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Wie Rechtsextreme Chemnitz ins Chaos stürzten

Mehrere Hundert Rechte demonstrierten am Montag in Chemnitz.
Mehrere Hundert Rechte demonstrierten am Montag in Chemnitz.felix huesmann/watson

Diese 5 Szenen zeigen, wie Rechtsextreme Chemnitz ins Chaos stürzten

28.08.2018, 10:2628.08.2018, 14:13
Felix Huesmann / watson.de
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Die Schweigeminute

17.50 Uhr, Stadthallenpark im Chemnitzer Stadtzentrum: Hier haben sich bereits hunderte Gegendemonstranten versammelt. Sie wollen nach der rechtsextremen Gewalt des Vortags gegen Neonazis und Rassismus protestieren – nur einen Katzensprung vom Versammlungsort der Rechten entfernt.

 Zur Gegendemo hatte auch die Chemnitzer Band «Kraftklub» aufgerufen, hunderte Demonstranten waren aus Leipzig und anderen Städten angereist. Die Stimmung im Stadthallenpark ist zunächst gut. Nach den hässlichen Szenen vom Sonntag wollen die Menschen hier zeigen, dass Rechtsextremismus und Gewalt in Chemnitz nicht unwidersprochen bleiben.

Es geht dabei jedoch nicht nur um die Gewalt von rechts – sondern auch um die Gewalttat, die der Auslöser der Proteste und Krawalle war. In der Nacht zum Sonntag war ein 35-Jähriger in der Chemnitzer Innenstadt bei einer Auseinandersetzung mit mehreren Männern tödlich mit einem Messer verletzt worden. Für ihn halten die Demonstranten im Stadthallenpark eine Schweigeminute ab.

Kurz darauf wird es jedoch laut: Drüben am Karl-Marx-Monument, wo sich die Rechtsextremen sammeln, tut sich etwas. Einige Gegendemonstranten rennen an den Rand des Parks, rufen den Rechten über Büsche, Polizeifahrzeuge und die Strasse Parolen zu. «Nazis raus» etwa, und «Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda». Von rechts schallt es zurück. «Merkel muss weg», «Wir sind das Volk» und später immer wieder «Deutschland den Deutschen, Ausländer raus».

Der Hitlergruss

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felix huesmann/watson

Die Rechtsextremen auf der einen Seite, die Gegendemonstranten auf der anderen. Dazwischen Polizisten, Journalisten und sich vermischende Sprechchöre. So bleibt die Lage zunächst für eine ganze Weile. Rund um den ikonischen Kopf des Kommunisten Karl Marx kocht die Stimmung bei den Teilnehmern der rechtsextremen Kundgebung jedoch immer weiter hoch. Aus Parolen werden zunehmend aggressive Pöbeleien. Nach einer Trauerkundgebung wirkt hier nichts mehr.

Video: watson/felix huesmann, lia haubner, marius notter

Gegen 18.45 Uhr setzt sich dann auf einmal ein Teil der rechten Demonstranten in Bewegung – ohne Absprache mit der Polizei. Hunderte drängen auf die Strasse, die Polizisten haben zunächst Mühe, sie zurückzudrängen. Wie ein betrunkener Fussball-Chor rufen einige Rechtsextreme den Gegendemonstranten «Zeckenschweine» zu. Ein Mann zeigt direkt vor den Augen der Polizisten den Hitlergruss. Die Polizei tut nichts. Man habe keine einzelnen Personen aus der Demonstration gezogen, um die Lage nicht eskalieren zu lassen, wird die Polizei später mitteilen. Die Szene markiert den Beginn des erneuten Kontrollverlusts der Polizei.

Die erste Eskalation

Ein Zurück zu einer friedlichen Grundstimmung gibt es jetzt nicht mehr. Die rechtsextremen Demonstranten werden mit jeder Minute aggressiver. Immer wieder pöbeln einzelne von ihnen Journalisten an, werfen mit wüsten Beleidigungen um sich. Die Organisatoren der Demo, die von der rechtsextremen Gruppe «Pro Chemnitz» angemeldet wurde, versuchen zwischendurch sogar noch, ihre Leute in Schach zu halten. Das hat jedoch keine Aussicht mehr auf Erfolg.

