Vom «ewigen Eis» zu Fels und Geröll – diese Schweizer Gletscher sind bereits verschwunden
Wo einst Eis lag, liegt heute nackter Fels oder einfach nur noch ein Geröllfeld. Laut Glaziologe Matthias Huss sind seit 1970 rund 1000 Schweizer Gletscher verschwunden – allein zwischen 2016 und 2023 waren es 160.
Den exakten Todeszeitpunkt eines Gletschers zu bestimmen, ist aber gar nicht so einfach. Als verschwunden gilt ein Gletscher gemäss internationaler Definition erst, wenn er auf unter 10'000 Quadratmeter Fläche oder auf weniger als ein Prozent seines ursprünglichen Volumens schrumpft.
Huss beschreibt das Problem so: Ein Gletscher wird immer kleiner und mit Schutt und Steinen bedeckt – irgendwann ist kaum mehr erkennbar, was noch aktiver Gletscher ist und was bloss Toteis, also losgelöstes Eis, das sich nicht mehr bewegt. Unter dem Geröll kann sich nämlich durchaus noch Resteis verstecken. Deshalb bleibt selbst bei gut dokumentierten Fällen oft eine Restunsicherheit.
Die meisten der in der Schweiz bereits verschwundenen Gletscher sind klein, unbenannt und nie einer breiten Öffentlichkeit aufgefallen. Ein paar aber hatten einen Namen, eine Geschichte, eine Postkarten-Vergangenheit. Wir zeigen 10 davon – von den ganz frischen Verlusten dieses Hitzesommers bis zu den stillen, fast vergessenen Fällen aus dem Engadin.
Bella-Tola (VS)
2026
Oberhalb von Saint-Luc im Val d'Anniviers thront der 3025 Meter hohe Walliser Gipfel Bella Tola, an ihrer Nordflanke liegt der kleine Bella-Tola-Gletscher. Oder besser gesagt «lag»: Denn im Hitzsommer 2026 ist er fast komplett abgeschmolzen. Noch 2023 zählte er im offiziellen Inventar sieben Fussballfelder Fläche, nun liessen mehrere Hitzewellen in Folge das letzte Eis verschwinden. Übrig bleiben nur noch ein paar vereinzelte Firnflecken.
Uristock-Gletscher (UR)
2026
In den Urner Alpen erging es einem weiteren kleinen Gletscher nicht besser: Der Urirotstock-Gletscher, auch bekannt als Chlitalerfirn, ist im Rekordhitzesommer 2026 beinahe vollständig verschwunden. Übrig geblieben sind am 2928 Meter hohen Gipfen lediglich einige Schnee- und Firnflecken. Wo früher beim Aufstieg zum 2928 Meter hohen Gipfel ausgedehnte Eisfelder zu überqueren waren, dominieren heute Geröll, nackter Fels und instabile Moränen.
Pizolgletscher (SG)
2024
Der wohl bekannteste Fall der Schweiz: 2019 organisierten Umweltaktivisten für den Pizolgletscher eine öffentliche Trauerfeier, weil er als «kein Gletscher mehr» eingestuft wurde. Die letzten messbaren Eisreste hielten sich noch bis 2024 – dann war endgültig Schluss mit dem letzten St.Galler Gletscher.
St. Annafirn (UR)
2023
Über Jahrzehnte gehörte der St. Annafirn zu den regelmässig vermessenen Gletschern der Zentralschweiz. 2023 musste das Messprogramm an der Nordflanke des 2973 Meter hohen Chastelhorns eingestellt werden – der Rest war schlicht zu klein und zu instabil geworden, um noch sinnvoll erfasst zu werden.
Schwarzbachfirn (UR)
2022
Auch der Schwarzbachfirn schaffte es nicht über die 2020er-Jahre: 2022 wurde die jahrzehntelange Messreihe beendet, weil vom einstigen Firnfeld an den Südhängen des Gemsstocks bei Andermatt nichts Nennenswertes mehr übrig war. Im Jahr 1850 umfasste seine Fläche noch 0,42 km², 1973 waren es 0,18 km². Also rund 25 Fussballfelder.
Vadret dal Corvatsch (GR)
2022
Direkt unter der berühmten Bergstation im Skigebiet Corvatsch auf 3303 Meter über Meer lag einst ein eigenständiger Gletscher. 2022 zogen die Glaziologen die Reissleine: zu wenig Eis, um weiter gemessen zu werden. Ein weiterer Engadiner Gletscher war so gut wie verschwunden.
Vadret da Rims (GR)
2002 bis 2004
Der Vadret da Rims war einst Teil des grösseren Lischanagletschers im Unterengadin. In nur zwei Jahren, zwischen 2002 und 2004, löste er sich praktisch vollständig auf – einer der schnellsten dokumentierten Gletschertode der Schweiz.
Vadret da Triazza (GR)
Unbekannt
Genau wie der Vadret da Rims war der Vadret da Triazza einst ein Teilstück des Lischanagletschers. Bildvergleiche zeigen sein allmähliches Verschwinden über die letzten Jahrzehnte – ein genaues Todesjahr lässt sich schwerer festmachen als bei seinem Nachbarn.
Vadret da Nuna (GR)
Unbekannt
Der Vadret da Nuna war der letzte Gletscher im Schweizerischen Nationalpark, der überhaupt einen eigenen Namen trug. Heute ist auch er komplett abgeschmolzen – der Nationalpark hat damit sein letztes Eis verloren. 1973 gab es dort noch rund ein Dutzend kleinere Firne.
Diavolezza-Gletscher (GR)
2010
Wo Touristinnen und Touristen heute mit der Bahn zur Aussichtsplattform hochfahren, lag einst ein eigenständiger Gletscher. Er verschwand schätzungsweise vor rund 15 Jahren – seine ehemalige Fläche wird seither künstlich mit Schnee präpariert, um die Skipiste zu erhalten.
