Deutsch-französischer Kampfjet am Ende: Das steckt hinter dem Rüstungsdesaster
Zum Schluss schafften es Friedrich Merz und Emmanuel Macron nicht einmal, das Ende des gemeinsamen FCAS-Projektes gemeinsam zu verkünden. Der deutsche Kanzler äusserte sich via «Regierungskreise», der französische Präsident gar nicht.
Macron hatte das «Future Combat Air System» (FCAS) 2017 mit Angela Merkel lanciert. Das grösste und mit 100 Milliarden Euro teuerste Militärvorhaben Europas sollte der Keim der europäischen Verteidigung sein. Es bestand aus einem Kampfjet der sechsten Generation, Drohnen, Sensoren und einer vernetzten Combat Cloud (Gefechtswolke) mit KI-Unterstützung. Der Flieger sollte es mit den amerikanischen Tarnkappen-Jägern aufnehmen können.
Doch es hat nicht sollen sein. Der Schuldige lässt sich benennen: Eric Trappier, Chef des französischen Kampf- und Privatjetherstellers Dassault (Mirage, Rafale, Falcon). Er hatte 2025 plötzlich 80 Prozent Führungsanteil verlangt. Sein Partner Airbus Defense machte natürlich nicht mit: Dassault hätte auf diese Weise die industriellen Lizenzen und das geistige Eigentum – in KI-Zeiten besonders wichtig – kontrolliert.
Ob sich Trappier durch antideutsche Ressentiments leiten liess, ist nicht sicher. Wahrscheinlicher ist für das FCAS-Scheitern allerdings der alte innerfranzösische Streit zwischen der Privatfirma Dassault und dem Airbus-Konglomerat, das unter anderem aus der staatlichen Aéropostale hervorgegangen war. Dassault war schon lange vor der Trappier-Ära für seine Solotouren bekannt; bereits in den achtziger Jahren gingen die stolzen Franzosen mit dem Rafale lieber eigene Wege, als sich mit Briten, Deutschen, Italienern und Spaniern auf den echt europäischen Kampfjet Eurofighter einzulassen.
Politisch überzeugend, technisch undurchführbar
Die Deutschen sind haben das FCAS-Projekt zuletzt aber auch hintertrieben. Der vor allem in Bayern sehr mächtige Luftfahrtindustrieverband BDLI war seit längerem auf Distanz zu Macrons Kampfjet gegangen. Das politische Symbol FCAS bot technisch zahllose Probleme. Die Franzosen brauchen einen kleineren Jäger, der auf ihrem Flugzeugträger landen kann; die Deutschen wollten dagegen eher eine hohe Nutzlast mitführen können.
BDLI-Geschäftsführerin Marie-Christine von Hahn, die Cheflobbyistin der deutschen Luftfahrt, hält das FCAS-Projekt nicht für gänzlich gestorben: Namentlich die KI-Anwendungen der Gefechtswolke und der Drohnen-Geschwader liessen sich vielleicht noch gemeinsam entwickeln und mit dem Stempel «Made in France and Germany» versehen. Die Verteidigungsminister der beiden Länder wollen im Juli darüber beraten. Den Eindruck eines gewaltigen, fast historischen Fiaskos der deutsch-französischen Kooperation wird aber auch ihr Treffen nicht beseitigen.
Zumal die Nationalversammlung in Paris bereits das Projekt einer deutsch-französischen Eurodrohne im Frühjahr leise, aber definitiv beerdigt hat. Mit gutem Grund: Der französische Generalstab will den 13-Tönner nicht, setzt er doch aufgrund der Erfahrung mit jüngsten Kriegen auf kleinere, dafür zahlreichere Drohnen.
Auch in diesem Bereich liegen die bilateralen Anforderungsprofile heute zu weit auseinander. Es ist wie verhext mit Paris und Berlin: Sobald es um die Detailplanung geht, erweisen sich die schönen Absichten einer deutsch-französischen Rüstungskooperation als unrealisierbar. Das Resultat ist zudem ein handfester Streit: Macron hatte Merz gewarnt, dass auch der gemeinsame Kampfpanzer MGCS gefährdet sein könnte, falls die Deutschen wie nun erfolgt aus dem FCAS-Plan aussteigen.
Wie weiter? Beide Seiten stehen vor einem Scherbenhaufen. Frankreich kann nun nur noch einen eigenen Dassault-Kampfjet bauen – doch die Staatskasse ist leer, zumal Macron auch einen neuen Flugzeugträger in Auftrag gegeben hat. Die Deutschen haben das Geld, aber zuwenig Erfahrung mit dem Bau eines hochmodernen Kampfjets. Eine Kooperation mit der schwedischen Saab (Gripen) kommt für Berlin nicht in Frage, wie Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärt hat. Deutschland könnte sich eventuell dem britisch-italienisch-japanischen Kampfjet-Projekt GCAP anschliessen; als Zuspätkommer hätte er aber kaum Mitsprachrechte.
Fazit: Nach dem FCAS-Desaster ist für die Europäer keine Patentlösung in Sicht. Es scheint ihnen nicht einmal vergönnt, ein gemeinsames Waffensystem zu schaffen. Die diversen in Europa gültigen Normen, Standards und Systeme (in der Rüstungsbranche «Stanags» genannt) sollen in der EU etwa 180 an der Zahl sein. Das sagt alles über die Mühsal, wenn nicht Unmöglichkeit, zu einer europäischen Verteidigung zu gelangen. Derweil plant der russische Präsident Wladimir Putin nach Geheimdienst-Erkenntnissen ab 2030 einen Angriff auf einen EU-Staat. (aargauerzeitung.ch)