Gegen 19.50 Uhr eskaliert die Situation schliesslich zum ersten Mal. Irgendein geworfener Gegenstand macht den Anfang, dann fliegen Flaschen zwischen den Rechtsextremen und den Gegendemonstranten am Rande des Parks hin und her. Dazwischen stehen Polizisten und Journalisten. Einige der Neonazis hatten offenbar für diese Situation vorgesorgt. Sie werfen mit Böllern und Bengalos. Die Polizei versucht mühsam, die Rechtsextremen zurück zu drängen. Die beiden Wasserwerfer, die gut hundert Meter entfernt geparkt waren, werden vorgefahren. Zum Einsatz kommen sie jedoch den ganzen Abend über nicht.

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Ein Bild, das uns Schweizern irgendwie bekannt vorkommt.Bild: EPA/EPA

Etwa eine Viertelstunde später setzt sich die rechtsextreme Demo dann schliesslich in Bewegung. Dabei rufen die Demonstranten lautstark «Wir sind das Volk». Bereits auf den ersten Metern kommt es zu Gewalt. Aus der Spitze der Demonstration stürmen Neonazis auf die Polizei zu, greifen Beamte an, stellen sich in Boxer-Pose vor ihnen auf.

An den Seiten laufen Polizisten mit und begleiten die Demo, die mittlerweile immer mehr zum Mob wird. Nach vorne haben die Rechtsextremen jedoch fast freies Feld. Auch ausserhalb der Demonstration können sich einzelne Neonazis frei bewegen und bedrohen immer wieder Journalisten.

Die Polizei hat spätestens jetzt die Kontrolle über die Situation verloren.

Der Einbruch der Dunkelheit

20.20 Uhr: Die Stimmung rund um die Demonstration wird zunehmend beängstigender – und jetzt wird es langsam dunkel. Vor einem Wohnhaus droht die Lage erneut zu eskalieren. Ein Böller explodiert vor dem Haus, es bleibt zunächst unklar, ob er aus dem Haus oder auf das Haus geworfen wurde. Hinter einem der Fenster befindet sich anscheinend ein Gegendemonstrant. Mehrere hundert Rechtsextreme bleiben vor dem Haus stehen, skandieren minutenlang «Holt ihn raus!».

epa06977359 Right wing protesters light flares while facing police as they gather at the place where a man was stabbed in the night of the 25 August 2018, in Chemnitz, Germany, 27 August 2018. A 35-ye ...
Bild: EPA/EPA

Schliesslich zieht die Demonstration weiter. Das Geschehen innerhalb der Demo zu dokumentieren wird dabei immer schwieriger. Die meisten Journalisten laufen mittlerweile ein ganzes Stück vor den Demonstranten und bewegen sich nicht aus der Sicht der wenigen Polizeibeamten.

Doch auch ausserhalb der Demo wird die Lage zunehmend unübersichtlich. Gruppen organisierter Neonazis beginnen, sich abzusetzen und sind fortan ohne Polizeibegleitung unterwegs. Ausserdem stossen aus allen Richtungen immer wieder einzelne Personen zur Demo hinzu.

Als die Demonstration am Tatort des Messerangriffs vorbeizieht, werden dort erneut Journalisten bedroht und weggeschubst. Aus der Masse hallt immer wieder «Lügenpresse, Lügenpresse».

Das völlige Chaos

21.00 Uhr: Die Demonstration ist nach ihrer Runde um die Chemnitzer Innenstadt zurück am Karl-Marx-Monument angelangt. Nach einigen Pöbeleien in Richtung der Gegendemonstranten, die hier immer noch in den Seitenstrassen stehen, und dem Singen der Nationalhymne, wird die Versammlung aufgelöst.

Das Chaos ist jedoch noch längst nicht vorbei. Die Tausenden Teilnehmer der rechtsextremen Demo strömen jetzt in verschiedene Richtungen. Die Polizei hat allerdings nicht einmal genug Kräfte, um die Demonstranten an einem einzigen Ort in Schach zu halten. Immer wieder kommt es zu Gerenne in den umliegenden Strassen, die beiden Wasserwerfer werden hin und her gefahren. Für Journalisten werden weite Teile der Chemnitzer Innenstadt jetzt endgültig zur No-Go-Area.

Protesters light fireworks during a far-right demonstration in Chemnitz, Germany, Monday, Aug. 27, 2018 after a man has died and two others were injured in an altercation between several people of &qu ...
Bild: AP/AP

An vielen Orten sind keine Polizisten mehr zu sehen, die Angriffe verhindern könnten. Ohne den Schutz der Beamten ist an ein Weiterarbeiten kaum zu denken. Während immer mehr Journalisten deshalb die Arbeit einstellen, kommt es offenbar zu weiteren Angriffen durch Neonazis.

