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Russland: Ordnet Putin neue Mobilmachung an? Russen bereits unruhig

RUSSIA, REPUBLIC OF TATARSTAN - SEPTEMBER 8, 2026: Participants take part in the Ground Forces Championship in the Army Tactical Shooting at the Kazan Higher Tank Command School. Yegor Aleyev/TASS PUB ...
Bei der Meisterschaft der russischen Landstreitkräfte im taktischen Schiessen treten die Teilnehmer an der Höheren Panzerschule in Kasan gegeneinander an.Bild: www.imago-images.de

Angst vor Putins neuer Mobilmachung wächst – erste Russen fliehen bereits

Russland bestreitet Pläne für eine neue Mobilmachung. Doch rund um die Duma-Wahl mehren sich Hinweise auf Vorbereitungen – und bei vielen Russen wächst offenbar die Sorge vor einer Einberufung.
22.09.2026, 19:2222.09.2026, 19:22
Simon Cleven / t-online
Ein Artikel von
t-online

Immer mehr Russen bereiten sich auf eine mögliche neue Mobilmachung vor, viele haben bereits das Land verlassen. Hilfsorganisationen berichten von stark gestiegenen Anfragen zur Ausreise, während russische Behörden ihre Möglichkeiten zur Einberufung ausbauen. Zugleich gibt es Berichte über Mobilisierungsübungen und Probleme bei der Rekrutierung neuer Soldaten.

Der Kreml wies Spekulationen über eine neue Mobilmachung zuletzt zurück. Präsident Wladimir Putin bezeichnete entsprechende Berichte Anfang September als unbegründet. Auch Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am vergangenen Freitag, auch nach der Duma-Wahl sei keine verdeckte Mobilmachung geplant.

Westliche Militäranalysten hatten in den vergangenen Monaten die Wahl als mögliche Frist für die Entscheidung beschrieben. Der Grundtenor: Putin wolle die Wahlen noch abwarten und die Bevölkerung nicht schon vorher mit einer Mobilmachung aufschrecken. Bei der letzten Mobilisierung im Herbst 2022 hatten Hunderttausende Russen fluchtartig das Land verlassen. Eine Entscheidung für eine neue Mobilmachung ist bislang zumindest öffentlich nicht kommuniziert worden. Doch mehrere Entwicklungen nähren die Spekulationen.

Russen bereiten ihre Ausreise vor

Besonders deutlich zeigt sich die Sorge bei Organisationen, die Russen beim Auswandern unterstützen. Nach Angaben von «Euronews» ist die Zahl entsprechender Anfragen seit Beginn des Sommers stark gestiegen. Organisationen meldeten zuletzt täglich etwa 70 bis 120 Anfragen nach Hilfe beim Umzug ins Ausland.

Auch Suchmaschinen spiegeln das Interesse wider. Allein die Frage «wird es eine Mobilmachung geben» wurde nach Daten von Yandex, dem russischen Google-Pendant, im Juli rund 204'000-mal gesucht. Menschenrechtsorganisationen berichteten ebenfalls von deutlich mehr Anfragen zu Aufschüben und Ausreisemöglichkeiten.

Besonders gefragt sind demnach Armenien, Georgien und Kasachstan. In Armenien berichten Immobilienmakler laut einem Bericht der «Deutschen Welle» von einer stark gestiegenen Nachfrage russischer Kunden. Ein Makler erklärte demnach, rund 80 Prozent seiner Kunden seien inzwischen Russen, die gerade angekommen seien oder einen Umzug planten.

Auch im russischen Staatsapparat sind die Sorgen über eine bevorstehende Mobilisierung offenbar angekommen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg haben russische Regierungsvertreter und Mitarbeiter der militärischen Rekrutierung versucht, Konten bei ausländischen Banken zu eröffnen und Vermögen ins Ausland zu verlagern. Einige sollen auch Angehörige zur Ausreise gedrängt haben.

Ein Bescheid über Mobilisierung kann die Ausreise stoppen

Die Eile mancher Russen hat einen konkreten Grund: Der Staat verfügt inzwischen über weitreichende Möglichkeiten, eine Ausreise von Wehrpflichtigen zu verhindern. Russland hat ein elektronisches Register für Einberufungsbescheide eingeführt. Nach Zustellung eines entsprechenden Bescheids kann automatisch ein Ausreiseverbot greifen.

Anfang September wurde laut dem Portal «Euronews» ein 24-Jähriger aus der Region Rostow bei einer Passkontrolle in Krasnodar gestoppt. Ihm sei ein Bescheid über ein Ausreiseverbot zugestellt worden. Der frühere Moskauer Kommunalpolitiker Daniil Neonow berichtete dagegen, er habe Russland nach Erhalt einer elektronischen Vorladung gerade noch verlassen können.

