bedeckt, wenig Regen
DE | FR
8
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
International
Japan

Japan: Staatstrauerakt für ermordeten Abe – den meisten missfällt das

Staatstrauerakt für Japans ermordeten Ex-Premier Abe – den meisten missfällt das

27.09.2022, 08:3427.09.2022, 12:39
epa10208769 A portrait of Japanese Prime Minister Shinzo Abe hangs on stage at the state funeral of former Japanese Prime Minister Shinzo Abe at Nippon Budokan in Tokyo, Japan, 27 September 2022. Thou ...
Sehr umstritten: Shinzo Abe.Bild: keystone

Mit einem heftig umstrittenen Staatstrauerakt voller militärischem Pomp hat Japan den kürzlich ermordeten Ex-Regierungschef Shinzo Abe geehrt. Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen und begleitet von wütenden Protesten nahmen am Dienstag in Tokio rund 4300 Trauergäste aus dem In- und Ausland an dem Staatsakt in der Kampfsporthalle Nippon Budokan teil, darunter US-Vizepräsidentin Kamala Karris. Unter dem Donner von Kanonenschüssen trug Abes Witwe Akie in einen schwarzen, formellen Kimono gekleidet die Urne mit der Asche in die Halle. Die Trauergäste hatten vor einem riesigen Porträt des Ermordeten mit schwarzem Trauerflor Platz genommen.

Abe war Japans am längsten amtierender Regierungschef der Nachkriegszeit und gilt weltweit als verdienter Staatsmann. Im eigenen Land ist Abe aber mit seiner nationalistischen Agenda und seiner Verwicklung in Skandale um Vetternwirtschaft umstritten. Abe war am 8. Juli während einer Wahlkampfrede in Nara erschossen worden.

Der Attentäter hatte angegeben, den Rechtskonservativen aus Hass auf die umstrittene Mun-Sekte ermordet zu haben. Die für ihre ultrakonservative und antikommunistische Gesinnung bekannte Organisation des verstorbenen koreanischen Sektengründers San Myung Mun, zu der Abe in Verbindung gestanden hatte, habe seine Mutter in den finanziellen Ruin getrieben und die Familie zerstört. Vier Tage nach seiner Ermordung war Abe im Anschluss an eine private Trauerzeremonie in einem Tempel der Hauptstadt eingeäschert worden.

Schon Stunden vor dem Staatstrauerakt hatten sich Hunderte Menschen in einem angrenzenden Park eingefunden, um an zwei Ständen Blumen niederzulegen und für Abe zu beten. Zugleich gab es jedoch auch Proteste Tausender Gegner der mit Millionen Steuergeldern finanzierten Veranstaltung. Rund 20 000 Polizisten waren mobilisiert.

Einige Oppositionsparteien boykottierten den Staatstrauerakt und betonten, es gebe dafür keine Rechtsgrundlage. Gegner erinnerte er an Japans imperialistische Vorkriegszeit, als Staatstrauern dazu dienten, Nationalismus zu schüren. Seit Kriegsende hatte es eine Staatstrauer für einen Premier nur ein einziges Mal gegeben: 1967 für Shigeru Yoshida. Auch damals war die Zeremonie kritisiert worden.

Soldaten in weissen Uniformen nahmen in der nahe des Kriegsschreins Yasukuni gelegenen Budokan-Halle die Urne entgegen und stellten sie auf ein Podest, das mit weissen und gelben Chrysanthemen dekoriert war. Während eine Militärkapelle die Nationalhymne Kimigayo spielte, standen die Gäste. Es folgte ein Moment des stillen Gedenkens. Danach wurde ein Video abgespielt, in dem Abes Amtszeit gerühmt wurde. In seiner Rede lobte der heutige Regierungschef Fumio Kishida seinen Mentor Abe als Politiker mit einer klaren Vision für die Entwicklung Japans und der Welt, der das Konzept eines «freien und offenen Indopazifik» als Gegengewicht zu China verfolgt habe. «Du warst jemand, der viel länger hätte leben sollen», sagte Kishida.

Kishida hatte ohne vorherige Beratungen im Parlament entschieden, dass Abe einen Staatstrauerakt verdient. Doch die Mehrheit im Volk war zuletzt anderer Meinung. Abes Gegner erinnerten an Abes Versuche, Japans Kriegsgräuel zu beschönigen und die pazifistische Nachkriegsverfassung zu ändern. Abe «war kein Glücksfall für die japanische Demokratie», sagte die Japanologin Gabriele Vogt. Hinzu kommen nun die nach Abes Tod aufgedeckten Verwicklungen in die Mun-Sekte. In Umfragen sprach sich zuletzt eine Mehrheit gegen den Staatstrauerakt aus, der die Steuerzahler Millionen kostet.

Laut Beobachtern wollte sich Kishida mit dem Staatsakt letztlich auch das Wohlwollen des mächtigen Abe-Lagers in seiner regierenden Liberaldemokratischen Partei LDP sichern. Die Regierung betonte zwar, die Zeremonie solle niemanden im Volk zur Trauer zwingen. Doch die undemokratische Entscheidung, ihm die seltene Ehre zu erteilen, die hohen Kosten und die Verbindungen Abes und seiner regierenden Partei zur Mun-Sekte liessen Kishidas Umfragewerte zuletzt drastisch sinken. Es gibt bereits Spekulationen, Kishida sei als Premier angeschlagen. (aeg/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

8 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Kanzo
27.09.2022 11:39registriert Mai 2022
Der Kerl hat nach dem Atom Unglück dafür gesorg, das die Pressefreiheit von Rang 20 zu 60 gefallen ist. Ich hoffe er landet in der Hölle. Japan ist vergiftet in mehreren Ebenen aber Fan Gurls hypen das Land als währe es Walhalla und ignorieren alle Probleme.
2315
Melden
Zum Kommentar
8
Geheime Ministerposten während Corona: Misstrauensvotum gegen Australiens Ex-Premier

In Australien tobt ein Politskandal um den früheren Premierminister Scott Morrison. Grund: Während der Corona-Pandemie hatte der konservative Politiker neben seinem Amt als Regierungschef heimlich noch fünf weitere Ministerposten übernommen – ohne die Öffentlichkeit oder sein Kabinett darüber zu informieren. Seit dies im August bekannt wurde, gab es immer wieder Forderungen nach einer öffentlichen Entschuldigung Morrisons und nach seinem Rückzug aus dem Parlament. Am Mittwoch sprach ihm das Parlament nun das Misstrauen aus – mit 86 zu 50 Stimmen.

Zur Story