Der Journalist Johannes Grunert berichtet um 21.38 Uhr, dass eine grosse Gruppe von Neonazis abreisende Gegendemonstranten angreift. Auch er wird attackiert. Ein Neonazi habe ihm das Handy aus der Hand geschlagen, schreibt er.

Wenige Minuten später berichtet der Journalist Henrik Merker dann von einem Überfall auf einen Punk. Neonazis hätten in einer Gasse gelauert, der Mann blute.

In der Nacht beruhigt sich die Lage in Chemnitz schliesslich. Mittlerweile hat die sächsische Polizei sogar zugegeben, was Journalisten und Beobachter ihr den Abend über bereits vorgeworfen hatten: Es waren viel zu wenige Polizisten im Einsatz. Die Polizei hatte nur mit Hunderten, nicht Tausenden Demonstranten gerechnet.

Bereits am Montagvormittag hatte der freie Journalist und Szenekenner Johannes Grunert im watson-Interview gesagt: «Ich denke, es ist nicht vermessen, dabei mit mehreren Tausend zu rechnen.» Er sagte auch: «Was die Polizei dagegen macht, steht natürlich in den Sternen, es ist aber zu befürchten, dass die das – wenn auch auf einem anderen Niveau als gestern – erneut unterschätzen.» Er sollte mit beiden Prognosen recht behalten.

Mit Liebe und Humor gegen Nazi-Schmierereien

Video: srf
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63 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Knoten in der Logik
28.08.2018 10:47registriert Februar 2014
Gewalt erzeugt Gegengewalt. In dieser Spirale werden "links" und "rechts" stets militanter und führen einen Krieg, den keine Seite gewinnen wird.

Gewinnen dürfte nämlich jemand anderes. "wenn zwei sich streiten lacht der dritte" hat sich schon mehrfach bewährt. "teile und herrsche" ein erprobtes Mittel um an Macht zu kommen.

Wieso bloss lassen sich die Extremisten auf beiden Seiten dafür instrumentalisieren und wollen nicht merken dass die Gefahr von wo anders kommt?
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Oigen aka Trudi aka Kevin
28.08.2018 12:58registriert August 2018
was ich an der ganzen situatioen (speziell in deutschland) abstrakt finde...
Rechtes gedankengut ist nachvollziehbar (nicht meine gesinnung). Man kann sich von ausländern bedroht fühlen. man kann auch nationalistisch sein...
ABER wie zur hölle ist es möglich dass deutsche sich mit Hakenkreuzen und anderen Nazisymbolen schmücken und den Hitlergruss machen.
Ich meine selbst dem hinterlezten muss doch mittlerweile klar sein wer oder was adolf hitler war. wieso wird so etwas immernoch zelebriert? das geht nicht in meinen kopf.
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Lowend
28.08.2018 15:49registriert Februar 2014
Hier geht es eindeutig nicht um Linke gegen Rechte, sondern eindeutig um Demokraten gegen Faschisten, die den demokratischen Staat zerstören wollen!

Der Kampf gegen den Faschismus muss für jeden, der sich zur Demokratie bekennt, egal ob seine Ansichten konservativ oder progressiv sind, selbstverständlich sein.

Daher gilt: Wer diese braune Brut verharmlost oder ihnen gar Verständnis entgegenbringt, spielt, bewusst oder unbewusst, den Feinden der Demokratie in die Hände!
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«God save the Queen...ah, nein!» – Wir erkennen Nationalhymnen (nicht)
«Trittst im Morgenrot daher ...» sagt uns wohl allen etwas. Erkennen wir aber unsere eigene Hymne, wenn wir nur die Instrumental-Version hören? Oder die von Georgien? Die watson-Redaktion hat sich der Herausforderung gestellt.

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Doch nicht alle in der watson-Redaktion interessiert das. Man munkelt, die wenigsten ausserhalb der Sportredaktion verfolgen die Fussball-Europameisterschaft so richtig. Ausser fürs interne Tippspiel vielleicht, da geht's ja auch persönlich um etwas. Korrigiert mich, liebe watsonians. Nichtsdestotrotz wollten wir uns selbst wieder einmal testen und prüfen, wie sattelfest unser Nationalhymnen-Wissen ist. Spoiler: nicht so gut. Aber seht selbst.

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