Pufferzone gegen die Hisbollah – Israels gefährliche Strategie im Südlibanon
Vier Invasionen seit 1978
Seit 1978 hat Israel viermal den Süden seines Nachbarlands Libanon für kürzere oder längere Zeit besetzt. 1978 und 1982 zielten die Invasionen auf die Vertreibung der Guerillaeinheiten der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, die damals von libanesischem Gebiet aus Israel angriffen. Gegen die israelische Militärpräsenz formierte sich jedoch mit Hilfe des iranischen Mullah-Regimes ein neuer, weit gefährlicherer Gegner, der von der schiitischen Bevölkerung im Südlibanon getragen wurde und wird: die Hisbollah.
Diese Terrormiliz, die im dysfunktionalen Libanon einen Staat im Staate bildet, schaffte es, die israelischen Besatzungstruppen so stark zu zermürben, dass Jerusalem im Jahr 2000 deren Rückzug anordnete. Die israelische Invasion 2006 richtete sich gegen die Hisbollah, konnte sie aber nicht entscheidend schwächen – das militärische Patt zwischen der Miliz und der hochgerüsteten israelischen Armee galt als Sieg der Hisbollah.
Der jüngste Einmarsch im Oktober 2024 erfolgte, nachdem die Hisbollah in Solidarität mit der Hamas und als Teil der iranischen «Achse des Widerstands» seit dem 8. Oktober 2023 den Norden Israels beschoss. Vor dem Beginn der israelischen Bodenoffensive erlitt die Hisbollah – ähnlich wie die Hamas – erhebliche Verluste in der Führungsebene und im militärischen Bereich. So starb ihr langjähriger Anführer Hassan Nasrallah im September 2024 bei einem gezielten israelischen Luftangriff. Gleichwohl gelang es der Miliz, den organisatorischen Zusammenhalt zu bewahren und auch einen Teil ihrer militärischen Schlagkraft zu erhalten.
Zehn Kilometer Pufferzone
Die israelischen Streitkräfte besetzten einen Landstreifen, der sich rund zehn Kilometer tief in den Südlibanon hinein erstreckt, und zerstörten dort grosse Teile der von der Hisbollah aufgebauten Terrorinfrastruktur. Die Kampfhandlungen zogen jedoch auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft: Laut UNHCR-Angaben wurden 1,3 Millionen libanesische Zivilisten gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und in andere Teile des Landes zu fliehen. Zugleich flog die israelische Luftwaffe schwere Angriffe auf Ziele im gesamte Libanon, wobei sie auch zivile Infrastruktur zerstörte und hunderte Zivilisten tötete. Die israelische Armee machte überdies mehrere Dutzend Dörfer im Süden des Libanons dem Erdboden gleich – sie seien voller Infrastruktur der Hisbollah, lautete die Begründung.
Im November 2024 willigte die geschwächte Hisbollah in einen Waffenstillstand ein, der vorsah, dass sie sich aus dem südlichen Grenzgebiet bis hinter den Litani-Fluss zurückziehen sollte. Dieser ohnehin brüchige Waffenstillstand endete am 2. März 2026 nach dem Beginn des Irankriegs – nach den israelischen und amerikanischen Angriffen auf den Iran beschoss die mit der Islamischen Republik verbündete Hisbollah Israel erneut mit Raketen.
Beirut in der Zwickmühle
Im Juni unterzeichneten Israel und der Libanon ein weiteres Waffenstillstandsabkommen – diesmal jedoch ohne Einbezug der Hisbollah. Die Eckpunkte der Vereinbarung: Entwaffnung der Hisbollah, schrittweiser Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon und Übernahme der Kontrolle dort durch die reguläre libanesische Armee. Das Abkommen soll zuerst in sogenannten Pilotzonen umgesetzt werden, von denen bisher zwei existieren, aber dann sukzessive auf das gesamte Gebiet ausgedehnt werden. Die Hisbollah lehnt das Abkommen ab.