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Russische Rekruten in einer theoretischen Trainingssession in einem Rekrutierungszentrum in Moskau. Bild: www.imago-images.de

Zudem verschicken Militärbehörden nach einem Bericht des russischen Dienstes der BBC massenhaft Vorladungen zur Überprüfung von Meldedaten. Ein Mann aus Tatarstan berichtete demzufolge, ihm sei bei einem solchen Termin eine Mobilisierungsanweisung in den Militärpass geklebt worden. Sie legt fest, wann und wo sich ein Reservist im Fall einer Mobilmachung melden muss.

Einschränkungen an Grenze zu Estland

Auffällig sind zudem neue Beschränkungen in der russischen Grenzregion zu Estland. Vom 16. bis zum 26. September gelten zusätzliche Regeln in den Bezirken Kingissepp und Slanzy in der Region Leningrad. Das Portal beruft sich dabei auf die Bezirksverwaltung von Kingissepp und Angaben der zuständigen Grenzverwaltung des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

In einem fünf Kilometer breiten Streifen entlang der Staatsgrenze sind demnach nachts Aufenthalte und Bewegungen von Menschen und Fahrzeugen ausserhalb von Ortschaften untersagt. In Teilen des Grenzgebiets gelten ausserdem Einschränkungen für die Schifffahrt, die Jagd und das Mitführen von Schusswaffen.

Bereits seit Ende Juni gelten zudem neue Vorschriften für Teile des Finnischen Meerbusens. Besitzer kleiner Boote müssen Grenzbehörden unter anderem vorab über Route, Besatzung und geplante Fahrzeiten informieren. Ob diese Massnahmen mit einer möglichen Mobilmachung zusammenhängen, ist nicht bekannt.

Russisches Militär probt den Ernstfall

Auch das russische Militär bereitet sich offenbar auf ein solches Szenario vor. Nach Informationen des «Wall Street Journal» haben Offiziere im Juli in der Exklave Kaliningrad Abläufe für eine mögliche Mobilisierung geprobt. Dabei sei unter anderem geplant worden, wie eine grössere Zahl eingezogener Menschen untergebracht, versorgt und bewaffnet werden könnte.

Westliche Geheimdienstvertreter erklärten der Zeitung, ähnliche Übungen fänden landesweit statt. Eine Entscheidung des Kremls über eine Mobilmachung sei allerdings noch nicht gefallen. Der Kreml bestreitet, dass es sich um Mobilisierungstests gehandelt habe, und spricht von regulären Übungen.

Auch die Nationalgarde Rosgwardija hat Änderungen ihrer Vorschriften vorbereitet. Personal, Einrichtungen und Ausrüstung sollen demnach auf Mobilisierung, Kriegsrecht und Kriegsbedingungen vorbereitet werden. Die Duma hat zudem ermöglicht, während einer Mobilisierung auch Menschen mit bestimmten nicht getilgten Vorstrafen unter Vertrag zu nehmen.

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Russische Rekruten in einer praktischen Trainingssession in einem Rekrutierungszentrum in Moskau.Bild: www.imago-images.de

Russland braucht neue Soldaten

Entscheidend ist die Frage, ob Russland mit der bisherigen Rekrutierung genügend Personal für den Krieg findet. Der Russlandexperte und Ökonom Janis Kluge schätzte auf Grundlage regionaler Haushaltsdaten, dass im zweiten Quartal rund 93'000 neue Verträge geschlossen wurden. Das entspricht etwa 1'000 neuen Vertragssoldaten täglich.

Kluge sieht deshalb zumindest Hinweise darauf, dass der Druck für eine neue Mobilmachung geringer sein könnte als zuvor angenommen. Allerdings zeigt seine Auswertung auch einen längerfristigen Rückgang der Rekrutierung seit Ende 2024. Zugleich wird sie immer teurer: Die durchschnittlichen regionalen Zahlungen pro Vertrag lagen zuletzt zwischen 1,8 und 1,9 Millionen Rubel (umgerechnet rund 18'600 bis 19'600 Euro) und damit etwa 30 Prozent höher als Mitte 2025.

Das Institute for the Study of War (ISW) kommt zu einer kritischeren Einschätzung. Nach Berechnungen des Instituts übersteigen die russischen Verluste die Zahl der neuen Rekruten derzeit um mehrere Tausend Soldaten pro Monat. Sollte Russland seine Militäroperationen mit ähnlich hohen Verlusten fortsetzen, werde der Kreml deshalb mittel- bis langfristig wahrscheinlich seine Rekrutierung verändern und auf eine Form unfreiwilliger Einberufung von Reservisten zurückgreifen müssen.

Wann das geschehen könnte und wie eine solche Einberufung aussehen würde, lässt das ISW ausdrücklich offen. Die wiederholten Dementis des Kreml wertet das Institut jedoch nicht als Beleg dafür, dass eine Mobilmachung ausgeschlossen ist.

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