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Vatikan zum Skandal um Ex-Kardinal McCarrick: Es fehlten die Beweise



FILE - In this Feb. 23, 2001 file photo, U.S. Cardinal Theodore Edgar McCarrick, archbishop of Washington, D.C., shakes hands with Pope John Paul II during the General Audience with the newly appointed cardinals in the Paul VI hall at the Vatican. McCarrick was one of the three Americans on a record list of 44 new cardinals who were elevated in a ceremony at the Vatican on Feb. 21, 2001. (AP Photo/Massimo Sambucetti, File)

Papst Johannes Paul II und Theodore Edgar McCarrick im Jahr 2001. Bild: keystone

Fehlurteile, falsche Informationen und ein Mangel an sicheren Beweisen haben den Vatikan nach eigener Einschätzung gehindert, im Missbrauchsskandal um den ehemaligen US-Kardinal Theodore McCarrick früh zu reagieren. Der heute 90-Jährige war 2019 aus dem Priesteramt entlassen worden. Zuvor waren gegen ihn Vorwürfe über sexuelle Handlungen mit einem Minderjährigen publik geworden. Papst Franziskus habe schnell und und mit Härte reagiert, als er von den 2017 vorgetragenen Vorwürfen erfahren habe, hiess es.

Über Jahrzehnte war McCarricks Kirchenkarriere von Gerüchten über Sex mit jungen Priestern begleitet, wie der am Dienstag in Rom vorlegte Report zeigt. Der frühere Papst Johannes Paul II. habe viele Anschuldigungen gekannt, sei aber zu einem anderen Urteil gekommen.

«Aus der Lektüre des Berichts wird hervorgehen, dass alle Verfahren, einschliesslich der Ernennung von Bischöfen, vom Einsatz und der Ehrlichkeit der betreffenden Personen abhängen», erläuterte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Kein Verfahren sei frei von Fehlern. Die Kirche habe rund zwei Jahre an der Studie gearbeitet. Sie hat fast 450 Seiten. Darin geht es nicht erneut um die Frage der Schuld des lange einflussreichen US-Kirchenmanns McCarrick, sondern um die Reaktionen der Institution.

Parolin betonte, der Vatikan habe in den vergangenen zwei Jahren den Schutz von Minderjährigen vor Übergriffen bereits verstärkt. Der Umgang mit Anzeigen sei neu geregelt.

epa08809282 A handout picture provided by the Vatican Media shows Pope Francis delivering the Angelus Prayer to the faithful on Saint Peter's Square, in Vatican City, 08 November 2020 (issued 09 November 2020).  EPA/VATICAN MEDIA HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Auch Papst Franziskus steht in der Kritik. Bild: keystone

Im Zuge des Skandals war auch Papst Franziskus (83) in die Kritik geraten. Es gab innerkirchliche Vorwürfe, der Pontifex aus Argentinien habe Anschuldigungen gegen McCarrick zu lange ignoriert. Der Bericht stellt dagegen fest, dass Franziskus den Amerikaner, der 2006 seine Leitungsfunktion als Erzbischof in Washington abgegeben hatte, im Sommer 2018 der Kardinalswürde enthob. Rund ein halbes Jahr später entliess er ihn aus dem Priesterstand - was als sehr ungewöhnlich eingestuft wurde.

In dem Bericht ist die Rede davon, dass der 2005 gestorbene polnische Papst Johannes Paul II. über zahlreiche Vorwürfe gegen McCarrick informiert war. Vor der Ernennung zum Erzbischof in Washington - das war im Jahr 2000 - habe er eine Zusammenstellung erhalten. Darin sei es etwa um Nächte im Bett mit Männern gegangen, heisst es. Johannes Paul habe gezögert mit der Beförderung.

Er habe dann neue Informationen aus den USA erhalten. Einige US-Bischöfe hätten dabei «inkorrekte und unvollständige» Informationen an den Heiligen Stuhl gegeben, resümiert der Report.

Ausserdem habe der Beschuldigte in einem Brief vom August 2000 an den Papst-Sekretär, den Polen Stanislaw Dziwisz, die geteilten Betten eingeräumt, aber jeden Sex bestritten, wie der Bericht zusammenfasst. Johannes Paul habe die Vorwürfe gegen McCarrick der Untersuchung nach nicht mehr für begründet gehalten.

Mehrfach stellt der Vatikan in dem Report heraus, dass Gerüchte und Vorwürfe lange nicht belegt worden seien. Und dass McCarrick als harter Arbeiter und erfolgreicher Spendensammler galt. Auch die Zeit des deutschen Papstes Benedikt XVI. ist aufgearbeitet. In dieser Phase gab McCarrick in hohem Alter sein Führungsamt 2006 auf. Er sei aus Rom dann aufgefordert worden, mit «weniger Profil» zu agieren und weniger zu reisen, so der Report.

Erst unter Franziskus wurde die formelle Untersuchung gestartet. Zuvor hatte ein Opfer in den USA Vorwürfe erhoben, die sich auf die 70er Jahre bezogen. Die Prüfung der Glaubenskongregation des Vatikans befand McCarrick dann des sexuellen Fehlverhaltens im Umgang mit Minderjährigen und Erwachsenen für schuldig, wie es 2019 hiess. Dieser hatte nach US-Berichten aber weiter mehrfach ein Fehlverhalten bestritten.

Am Dienstag teilte der Anwalt McCarricks mit, sein Mandant wolle sich vorerst nicht äussern. «Wir haben keinen Kommentar», erklärte Barry Coburn in New York. Der Bericht sei ein «wichtiges, schwieriges und notwendiges Dokument», kommentierte der Washingtoner Erzbischof Wilton Gregory per Mitteilung.

Kurz vor der Publikation des Reports war in Polen am Montag ein Dokumentarfilm ausgestrahlt worden, der den Sekretär von Johannes Paul II., Kardinal Dziwisz, schwer belastete. Der 81-Jährige wurde darin beschuldigt, Missbrauchsvorwürfe gegen andere katholische Geistliche vertuscht zu haben. In einer Reaktion für die polnische Nachrichtenagentur PAP erklärte Dziwisz, eine unabhängige Kommission solle die Handlungen der Kirche bewerten, um die es in dem Film gehe. «Ich bin zur vollen Zusammenarbeit mit einer solchen Kommission bereit.» Zu den Vorwürfen gegen ihn persönlich äusserte er sich nicht. In der Dokumentation «Don Stanislao», die der Sender TVN24 zeigte, geht es auch etwa 15 Minuten lang um den Fall von McCarrick.

In Paris begann am Dienstag ein Prozess wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe gegen den Ex-Botschafter des Vatikans in Frankreich, Luigi Ventura. Er bestreitet die Vorwürfe, hatte aber erklärt, mit der Justiz kooperieren zu wollen. (sda/dpa)

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