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Ukraine-Krieg: Wie Minenfelder die Offensive gegen Russland bremsen

Wie enorme Minenfelder die ukrainische Gegenoffensive ausgebremst haben

Die ukrainische Gegenoffensive kommt nur schleppend voran. Vor welchen Schwierigkeiten die Armee Kiews wirklich steht, beschreibt nun ein deutscher General.
26.07.2023, 22:0727.07.2023, 10:20
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Ein Artikel von
t-online

Seit Anfang Juni läuft die Gegenoffensive der Ukraine. Und sie läuft nicht wie erwartet. Bislang haben die ukrainischen Streitkräfte nur ein paar hundert Quadratkilometer Land von den russischen Truppen zurückerobern können. Der Blutzoll, den sie dafür bezahlt haben, war hoch.

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Ukrainische Soldaten feuern mit einem BM-21-Grad-Mehrfachraketenwerfer auf russische Stellungen.Bild: keystone

Zwar hat der Generalstab in Kiew noch längst nicht alle Brigaden in die Schlacht geworfen, die das Land zuletzt auch mit westlicher Hilfe aufstellen konnte. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Widerstand des russischen Aggressors entlang der rund 1500 Kilometer langen Frontlinie stärker ist, als erwartet.

Das bestätigt nun auch der deutsche Brigadegeneral Christian Freuding. Er sieht die ukrainische Armee vor weiteren schweren Kämpfen. «Man muss ja nur mal auf die Karte blicken und da haben wir ein Kräfteverhältnis von ungefähr eins zu eins. Und eine neun Monate lang vorbereitete Verteidigung mit starken Geländeverstärkungen und seit einem halben Jahr vorbereiteten Minensperren. Das ist Realität», sagte der Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Russland hatte neun Monate Zeit zur Vorbereitung

«Wir können nicht länger mit Panzern operieren, weil die Minenfelder einfach zu tief sind», gab auch der ukrainische General Waleri Saluschnij im Gespräch der «Washington Post» zu. «Früher oder später kommt [der Panzer] zum Halten und dann wird er durch konzentriertes [feindliches] Feuer zerstört.» Deshalb hat die Ukraine ihre Einsatzstrategie schon nach wenigen Wochen der Gegenoffensive umgestellt. Weg von grösseren Attacken mit mechanisierten Einheiten, also unter Beteiligung von Kampf- und Schützenpanzern, hin zu gezielten Vorstössen mit kleineren Infanterietruppen.

Der Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 Niedersachsen , Brigadegeneral Christian Freuding (rechts) nach der Übernahme von fünf neuen Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 A7v. Dienstantrittsbesuch der Bundesm ...
Brigadegeneral Christian Freuding (rechts).Bild: IMAGO / Björn Trotzki

Als Faustformel unter Militärs gilt für die angreifende Seite eine örtliche Überlegenheit von mindestens 3:1 Streitkräften. Doch über diese verfügt die Ukraine derzeit nicht. «Und das begründet auch das sehr vorsichtige, um es unmilitärisch auszudrücken, tastende Vorgehen der Ukrainer, diese Stelle zu finden. Und das ist schwierig genug», sagte Freuding, der auch die militärische Hilfe Deutschlands für die Ukraine koordiniert.

In den von russischen Truppen völkerrechtswidrig besetzten Gebieten, den weiten Ebenen der ukrainischen Schwarzmeersenke im Süden des Landes und dem welligen Profil des Donezbeckens im Osten, begegnen den Truppen Kiews enorme militärische Herausforderungen. Denn Russland hatte rund neun Monate Zeit, die Gebiete mit mehrreihigen Verteidigungsanlagen zu versehen. So sind der Hauptverteidigungslinie meist mehrere Verteidigungslinien vorgelagert. Diese bestehen aus Stützpunkten, Schützen- und Panzergräben, Panzersperren, Artilleriestellungen – und aus Minenfeldern. Ganze Regionen sind von Putins Truppen flächendeckend vermint worden.

«Das Dramatischste, was man sich überhaupt vorstellen kann»

Wie gross die Gefahr ist, die im ukrainischen Boden lauert, zeigen Zahlen des US-Aussenministeriums. Das hatte bereits Ende Dezember die potenziell verminte Fläche in der Ukraine auf 160'000 Quadratkilometer geschätzt, ein Gebiet fast viermal so gross wie die Schweiz. Im Laufe des ersten Halbjahres 2023 dürften noch viele Quadratkilometer dazugekommen sein. Dutzende verschiedene Minentypen aus russischen Beständen machen das Vorrücken für die ukrainischen Angreifer enorm gefährlich.

KHERSON, UKRAINE - NOVEMBER 16: Members of a demining team work to clear mines and unexploded ordinance from the side of the main road leading to Kherson City on November 16, 2022 in Kherson, Ukraine. ...
Ukrainische Minenräumspezialisten in der Nähe der Stadt Cherson (Archivbild).Bild: Getty Images Europe

«Unser Grundsatz ist ja: Auftreffen auf Minensperre, ausweichen, umgehen. Bei dem Ausmass der Minensperren, die in neun Monaten da angelegt wurden, ist dieser Grundsatz gar nicht zu befolgen», sagte Freuding. «Die Ukraine muss sich wirklich jeden Meter Geländegewinn dadurch erarbeiten, dass sie Minensperren unter Feuer öffnet. Und das ist das Schwierigste, das Blutigste, das Dramatischste, was man sich überhaupt vorstellen kann.»

Die Ukraine wird nach Regierungsangaben von ihren Verbündeten rund 244 Millionen Dollar sowie Spezialausrüstung für die humanitäre Minenräumung im Land erhalten. Das teilte die stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Julija Swyrydenko am Mittwoch mit. Bis Ende des Jahres sollen die Spezialgeräte eintreffen.

