Russland soll in Nato-Ländern Kriminelle für Sabotage anheuern
Westliche Geheimdienstquellen haben Russland für eine neue Welle von Sabotageakten gegen europäische Rüstungsbetriebe verantwortlich gemacht. Der Kreml soll laut einem Bericht des britischen «Telegraph» lokale Kriminelle anwerben, um Hersteller anzugreifen, die Waffen oder Militärtechnik für die Ukraine liefern.
Die Angriffe seien nach Einschätzung von Geheimdienstvertretern so angelegt, dass sie knapp unterhalb der Schwelle für den Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 bleiben. Ziel sei es, die Entschlossenheit der Nato zu testen und die Unterstützung für die Ukraine zu erschweren.
Ein Nato-Vertreter sagte dem «Telegraph», Russland habe seine Destabilisierungskampagnen gegen Verbündete in den vergangenen Jahren beschleunigt – unter anderem durch Cyberangriffe, Mordversuche und Sabotageakte. Die verdeckten Operationen gelten als Teil der hybriden Kriegsführung Moskaus.
Brände und Explosionen in mehreren Ländern
Zuletzt kam es zu mehreren Vorfällen in Staaten, die Rüstungsgüter oder Militärtechnik für die Ukraine bereitstellen:
- Litauen: Die Behörden erhoben Anklage gegen sechs Personen wegen eines mutmasslichen Versuchs, im Jahr 2024 eine Fabrik niederzubrennen. Der Betrieb liefert dem Bericht zufolge Funkwellenscanner an die Ukraine.
- Tschechien: Am 20. März dieses Jahres zerstörte ein Feuer ein Werk fast vollständig, das Drohnen und Wärmebildtechnik für die Ukraine herstellt. Vier Verdächtige wurden im Zuge von Ermittlungen zu einer möglichen russischen Beteiligung festgenommen.
- Bulgarien: Am 10. August erschütterte eine schwere Explosion ein Werk des Rüstungsherstellers EMCO. Das Unternehmen produziert unter anderem 155-Millimeter-Artilleriemunition für die Ukraine. Ausgelöst worden sein soll der Brand zunächst durch ein Feuer in einem Lastwagen nahe einem Lagerhaus.
- Italien: Drei Tage nach dem Vorfall in Bulgarien kam es zu einer Explosion in einer Munitionsfabrik von KNDS Ammo Italy in Colleferro bei Rom. Ursache war nach bisherigen Angaben ein ungeklärtes Feuer in einer Anlage zur Verarbeitung von Schiesspulver.
- Estland: Am 15. August wurde ein Gebäude des Unternehmens Milrem Robotics in Tallinn in Brand gesetzt. Die Firma liefert unbemannte Bodenfahrzeuge an die ukrainischen Streitkräfte. Lettland nahm drei eigene Staatsbürger fest, die verdächtigt werden, an dem Brandanschlag beteiligt gewesen zu sein.
Italienische und bulgarische Behörden spielten eine mögliche russische Beteiligung dem Bericht zufolge herunter. Gerade das erschwert aus Sicht westlicher Sicherheitskreise eine gemeinsame Reaktion der Nato-Staaten.
Kriminelle statt Agenten angeheuert
Nach einer westlichen Geheimdiensteinschätzung setzt der russische Militärgeheimdienst GRU bei solchen Operationen zunehmend auf kriminelle Netzwerke statt auf eigene Agenten vor Ort. Mittelsmänner sollen über Messengerdienste wie Telegram rekrutiert und bezahlt werden, teils mit Kryptowährungen.
Viele Ausführende wüssten demnach nicht, dass sie letztlich für Russland handelten. So könne Moskau die Verantwortung abstreiten und zugleich die Schwelle für eine direkte militärische Reaktion der Nato vermeiden.
Der Nato-Generalsekretär Mark Rutte warnt seit Längerem vor russischen Sabotageakten und bezeichnet sie als «rücksichtslos und gefährlich». Nach Einschätzung westlicher Vertreter gewinnt Moskau mit jedem ungeahndeten Vorfall Erkenntnisse darüber, wie weit es gegenüber der Allianz gehen kann.
Auch Fälle in Deutschland
Auch in Deutschland hatte es zuletzt Fälle gegeben, deren Spuren nach Russland führen. So wurde Anfang August eine Sprengstoffdrohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle nahe ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt und von einem Mitarbeiter zum Absturz gebracht worden. Ein infolge der Sperrung kurz danach durchstartendes Flugzeug kollidierte mit einem unbekannten kleineren Flugobjekt, möglicherweise einer zweiten Drohne.
Im vergangenen Oktober hatte der Verfassungsschutz zudem von einem möglichen Waffenversteck im Wald am Rande von Berlin erfahren, wie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Freitag nach entsprechenden Medienberichten öffentlich machte. Die Polizei habe das Versteck ausfindig gemacht und dort zwei Pistolen sowie Munition gefunden. Den Medien zufolge gibt es Hinweise darauf, dass die Waffen im Auftrag russischer Geheimdienste hinterlegt wurden. Dobrindt erwähnte Russland am Freitag nicht. Eine Beteiligung «fremder Mächte» sei aber nicht auszuschliessen.
Verwendete Quellen:
- telegraph.co.uk: "Russia sabotages weapons factories across Europe" (Englisch)
- Nachrichtenagentur dpa

