Trump wird zu Jimmy Carter
In seinem Buch «King of Kings» schildert Scott Anderson, wie der Schah von Persien im Jahr 1979 von Ayatollah Khomeini gestürzt wurde. Entscheidend dabei waren einerseits «Ignoranz, Unaufmerksamkeit und Wunschdenken» seitens der Amerikaner, wie Scott feststellt, und raffinierte Täuschung seitens der iranischen Revolutionäre.
Ihnen gelang es, die Amerikaner in die Illusion einzulullen, wonach «Khomeinis Einfluss schwinden und die Gemässigten wieder an die Machthebel gelangen: Denn der Iran war eine viel zu entwickelte Nation, seine Einwohner viel zu progressiv, als dass eine mittelalterliche Bande das Land langfristig beherrschen könnte», Scott.
Die Fehleinschätzung der Carter-Regierung hatte katastrophale Folgen. Die USA verloren ihren Lieblingsverbündeten und besten Kunden am Persischen Golf. Khomeinis Schergen hielten rund 50 amerikanische Staatsangehörige 444 Tage in Geiselhaft und demütigten die USA vor der gesamten Welt. Jimmy Carter verlor die Wiederwahl krachend gegen Ronald Reagan.
Trumps katastrophaler Krieg gegen den Iran erinnert immer mehr an das Desaster von Carter. Abwechslungsweise droht er damit, das Land in die Steinzeit zurückzubomben, oder er faselt etwas von einem unmittelbar bevorstehenden Friedensabkommen. Tatsächlich spielt das Regime von Teheran mit dem US-Präsidenten Katz und Maus.
Im «Atlantic» greift Johnathan Lemir zu einem Vergleich mit dem legendären Comic-Strip der «Peanuts». «Jedes Mal, wenn Trump einen möglichen Durchbruch bei den Verhandlungen ankündigt, scheinen die Hardliner in Teheran Gefallen daran zu finden, ihre Bedingungen zu ändern und einen möglichen Deal wieder abzuräumen», schreibt Lemir. «Es erinnert an Lucy und den Football, den sie Charlie Brown immer wieder im letzten Moment wegzieht, nur dass der Ball diesmal die Strasse von Hormus ist.»
Trump will dies nicht zur Kenntnis nehmen. Soeben hat er wieder auf seiner Plattform Truth Social gepostet: «Die USA haben die totale Kontrolle über die Strasse von Hormus. ICH DENKE, WIR WERDEN SIE AUCH BEHALTEN, und der Iran kann dies nicht verhindern. Gepriesen sei Allah!»
Wie bei Carter ist dies reines Wunschdenken. So meldet beispielsweise das «Wall Street Journal»: «Die Internationale Energieagentur hat am Mittwoch erklärt, die Strasse von Hormus sei de facto geschlossen, seit die Verhandlungen wieder kollabiert sind.» Schlimmer noch: Die mit dem Iran verbündeten Huthi in Jemen haben mittlerweile begonnen, auch Schiffe im Eingang zum Roten Meer zu beschiessen und damit die sich abzeichnende globale Energiekrise weiter zu verschärfen.
Trump weiss offensichtlich nicht, wie er dem Iran-Sumpf ohne Gesichtsverlust entrinnen kann. Seine Zickzack-Politik hat das Vertrauen der mit den USA verbündeten Golfstaaten nachhaltig erschüttert. Sie suchen nach neuen und verlässlicheren Verbündeten. Soeben haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate einen Pakt mit der Türkei und Pakistan abgeschlossen.
Gleichzeitig ist bekannt geworden, dass die Amerikaner einen grossen Teil ihrer Munition bereits verschossen haben. Konkret seien zwei Drittel der Patriot-Raketen bereits im Kampf gegen iranische Drohnen verbraucht worden, und es wird Jahre dauern, bis diese ersetzt sind. Auch wirtschaftlich geht diese Rechnung nicht auf: Abwehrraketen, die Millionen von Dollar kosten, werden gegen Drohnen eingesetzt, die für ein paar Tausend Dollar hergestellt werden können.
