Jetzt gerät Trump in einen perfekten Sturm
«The Perfect Storm» ist ein Buch von Sebastian Junger, das auf einer wahren Begebenheit basiert: Fischer an der Küste des US-Bundesstaates Massachusetts fahren aufs Meer, obwohl gefährliche Herbststürme drohen. Sie brauchen das Geld, riskieren deswegen ihr Leben und geraten dann tatsächlich in einen perfekten Sturm, will heissen, Winde aus den verschiedensten Richtungen treffen simultan aufeinander und verursachen riesige Wellen. Der Fischkahn kentert und die Fischer kommen um. 2000 wurde dieser Vorfall mit George Clooney in der Hauptrolle verfilmt.
Mittlerweile ist der Ausdruck «perfekter Sturm» zu einer Metapher geworden für eine Situation, in der sich plötzlich alles gegen jemanden wendet und zu dessen Verderben wird. Genau in diese Situation schlittert derzeit Donald Trump. Das sind die Stürme, die auf den US-Präsidenten zurasen.
Der Ölpreis
Seit dem Ausbruch des Irankrieges hängt der Ölpreis wie das Schwert des Damokles über der Weltwirtschaft. Zunächst schien es, als ob eine Katastrophe, ein Preis pro Fass von weit über 100 Dollar, vermieden werden könnte, hauptsächlich deshalb, weil China über riesige Reserven verfügt und kaum mehr auf dem Ölmarkt tätig war.
Jetzt aber droht eine weiterer Preisexplosion. Die Strasse von Hormus ist für die Öltanker nach wie vor de facto geschlossen. Die mit den Iranern verbündeten Huthis im Jemen haben ihre Gegner geschlagen und kontrollieren nun Bab al-Mandeb, die Meerenge im Roten Meer. Als Alternative zur Strasse von Hormus benützen die Saudis diese Route für einen grossen Teil ihres Ölexports. Ein weiterer Teil floss durch eine Pipeline quer durch die Wüste, doch diese wurde von schiitischen Milizen aus dem Irak gesprengt.
Das Resultat besteht darin, dass der Ölexport der Golfstaaten massiv eingeschränkt ist. Bis Venezuela diese Lücke füllen kann, wird es noch Jahre dauern, die Ukraine zerstört Russlands Ölraffinerien und die Reservelager sind allmählich erschöpft. Mike Wirth, CEO des Ölmultis Chevron, sieht daher schwarz: «Wir haben alle Optionen mehr oder weniger ausgeschöpft, und wir haben keine zusätzlichen Stossdämpfer mehr im System», erklärt er gegenüber dem «Wall Street Journal». Wenig ermutigend fügt er hinzu: «Ich wünschte mir, ich könnte Gründe für eine Besserung sehen, aber das fällt mir derzeit schwer.»
Tatsächlich hat der Preis für ein Fass Öl die 100-Dollar-Grenze bereits deutlich überschritten, und er steigt weiter. Das hat nicht nur Folgen für die Weltwirtschaft und die Konsumenten, es bringt auch die Geopolitik aus dem Lot.
Die Saudis und Trump waren lange beste Kumpels. Dem US-Präsidenten wurde kurz nach seiner Wiederwahl in Riad ein pompöser Empfang bereitet und Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) und Trump schienen ein Herz und eine Seele zu sein. Das ändert sich gerade. MBS soll Trump aufgefordert haben, militärisch gegen die Huthis vorzugehen, der US-Präsident habe jedoch dankend abgelehnt.
Das hat seine Gründe: Die Huthis sind keinesfalls eine bunt zusammengewürfelte Chaoten-Truppe, als die sie gerne dargestellt werden. Sie befinden sich nur seit mehr als 20 Jahren in einem Krieg, und zwar erfolgreich. So ist es den viel reicheren Saudis nicht gelungen, sie in die Knie zu zwingen. Die Huthis lassen sich daher am besten mit den Taliban vergleichen, und Trump hat keine Lust, sich nochmals auf ein solches Abenteuer einzulassen.
Die US-Staatsanleihen
Die zehnjährigen US-Treasury Bonds, T-Bonds genannt, sind das weltweit wichtigste Finanzinstrument überhaupt. Täglich wechseln T-Bonds im Wert von 1,2 Billionen Dollar die Hand. Weil die USA bisher stets all ihren finanziellen Verpflichtungen nachgekommen sind, gelten sie auch als überaus sicher.
Nach der Höhe der Zinsen für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen richten sich auch die Renditen vieler anderer Kredite, der Hypotheken beispielsweise, oder der Autokredite. Zudem hängt davon auch ab, wie viel der Staat für seinen Schuldendienst aufwenden muss. Bei einer Verschuldung von über 40 Billionen Dollar hat daher schon ein kleiner Sprung der Rendite grosse Auswirkungen.
