So will die Nato Europas Tiefseekabel vor Putins hybridem Krieg schützen
Der französische Vizeadmiral Didier Maleterre vom Nato-Hauptquartier für Seestreitkräfte Allied Maritime Command fasste die Bedrohungslage in der Zeitung «Guardian» so zusammen:
Die Gefahr ist real. Erst zur Jahreswende hatte die finnische Marine ein Schiff an die Kette gelegt. Es war vom Hafen im russischen Sankt Petersburg aufgebrochen und stand im Verdacht, ein Telekommunikationskabel in der Ostsee gekappt zu haben.
Nun mahnen Experten eine stärkere strategische Initiative der Nato zum Schutz der Unterwasserinfrastruktur an. «Entscheidend ist, dass die Nato auf Bedrohungen auf kosteneffizientere Weise reagiert, die die Ressourcen der betroffenen Staaten nicht übermässig beansprucht», mahnte das Portal «War on the Rocks» Anfang Juni.
Die Allianz hatte bereits 2022 auf dem Nato-Gipfel in Madrid Massnahmen zum Schutz der Unterwasserinfrastruktur beschlossen. Im Jahr darauf hatte das Bündnis unter dem deutschen Generalleutnant a. D. Hans-Werner Wiermann eine eigene Arbeitsgruppe eingesetzt.
Das Bündnis hat dabei mit zwei Besonderheiten zu kämpfen: So laufen 97 Prozent des internationalen Informationsflusses über Unterseekabel, darunter auch sensible Regionen von der Ostsee bis zur Strasse von Hormus. Die meisten dieser Seekabel werden aber von privaten Betreibern unterhalten.
Doch macht auch die Nato am Meeresboden mobil.
Was wird konkret getan?
- Arctic Sentry: Seit diesem Jahr läuft die Mission Arctic Sentry – Wächter der Arktis. Sie dient nicht allein dazu, wichtige Schiffsrouten im Nordatlantik freizuhalten. Auch der Schutz der Unterwasserinfrastruktur gehört dazu.
- Spezialoperationen: Ende vergangenen Jahres startete die britische Marine das Programm «Atlantic Bastion». Die neue Initiative soll Schiffe, U-Boote, Flugzeuge und unbemannte Fahrzeuge durch KI-gestützte akustische Erkennungstechnologie aufspüren, auch um Unterseekabel zu schützen. Der britische Top-Militär Sir Gwyn Jenkins sagte zum Start: «Wir sind eine Marine, die erstarkt, wenn sie sich anpassen und weiterentwickeln darf. Wir sind niemals stehen geblieben – denn das tun auch die Bedrohungen nicht.»
- Kooperation: Zur Initiative gehört auch die Zusammenarbeit der Allianz mit anderen Organisationen. So startet die EU den «Cable Security Action Plan». Bis 2027 sollen Investitionen von fast einer Milliarde Euro in die Sicherung von Kabeln, in Schutzzonen und die Drohnenüberwachung fliessen. So unterstützt die EU etwa das Projekt Ormobass, das Schiffen in der Ostsee eine sichere Navigation bei der Störung von GPS-Signalen bietet.
Längst steht der Schutz der Unterwasserinfrastruktur auch ausserhalb Europas auf der Agenda. GUIDE (Guiding Principles for Underwater Infrastructure Defence Exchanges, auf Deutsch: Leitprinzipien für den Austausch zum Schutz der Unterwasserinfrastruktur) heisst ein Abkommen, das jetzt am Rande der sogenannten Shangri-La-Konferenz besiegelt wurde.
Schneller reagieren
Das Abkommen ist rechtlich nicht bindend. Es setzt aber politische Signale. Die beteiligten Staaten verpflichten sich, die Souveränität der Küstenstaaten im Einklang mit dem internationalen Seerecht zu respektieren. Im Zentrum steht das Ziel, durch den Austausch von Technologie und Informationen schneller auf Angriffe und Krisen reagieren zu können.
Australiens Verteidigungsminister Richard Marles sagte in Singapur: «Der Meeresboden ist ein Schlachtfeld.» Der Mann weiss, wovon er spricht. 99 Prozent des Internetverkehrs in Australien laufen über gerade mal 15 Unterseekabel.
Ein Anker reicht aus, um grosse Schäden anzurichten. In den vergangenen 18 Monaten habe die Welt Angriffe in diesem Bereich «in einem Ausmass und einer Häufigkeit» erlebt, «die in der Geschichte beispiellos sind», so Marles. Er zielte dabei auf Russlands Vorgehen in der Ostsee. Aber auch auf China.
Frankreichs Verteidigungsministerin Catherine Vautrin sagte in Singapur: «Was wir heute beobachten, ist, dass wir uns im militärischen Bereich von ganz unten, unter dem Meer, bis hinauf in den Weltraum bewegen.» Das Land zählt ebenso zu den Unterzeichnern wie 16 weitere Staaten. Ein Land indes fehlt bei den Vertragspartnern: Deutschland.
Quellen
- warontherocks.com: Deterring Russia Beneath the Waves: Securing NATO’s Critical Undersea Infrastructure (Englisch)
- theguardian.com: Undersea ‘hybrid warfare’ threatens security of 1bn, Nato commander warns (Englisch)
- bundeswehr.de: Arctic Sentry
- royalnavy.mod.uk: New Royal Navy undersea warfare technology unveiled to counter threat from Russia (Englisch)
- nato.int: NATO stands up undersea infrastructure coordination cell (Englisch)
- faz.net: "Der Meeresboden ist ein Schlachtfeld" (kostenpflichtig)
(dsc/t-online)

