Wildes Wochenende in Europa: Wo, wie und warum es zu Demos kam
Albanien
Seit Wochen gehen Albanerinnen auf die Strasse. Ihre Wut richtet sich gegen die Regierung von Premierminister Rama. Die Demonstranten werfen ihm Korruption vor – und einen Ausverkauf von nationalen Gütern. Im Zentrum stehen geplante Luxus-Ferienanlagen, die Investoren rund um Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an der Küste und der einzigen nennenswerten Insel Albaniens aus dem Boden stampfen wollen.
Letzte Woche schlossen sich dieser Bewegung tausende Studenten an – mit anderen Motiven. Sie kritisieren die steigenden Bildungs- und Lebenskosten. Auf dem Weg zum Sitz des Bildungsministeriums in der Landeshauptstadt Tirana kommt es zu gewaltsamen Strassenschlachten. Die Demonstranten stecken Müllcontainer, Bushäuschen und ein Fahrzeug in Brand. Die Polizei setzt Tränengas, Schlagstöcke und Gummischrot ein und verhaftet über 160 Demonstranten.
Belgien
Anfang Oktober versammeln sich zwischen 30’000 und 50’000 Belgierinnen, um in der Hauptstadt Brüssel und in Lüttich gegen die steigenden Lebenskosten und das Schulsystem zu demonstrieren. Ähnlich wie Frankreich hat Belgien eine enorme Staatsverschuldung angehäuft. Die Verschuldung und das Haushaltsdefizit haben die EU-Schwellenwerte überschritten. Deshalb hat die EU 2024 ein Defizitverfahren. Über das aktuelle Budget wird heftig gestritten.
Die friedlichen Demonstrationen eskalieren bereits am 9. Oktober – und am Wochenende erneut. Aus einer Gruppe aus Studenten und linken Aktivisten fliegen Flaschen und andere Wurfgegenstände auf die Polizei, parkierte Fahrzeuge werden beschädigt. Die Ordnungshüter setzen Wasserwerfer und Tränengas ein. Innenminister Quintin erklärt am Samstag, es handle sich dabei nicht mehr um einfache Proteste. Die über die sogenannten sozialen Medien organisierten Demonstrationen seien ein gezielter und wiederholter Versuch, die Gesellschaft zu destabilisieren.
Frankreich
Am Ursprung des Flächenbrands in Frankreich stehen Gymnasialschüler. Sie demonstrieren im September friedlich gegen die Zustände in französischen Schulen. Die Lernbedingungen an öffentlichen Schulen seien miserabel, die Infrastruktur veraltet, die Klassenzimmer überfüllt, es fehle an Lehrpersonen. Bis zu einer halben Million Menschen, darunter auch Lehrer, Eltern und Gewerkschafter schliessen sich den Protesten an. Mindestens zehn Prozent aller Gymnasien sind zeitweise blockiert.
Kurz vor Oktober fliegen die ersten Petarden. Unter die demonstrierenden Schüler mischen sich immer mehr andere Gruppierungen: Gelbwesten, Linksradikale und Krawallanten. Die Anonymität in der Masse machen sich Kriminelle aller Gattungen zunutze.
Proteste in Frankreich eskalieren: Rathaus steht in Flammen
Brandstifter zünden das historische Rathaus von Limoges an, das später in sich zusammenfällt. Mitläuferinnen und Kleinkriminelle plündern in Paris, Marseille, Lyon, Bordeaux, Rennes, Lille, Strasbourg und Nizza teilweise komplette Shoppingmeilen.
Über 1500 Läden werden ausgeräumt. Die Polizei gibt an, auf dem falschen Fuss erwischt worden zu sein. Linke und rechte politische Lager beschuldigen sich gegenseitig, die Eskalation provoziert zu haben. Sie instrumentalisieren entsprechendes Videomaterial auf Social Media. Dabei kommt es zu diversen Falschmeldungen.
Griechenland
Auch in Griechenland brodelt es seit Wochen. Auf Anti-Kriegsdemonstrationen gegen Israel im Juli und August folgten Proteste gegen den Besuch von US-Aussenminister Rubio. Nach dem Tod zweier Mitarbeiter einer Erdölraffinerie demonstrieren am Wochenende die Arbeiter vor dem Motor-Oil-Hauptquartier. Die Darstellung, Athen stehe wegen Ausschreitungen aktuell still, ist indes nicht korrekt. Die in den sogenannten sozialen Medien kursierenden Videos sind Aufnahmen aus dem Februar 2025. Ebenfalls falsch sind Darstellungen, die suggerieren, aktuell würde in Griechenland im grossen Stil gegen die Migrationspolitik demonstriert.
Die Proteste gegen das Schulsystem haben in Griechenland bisher noch keine hohen Wellen geschlagen. Geplant sind Kundgebungen am 21. Oktober.
Italien
Am Samstag und Sonntag kommt es in Mailand zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen der Polizei und Demonstrantinnen und Randalierern. Ursprung ist eine bewilligte Demonstration gegen die steigenden Lebenskosten. Wie in Frankreich kommt es zu Plünderungen von Ladengeschäften. Die Polizei verhaftete über 200 Personen. Italienische Medien identifizieren Jugendliche der sogenannten Maranza als Hauptagitatoren.
Der Begriff «Maranza» wurde früher von den Städtern abwertend für die ungehobelte Unterschicht aus den Vorstädten verwendet. Die beleidigende Note ist geblieben, die Bedeutung des Begriffs hat sich in den letzten Jahren aber gewandelt. Maranza bezeichnet heute vor allem eine Subkultur, die von nordafrikanischen Einwanderern getragen wird. Auch in Bologna und Turin kam es zu kleineren Demonstrationen.
Portugal
Gar Zehntausende Menschen ziehen am Wochenende durch die Strassen von Lissabon, um gegen die steigenden Mieten und Immobilienpreise zu demonstrieren. Die Mietkosten in Portugal haben sich in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt verdreifacht. Ähnlich explodiert sind die Immobilienpreise. In den grossen Städten errichten die Demonstranten auf zentralen Plätzen Zeltlager. In Porto wird ein solches von der Polizei gewaltsam geräumt. Die Demonstranten fordern radikale Änderungen in der Politik und die Aufhebung des Mietreformgesetzes.
Zu nennenswerten Ausschreitungen und Plünderungen wie in Italien und Frankreich kam es in Portugal nicht.
Spanien
Auch in Spanien stehen Mietwucher und die Immobilienpreise im Zentrum der Demonstrationen, die seit Wochen andauern. Es handelt sich dabei um die grössten Demonstrationen der letzten Jahre.
Alleine in Madrid gehen laut Veranstalter über eine halbe Million Menschen auf die Strasse. Die Regierung spricht hingegen von bloss 70’000 Teilnehmerinnen. Die Zahl darf aufgrund der Bilder angezweifelt werden.
In Valencia dringen 30 Personen kurzfristig in ein Kulturzentrum ein, werden aber wieder vertrieben. Zu Plünderungen kommt es hingegen nicht. Zu den Demonstrationen war es gekommen, nachdem zwei entschärfende Dekrete von Ministerpräsident Pedro Sanchez von konservativen und rechtspopulistischen Kräften versenkt wurden. Die Dekrete sahen unter anderem vor, Zwangsräumungen zu verhindern. Der Fall der mittlerweile verstorbenen Rentnerin Maricarmen Abascal hatte weltweit für Aufsehen gesorgt.