Kurz: Der Markt der T-Bonds ist nicht nur für die USA, sondern auch für die Weltwirtschaft von grösster Bedeutung, weit wichtiger als etwa die Aktienmärkte. Deshalb verfolgen hochkarätige Spezialisten mit Argusaugen, was auf dem Anleihemarkt geschieht, und was dort derzeit abläuft, gefällt ihnen überhaupt nicht.
Erstmals seit Corona ist die Rendite der T-Bonds über die 5-Prozent-Marke gesprungen, eine Marke mit grosser symbolischer Bedeutung. Sie könnte das Signal für eine grosse Umschichtung auf den Finanzmärkten sein, und das wiederum der Grund für heftige Turbulenzen.
Tatsächlich war in den letzten Wochen schon eine Flucht aus den amerikanischen Staatsanleihen zu beobachten. Die seriösen Player – die Nationalbanken, Pensionskassen oder der norwegische Staatsfonds – haben sich von ihnen getrennt. An ihre Stelle treten Hedge Funds, die ganz andere Ziele verfolgen. Sie nützen mit hochkomplexen Strategien winzige Preisdifferenzen zwischen den T-Bonds (fragt nicht) aus, um grosse Gewinne zu erzielen.
Zwischenbemerkung: Die Älteren unter euch können sich vielleicht noch daran erinnern, dass der Hedge Fund Long-Term-Capital Management 1998 beinahe das internationale Finanzsystem mit solchen Spekulationen zum Einsturz brachte.
Wenn Hedge Funds die seriösen Player ersetzen, steigt das Risiko für das Gesamtsystem. «Hedge Funds tendieren dazu, ihre Investitionen nur kurzfristig zu halten und so potenziell Instabilität in den Staatsanleihenmarkt zu bringen», stellt denn auch das «Wall Street Journal» fest.
Die künstliche Intelligenz
KI ist der Treiber der amerikanischen Wirtschaft, dank ihr ist diese trotz Iran- und Handelskrieg bisher nicht eingebrochen. Neuerdings wächst jedoch der Widerstand gegen sie. Führende Vertreter warnen davor, dass sie schon bald mehr Schaden als Nutzen anrichten, ja gar die gesamte Menschheit ausrotten könnte. Weil sie gigantische Mengen an Strom und Wasser verbraucht, geraten auch die monströsen Datacenter zunehmend in Verruf.
Die Forderung, die KI-Unternehmen an die staatliche Leine zu legen, wird immer lauter. Trump will davon nichts wissen. Obwohl seine Kenntnisse von KI überschaubar sind – er hat erstmals 2024 eine Demonstration davon in Las Vegas erhalten –, ist er überzeugt, die Entwicklung im Griff zu haben. Alles, was die KI brauche, sei «ein STARKER UND SMARTER (hoher IQ) PRÄSIDENT», postete er am Montag.
Die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner teilt diese Meinung nicht, und die Tatsache, dass Trump nur oberflächliche Ahnung von Technologie hat, vermag die Nerven auch nicht wirklich zu beruhigen. So schreibt die «New York Times», dass er erst 2022 damit begonnen habe, digitale Botschaften zu versenden, und dass ihm auch heute noch seine E-Mails ausgedruckt werden.
Die Briefwahl
Auch wenn er dies beharrlich leugnet, weiss Trump natürlich, dass seine Umfragewerte miserabel sind, und dass die Republikaner in den kommenden Zwischenwahlen wahrscheinlich das Abgeordnetenhaus und vielleicht auch den Senat verlieren werden. Deshalb hat er bereits im März einen präsidialen Erlass unterschrieben, der von der amerikanischen Post verlangt, dass sie alle per Brief verschickten Stimmzettel mit einer nationalen Datenbank abgleichen muss.
Dieser Erlass hätte eine massive Beeinträchtigung der Wahlfreiheit bedeutet. Jetzt hat der Oberste Gerichtshof diesem Vorhaben einen Riegel vorgeschoben. Er hat mit 7 zu 2 Stimmen entschieden, dass die Art und Weise, wie Wahlen in den USA durchgeführt werden, Sache der einzelnen Bundesstaaten ist – wie das übrigens in der Verfassung festgehalten ist –, und dass der Präsident auf dieses Verfahren keinen Einfluss nehmen darf.
Kurz: Der US-Präsident wollte die Briefwahl massiv zu seinen Gunsten einschränken und ist damit krachend gescheitert.
Als Tucker Carlson Trump eindringlich vor einem Krieg gegen den Iran warnte, soll der Präsident den ehemaligen Fox-News-Moderator mit den Worten beruhigt haben, er solle sich keine Sorgen machen, denn letztlich komme alles immer gut. Tatsächlich hat Trump in vieler Hinsicht unglaubliches Glück und daher Grund für seine Zuversicht gehabt. Ob er den sich zusammenbrauenden perfekten Sturm ebenfalls schadlos überstehen wird, muss sich jedoch erst zeigen.
