«Was der Klimawandel in Jahren macht, schafft der Pitztal-Bagger in einer Nacht»
Die europäischen Gletscher stehen wegen des Klimawandels unter Druck. Im Hitzesommer 2026 erreichte die Gletscherschmelze in den Alpen einen neuen Höhepunkt. «Es ist extrem schlimm, wie die Gletscher in diesem Jahr geschrumpft sind», sagte etwa ETH-Glaziologe und Leiter des Schweizerischen Gletschermessnetzes (GLAMOS) im Interview mit watson. Diese Zahlen zu Schweizer Gletschern verdeutlichen die aktuelle Situation:
Ähnlich sieht es im Nachbarland Österreich aus. Hier spricht die Glaziologin Andrea Fischer gegenüber ORF von einer «Entgletscherung». In diesem Kontext lösen Bilder von einem Bagger, der den Pitztaler Gletscher bearbeitet, für viel Kritik auf Social Media.
Der offizielle Instagram-Kanal der Bergbahnen beim Gletscher wird regelrecht von Kritik überflutet. Unter diversen Videos, die das Skigebiet bewerben, hagelt es Kommentare wie diesen: «Was der Klimawandel in Jahren macht, schafft der Pitztal-Bagger in einer Nacht.»
Das Skigebiet beute den Gletscher für den eigenen Profit aus und zerstöre die Natur, so der Grundtenor. Doch auch ausserhalb von Social Media regt sich Widerstand. Der Alpenverein prüft eine Klage und bei der Landesumweltanwaltschaft gingen diverse Beschwerden ein, wie ORF berichtet.
Das sagen die Bergbahnen
Wie die Pitztaler Gletscherbahnen gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender sagen, handelt es sich bei den Arbeiten um «Instandhaltungsmassnahmen». Der Bagger mache einen Notweg frei. Diese Massnahme sei aufgrund des fortgeschrittenen Gletscherrückgangs «unabdingbar notwendig» geworden.
Gemeint ist damit, dass die Notverbindung zwischen dem Bereich unterhalb des Gletschers und der anderen Bergseite wiederhergestellt werden muss. Hierdurch würde beispielsweise eine Evakuierung der Gäste bei einem Ausfall des Gletscherexpresses führen und auch Rettungseinsätze im Skigebiet werden über diese Verbindung vereinfacht.
Vor dem Gletscherrückgang führte diese Verbindung teilweise über das Eis, das an dieser Stelle bisher dick und stabil genug war, um Fahrzeuge zu tragen. Durch den Rückgang sind jedoch zwischen Gletscher und Gelände steile Absätze entstanden oder unpassierbare Geröllflächen freigeworden, die eine Durchfahrt verunmöglichen.
Keine Sondergenehmigung nötig
Wie die ORF-Recherchen zeigen, sind für derartige Arbeiten keine gesonderten naturschutzrechtlichen Bewilligungen nötig. Die Gletscherskigebiete in Österreich sind verpflichtet, den Behörden eine Dreijahresvorschau der geplanten Instandhaltungs- und Instandsetzungsmassnahmen vorzulegen, was die Bergbahnen am Pitztaler Gletscher getan haben.
Das zuständige Amt beteuert aber, dass wegen des anhaltenden Gletscherschwunds «ausschliesslich notwendige Anpassungs- und Ergänzungsmassnahmen im Übergangsbereich vom Gletscher zu Stein- und Geröllflächen» genehmigt und durchgeführt werden. Dennoch werde die Behörde die Arbeiten beim Pitztaler Gletscher überprüfen.
Auch Bagger auf Schweizer Gletschern
Im November 2023 geriet der Schweizer Skiverband ebenfalls wegen eines Baggers auf einem Gletscher in die Schlagzeilen. Damals tauchten Bilder eines Baggers auf dem Theodulgletscher in Zermatt VS auf. Grund dafür war die Präparation der Weltcup-Abfahrtspiste.
Der Präsident des Schweizer Skiverbands, Urs Lehmann, wehrte sich damals: «Ohne Bagger zum Umbauen von Gletscherspalten für die Sicherheit wäre man in den vergangenen Jahrzehnten jedoch auf keinem Gletscher Ski gefahren.» (leo)