Viele getötete und schwer verletzte Minenräumspezialisten

Der aktuell laufenden Gegenoffensive hilft das nicht. Die soll nach dem Willen des ukrainischen Generalstabs und der Regierung bereits früher zu deutlichen Erfolgen zugunsten der Ukraine führen. Aber auch der Westen hat ein Interesse daran, dass die nach zum Teil langen innenpolitischen Debatten gelieferten Waffensysteme zu baldigen Erfolgen Kiews gegen die Truppen des Putin-Regimes führen.

Russian mine clearing experts prepare to work with a robotic vehicle to defuse mines along the high voltage line in Mariupol, on the territory which is under the Government of the Donetsk People' ...
Minenräumspezialist der ukrainischen Armee bei der Sprengung einer Mine in einem Feld bei Donezk.Bild: keystone

Deutschland habe deshalb kurzfristig reagiert und in den letzten Wochen noch mal 14'000 Schuss Nebelmunition im Kaliber 155 Millimeter geliefert, sagte Freuding der dpa, «um zu unterstützen, dass das Öffnen zumindest nicht unter direkter Beobachtung und feindlicher Wirkung ermöglicht wird».

Zurzeit vollzieht sich dieses «Öffnen» des von den Russen bewehrten Gebiets noch unter hohem Blutzoll für die ukrainischen Einheiten. Teilweise müssen Minenräumspezialisten auf dem Bauch durch die Minenfelder robben und eine Mine nach der anderen in lebensgefährlicher Handarbeit entschärfen. Dabei sind sie oft dem feindlichen Feuer ausgesetzt, mehr noch als die Mörsergranaten, fürchten sie dabei die Streumunition, die die russische Armee einsetzt. Bereits in den ersten Wochen der Gegenoffensive sind viele der Minenräumspezialisten getötet oder schwer verletzt worden.

«Zehnmal schlimmer als Afghanistan»

Wie blutig der Krieg wirklich ist, das zeigen unter anderem Bilder eines Fotografen der Nachrichtenagentur AP aus einem Krankenhaus in der Stadt Dnipro, nahe der Frontlinie. Dort arbeiten Ärzte und Pflegepersonal seit Monaten am Limit. Seit Beginn der Gegenoffensive soll es dort jedoch besonders schlimm sein. Täglich müssen die Ärzte zum Teil Dutzende Soldaten mit schwersten Verletzungen behandeln.

Vielen von ihnen müssen Gliedmassen, manchmal sogar mehrere auf einmal, amputiert werden. Für einige der Soldaten kommt jede Hilfe zu spät. Der amerikanische Neurochirurg Rocco Armonda ist auf Kriegsverletzungen spezialisiert und arbeitete schon in anderen Konfliktgebieten. Als Freiwilliger hilft er in der Klinik seinen ukrainischen Kollegen bei der Versorgung der im Rahmen der Gegenoffensive verwundeten Soldaten.

Armonda sagte Mitte Juni einem Team des australischen Nachrichtensenders «ABC»: «Das ist hier nur ein Krankenhaus von vielen an der Front, wenn auch eines der am stärksten frequentierten. Es gibt einem eine Vorstellung davon, dass [dieser Krieg] zehnmal schlimmer sein muss, als das, was wir in Afghanistan oder im Irak gesehen haben.»

Dass die ukrainische Gegenoffensive bald von einer innenpolitischen Schwächung Putins oder einem entscheidenden personellen oder materiellen Engpass bei der russischen Armee, profitieren könnte, sieht General Freuding vorerst nicht. Auf die Frage, ob die Unruhe in Russland nach der jüngsten Ablösung von Generälen ein Hoffnungsschimmer für den Westen seien, sagte er, dies sei «Wunschdenken».

Quellen:

  • economist.com: "Sappers risk their lives to win Ukraine back, inch by inch" (englisch, kostenpflichtig)
  • washingtonpost.com: "The biggest obstacle to Ukraine’s counteroffensive? Minefields." (englisch, kostenpflichtig)
  • bbc.com: "Ukraine war: The lethal minefields holding up Kyiv's counter-offensive" (englisch)
  • washingtonpost.com: "Ukraine’s top general, Valery Zaluzhny, wants shells, planes and patience" (englisch, kostenpflichtig)
  • abcnews.com.au: "Inside American battlefield surgeon's quest to help in Ukraine" (englisch)
  • tagesspiegel.de: "So funktioniert das russische Abwehrbollwerk, das die Soldaten überwinden müssen"
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

(t-online, cc)

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31 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MartinZH
26.07.2023 23:06registriert Mai 2019
RU konnte sich monatelang auf die Offensive einstellen: Es wurde genau erkannt, welche Mittel der UA fehlen – und RU hat sich darauf eingestellt...

So benötigt die UA DRINGEND mehr adäquate Mitteln, um die Offensive möglichst verlustarm fortführen zu können:

Es braucht viel mehr Mittel für die Minenräumung (v.a. Pz und Sprengmittel) – sowie auch mehr (weitreichende) Artillerie.

Und: Um das "Gefecht der verbundenen Waffen" umsetzen zu können auch Helis und Kampfjets.

Und (auch für den Schutz der Bevölk. und der Infrastruktur) werden definitiv mehr Flugabwehrsysteme und Raketen/Mun benötigt.
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Fritz Spitz
27.07.2023 00:27registriert Juli 2014
Die Schweiz muss jetzt endlich einlenken und indirekte Waffenlieferungen zulassen. Wie lange brauchen sie beim Bund noch, bis sie es endlich kapieren?
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