierungssystem überarbeiten, das Energiesystem im kommenden Winter vor russischen Attacken schützen und die schwindenden Munitionsreserven wieder auffüllen. Zudem muss er weiterhin die «Fleischwolf-Kampagne» der Russen im Donbass aufhalten.
Auf den Vorschusslorbeeren ausruhen wird ihm daher nicht vergönnt sein. Wie Oleskiy Kopytko, ein ehemaliger Berater des Innenministers gegenüber der BBC erklärt: «Als Oberbefehlshaber wird man zuerst von allen verehrt und geliebt, dann nicht mehr bei allen geliebt – und schliesslich ist man schuld an allem, was schief läuft.»