Die libanesische Regierung steckt hinsichtlich ihrer Politik gegenüber der Hisbollah in der Zwickmühle: Zum einen betrachtet sie die Miliz, die auch im libanesischen Parlament vertreten ist, als innerstaatliche Konkurrenz, die das Gewaltmonopol des Staates bricht. Zugleich steht sie unter starkem Druck seitens der USA und Israels, die Hisbollah zu entwaffnen. Auch eine Mehrheit der Bevölkerung im Libanon spricht sich mittlerweile dafür aus, dass nur die reguläre Armee bewaffnet sein sollte. In letzter Zeit hat die Popularität der Hisbollah bei den Libanesen – besonders unter Christen, Sunniten und Drusen – gelitten, denn man wirft ihr vor, dass sie den Libanon mehrfach in Kriege hineingezogen hat und zudem iranische Interessen über die nationalen Interessen des eigenen Landes stellt.
Zum anderen ist jedoch für die libanesische Regierung eine Entwaffnung der Hisbollah ohne deren Zustimmung kaum möglich, denn die regulären libanesischen Truppen sind der Miliz militärisch nicht gewachsen. Wenn diese nicht freiwillig nachgibt, falls die Armee versucht, die Entwaffnung durchzusetzen, könnte es zu einem weiteren verheerenden Bürgerkrieg im Libanon kommen (der letzte dauerte von 1975 bis 1990).
Ohne den im Juni-Abkommen vorgesehenen «sequenzierten Prozess» aber, in dem die reguläre libanesische Armee die «effektive souveräne Autorität über das gesamte Staatsgebiet des Libanons» wiederherstellt und eine «verifizierte Entwaffnung nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen» – also der Hisbollah – erreicht, ist ein Abzug der israelischen Truppen illusorisch. Sollte diese Entwaffnung misslingen, «werden wir im Libanon bleiben», hat der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu klargestellt.
Im Libanon bleiben – eine gefährliche Option
Im Libanon bleiben ist allerdings eine Option, die für das israelische Militär mit bedeutenden Risiken verbunden ist. Bereits die Zeit der Besatzung von 1982 bis 2000 hat gezeigt, dass Israel eine solche Bürde nicht auf Dauer tragen kann – durch die Strategie der permanenten Nadelstiche gegen die israelischen Streitkräfte konnte die Hisbollah damals den Preis für die israelische militärische Präsenz derart erhöhen, dass am Ende als einzige vertretbare Option der Rückzug verblieb.
Auch jetzt hat die Terrormiliz bereits auf die Schläge reagiert, die Israel ihr seit Sommer 2024 verabreicht hat. Die Hisbollah hat ihre Strategie umgestellt – sie setzt nun eher auf kleine Zellen statt auf grössere Verbände. Drohnen spielen eine immer grössere Rolle bei den Angriffen auf israelische Ziele im Libanon oder in Israel selbst. Dabei kommen auch Glasfaserdrohnen zum Einsatz, gegen die israelische Jammer nutzlos sind.
Und die Hisbollah dürfte nach wie vor über ein bedeutendes Tunnelnetzwerk verfügen, obwohl die israelische Armee einige dieser Tunnel gesprengt hat, etwa in Kantara, wobei ein Grossteil des Dorfes zerstört wurde. Derzeit sind Dutzende Hisbollah-Kämpfer in einer befestigten unterirdischen Anlage auf dem Ali-al-Taher-Gebirgskamm eingeschlossen; die Hisbollah versucht, sie mit Nachschub zu versorgen, während die israelischen Truppen die Schlinge enger ziehen.
Waldbrände und Glyphosat
Wie die israelische Armee die Pufferzone bis zum Litani auf Dauer sichern und die Hisbollah daraus fernhalten will, zeichnet sich freilich in Aktionen ab, die bereits für internationalen Protest gesorgt haben. Sie scheinen darauf abzuzielen, Teile der Zone für die geflohene Zivilbevölkerung unbewohnbar zu machen und damit deren Rückkehr zu verhindern. Da sind zum einen Waldbrände. Feuerwehrleute und Einwohner im Südlibanon beschuldigen laut einem Bericht des Guardian das israelische Militär, Waldgebiete durch Bombenangriffe in Brand gesteckt zu haben.