Wer den Schaden hat, braucht sich bekanntlich um den Spott nicht zu kümmern. Das erlebt derzeit auch Trump. Weil er den NATO-Gipfel in der Türkei heimlich in einem Catering-Lastwagen und einer Militärmaschine verlassen hat, steht er jetzt als Feigling da – und auch als jemand, der einen Teil seiner Regierung und die mitreisenden Journalisten als Freiwild für einen möglichen Angriff der Iraner preisgegeben hat.
Auch an der Wirtschaftsfront läuft es nicht gut. Die Inflation hält sich hartnäckig bei 3,3 Prozent. Die Zeiten, in denen Joe Biden dafür verantwortlich gemacht werden konnte, sind längst abgelaufen. Verantwortlich dafür sind vielmehr die Iran-Krise und die Schutzzölle, die Trump so wichtig sind. Bei den Wählern hingegen sind sie verhasst. Mit gutem Grund. Die Zeche zahlen die amerikanischen Konsumenten, und die versprochenen neuen Industriejobs bleiben aus. «Die überwältigende Mehrheit der Belege – die zum Grossteil aus Regierungsquellen und überparteilichen Thinktanks stammen – kommt zu dem Ergebnis, dass Trumps Handelspolitik weitaus mehr Kosten verursacht als Nutzen bringt.», stellt Thomas Edsall in der «New York Times» fest.
In seinem Wahlkampf hat Trump zwar immer und immer wieder versprochen, er werde die Inflation beseitigen und die Erschwinglichkeitskrise beenden. Es zeigt sich jedoch, dass ihm dies völlig egal ist. So haben Maggie Haberman und Jonathan Swan in ihrem Buch festgestellt, dass der Präsident rund 70 Prozent seiner ohnehin spärlichen Arbeitszeit seinen Prestigeobjekten wie dem Ballroom und dem Reflecting Pool widmet.
In einem Punkt steht Trump gar noch schlechter da als einst Jimmy Carter: Sein Gesundheitszustand verschlimmert sich fast täglich. Das stellen nicht nur seine politischen Gegner und ihm feindlich gesinnte Medien fest, sondern auch namhafte Fachleute. So schreibt Jonathan Reiner, ein Herzspezialist und ehemaliger Hausarzt des Ex-Vizepräsidenten Dick Cheney, in einer Gastkolumne in der «New York Times»:
«Trotz Beteuerungen des Weissen Hauses scheint es dem Präsidenten nicht gut zu gehen. Ich bin nicht sein Arzt, und ich kann mich nur darauf stützen, was amtlich veröffentlicht worden ist. Aber Mr. Trump ist wahrscheinlich der Präsident, der am meisten fotografiert worden ist, und eine Reihe seiner Beschwerden ist leicht zu sehen. Er hat grosse Prellungen an der Hand, seine Füsse sind geschwollen, und er hat offenbar Mühe, wach zu bleiben. Daher wundert sich die Öffentlichkeit, ob ihr Anführer noch okay ist.»
Dazu gesellt sich ein wachsender Chor von Experten, der auch seine geistige Gesundheit infrage stellt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Trump befindet sich in einem Umfragetief. Der Iran-Krieg hängt wie ein Mühlstein um seinen Hals und es gibt bereits erste Absatzbewegungen. Seine Pressesprecherin Karoline Leavitt, die er liebevoll «mein Maschinengewehr» nennt, hat ihren Rücktritt auf Ende August angekündigt. Gerüchteweise soll auch Susie Wiles, die Stabschefin, auf dem Absprung stehen.
Sollte die von vielen prophezeite «blaue Lawine» – ein Erdrutsch-Sieg der Demokraten bei den kommenden Zwischenwahlen – Tatsache werden, dann könnte sich dieses Tröpfeln in einen reissenden Strom verwandeln: zu einem Massenexodus aus dem Weissen Haus.
