Warmes Mittelmeer erhöht Unwettergefahr in Südeuropa
Nach einem aussergewöhnlich heissen Sommer bleibt die Wetterlage im Mittelmeerraum angespannt. In mehreren Regionen Südeuropas werden in den kommenden Tagen teils kräftige Gewitter und grosse Regenmengen erwartet.
Das European Storm Forecast Experiment (ESTOFEX) sieht für Dienstag und Mittwoch in weiten Teilen des westlichen und zentralen Mittelmeerraums die Gefahr von starkem bis lokal extremem Regen. Betroffen sind unter anderem Gebiete rund um Spanien, die Balearen sowie Teile des zentralen Mittelmeers. Vereinzelt seien auch schwere Sturmböen oder Tornados möglich.
Auch weiter östlich dürfte die Wetterlage im Verlauf der Woche unbeständiger werden. Für Teile Norditaliens werden ab Mittwoch Gewitter erwartet, am Donnerstag sind regional auch kräftige Niederschläge möglich.
Warmes Meer liefert zusätzliche Feuchtigkeit
Ein Faktor verschärft die Lage: Das Mittelmeer ist nach dem Sommer noch ungewöhnlich warm. Nach Angaben des EU-Klimadienstes Copernicus wurden im Sommer im westlichen und zentralen Mittelmeer teilweise rekordhohe oder beinahe rekordhohe Oberflächentemperaturen gemessen.
Das kann Unwetter begünstigen. Über warmem Wasser verdunstet viel Feuchtigkeit. Trifft die feuchtwarme Mittelmeerluft anschliessend auf kühlere Luft in höheren Schichten, können sich intensive Gewitter bilden.
Météo-France weist darauf hin, dass solche sogenannten Mittelmeer-Episoden besonders häufig im Herbst auftreten. Dann ist das Meer noch warm, während zunehmend kühlere Luftmassen nach Südeuropa gelangen. Innerhalb weniger Stunden kann dabei teilweise die Regenmenge mehrerer Monate fallen.
Wie gefährlich solche Lagen werden können, zeigte sich erst Ende September in Südfrankreich. Im Gard und im Hérault galt zeitweise die höchste Warnstufe Rot. Heftige Gewitter sorgten für Überschwemmungen und Sturzfluten.
Auch Wirbelstürme über dem Mittelmeer möglich
Das warme Wasser bietet grundsätzlich auch günstige Bedingungen für sogenannte Medicanes. Der Begriff setzt sich aus «Mediterranean» und «Hurricane» zusammen. Dabei handelt es sich um kompakte Tiefdruckgebiete, die Eigenschaften tropischer Wirbelstürme entwickeln können.
Sie können enorme Regenmengen, starken Wind und hohe Wellen bringen. Ein warmes Mittelmeer allein reicht für ihre Entstehung allerdings nicht aus. Entscheidend ist das Zusammenspiel mit der Luftströmung und kalter Luft in höheren Schichten. Eine konkrete Medicane-Prognose lässt sich aus den derzeit hohen Wassertemperaturen deshalb noch nicht ableiten.
Besonders gefährlich bleiben in den kommenden Tagen vor allem lokale Starkregenereignisse. Ausgetrocknete Bachläufe und kleinere Flüsse können dabei innerhalb kurzer Zeit stark anschwellen. Auch Strassen und Unterführungen können rasch überflutet werden. (mke)