Umweltschutzorganisationen erklärten demnach, die Brände der letzten Wochen seien Teil einer seit langem bestehenden israelischen Praxis, die libanesische Natur gezielt anzugreifen.
Gemäss Hussein Fakih, dem Leiter des Zivilschutzes in der Region Nabatieh, hat das israelische Militär am vergangenen Dienstag Leuchtraketen in einem Waldgebiet ausserhalb von Khiam abgeworfen, wodurch Brände ausbrachen. Als Feuerwehrleute versuchten, die Flammen zu löschen, habe in der Nähe eine Drohne eingeschlagen, sodass sie sich zurückziehen mussten. In den beinahe zwei Monaten seit dem Waffenstillstand vom 17. Juni sollen israelische Truppen im gesamten Südlibanon Brände verursacht haben, insbesondere in Olivenhainen und auf landwirtschaftlichen Flächen.
Ein weiterer Vorwurf gegen Israel lautet, es habe im Südlibanon grosse Mengen des Pflanzengifts Glyphosat eingesetzt. Glyphosat, dessen krebserregende Wirkung umstritten ist, wurde in der Tat von Sprühflugzeugen ausgebracht. Israelische Stellen hatten die UNO-Soldaten der UNIFIL-Mission zuvor gewarnt, es werde entlang der blauen Linie – der Grenze zwischen Israel und dem Libanon – eine ungiftige Substanz versprüht. Der Einsatz des Herbizids entlang von Grenzen ist freilich eine bekannte militärische Praxis, die dazu dient, die Deckung für bewaffnete Gruppen zu reduzieren.
Libanesische Behörden nahmen Bodenproben und warfen dem israelischen Militär vor, die Konzentration des Herbizids sei 30- bis 50-mal so hoch wie die übliche Dosis. Der Libanon reichte darauf Beschwerde bei der UNO ein. Für Kristian Brakel, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, ist das israelische Vorgehen nicht nur militärisch begründet. Der deutschen Tagesschau sagte er: «Zwei Gründe drängen sich auf, das eine ist vor allem: Entlaubung des Unterholzes, damit es weniger Möglichkeiten für Kämpfer der Hisbollah gibt, sich da zu verstecken. Das Zweite ist, dass wir den Eindruck gewinnen, dass es im Südlibanon auf eine Zone hinausläuft, die zwar nicht von Israel besetzt, aber kontrolliert werden wird, und wo der Zivilbevölkerung nicht ermöglicht werden soll, in diese Gebiete zurückzukehren.»
Kein Frieden in Sicht
Noch ist offen, wie es im Südlibanon weitergeht und ob Israel dort eine permanente Pufferzone einrichten wird. Sicher ist, dass eine weitere Präsenz der Hisbollah als bewaffnete Miliz südlich des Litani für Israel nicht akzeptabel ist. Dies steht im Einklang mit der Resolution 1701 des UNO-Sicherheitsrates, die 2006 nach dem Libanonkrieg angenommen, aber nie umgesetzt wurde. Israel misstraut zudem – und dies wohl nicht zu Unrecht – der Fähigkeit der libanesischen Armee, die Hisbollah zu entwaffnen.
Sicher ist auch, dass die israelische Truppenpräsenz in der Pufferzone und weitere Militäroperationen der Hisbollah Argumente verschaffen, um ihre Entwaffnung abzulehnen. Sie dürften ohnehin vermehrt zu Zusammenstössen mit der Hisbollah führen, insbesondere nördlich des Litani-Flusses sowie in der Umgebung von Ali al-Taher und al-Nabatieh, wo die Hisbollah nach wie vor über eine bedeutende militärische Infrastruktur verfügt. Vorderhand wird die Region wohl nicht zur Ruhe kommen, und den Preis dafür zahlt die Zivilbevölkerung.
