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Putins Armee mit Rekordverlusten – Russlands Lage an der Ukraine-Front

Putins Armee mit Rekordverlusten – Kräftemessen beginnt

Russlands Armee erleidet Rekordverluste, an der Front verliert sie sogar Gelände. Jetzt verlagert Russland den Krieg auf den ukrainischen Luftraum. Die Ukraine kann darauf nur eingeschränkt reagieren.
05.11.2026, 19:3305.11.2026, 19:33
Anna von Stefenelli / t-online
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Moskau verliert Zehntausende Soldaten, ohne entscheidend voranzukommen. Im Gegenteil. Für Wladimir Putin fällt die militärische Bilanz des Oktobers verheerend aus: 54'400 getötete oder schwer verwundete russische Soldaten zählt der ukrainische Generalstab für den vergangenen Monat. Stimmen die Zahlen, was nicht unabhängig überprüft werden kann, sind das historische Verluste: mehr als in jedem anderen Monat seit Beginn des Krieges 2022.

Kuzmych , a member of an artillery unit of the DaVinci Wolves battalion, covers his ears as a shot is about to be fired. The unit can fire more than 20 shells per day. On the southern front of Pokrovs ...
Eine russische Artillerieeinheit bei Pokrowsk: Russland erleidet wohl schwere Verluste beim Versuch, die Stadt Dobropillja zu erobern.Bild: www.imago-images.de

Auch die Entwicklung an der Front fällt für Moskau schlecht aus. Das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) errechnete für Oktober einen russischen Nettoverlust von 27,29 Quadratkilometern. Zwar eroberte die Armee örtlich Gelände, musste andernorts aber mehr aufgeben. Zum zweiten Mal in Folge war die Bilanz negativ. Selbst in der umkämpften Region Donezk verlor Russland unter dem Strich Gelände.

Moskau verlagert den Schwerpunkt seiner Angriffe nun zunehmend in den ukrainischen Luftraum. Mit immer grösseren Drohnen- und Raketenwellen nimmt Russland dabei vor allem die Energieversorgung ins Visier.

Der Himmel wird zum Schlachtfeld

Das zeigte sich auch in der Nacht zu Dienstag. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj griff Moskau mit 289 Drohnen, 17 ballistischen Raketen und 59 Marschflugkörpern an. Kraftwerke und Umspannwerke wurden getroffen. Drei der fünf Wärmekraftwerke des privaten Energieversorgers DTEK mussten die Stromproduktion einstellen. In Kiew und mindestens sechs weiteren Regionen fiel der Strom aus. Auch Bahnanlagen wurden beschädigt.

Dahinter steckt nach Einschätzung des ISW eine neue Strategie des Kremls. Lange hat Putin darauf gesetzt, dass seine Armee an der Front stetig vorrückt, bis dem Westen der Wille zur Unterstützung Kiews ausgeht. Ukrainische Gegenangriffe und die hohen russischen Verluste haben diesen Plan vorerst scheitern lassen. Nun sollen nach Einschätzung des Instituts Fernangriffe das zivile Leben unerträglich machen und so Kiew über den Winter zu Zugeständnissen zwingen.

Dafür setzt Russland verstärkt auf neue Drohnenvarianten. Im Oktober starteten laut ukrainischem Generalstab 6473 weitreichende Shahed- und Geran-Drohnen. Zunehmend kommen Modelle mit Strahltriebwerk zum Einsatz. Sie erreichen laut ISW bis zu 600 Kilometer pro Stunde und sind für ukrainische Abfangdrohnen schwerer zu treffen. Andere Flugkörper erlauben es, klassische Raketen für weitere Angriffe zu schonen.

Kiews Abwehr wird bei diesen schnellen Drohnen inzwischen zwar besser. Im Oktober konnte das ukrainische Militär nach eigenen Angaben rund 66 Prozent der schnellen Shahed-Varianten und 89 Prozent der langsameren Modelle abfangen. Trotzdem reichen schon wenige Treffer, um Stromnetze lahmzulegen. Besonders kritisch ist der ukrainische Mangel an Abfangraketen für ballistische Geschosse: Von den 17 am Dienstag eingesetzten Raketen konnte die Ukraine nach eigenen Angaben nur drei zerstören.

Russland greift zudem häufiger tagsüber an. Das ISW zählte im Oktober mindestens zehn solcher Angriffswellen. Der Luftalarm kann dann Betriebe und Verkehrswege lahmlegen, auch ohne direkte Treffer, und so der ukrainischen Wirtschaft schaden.

Die Ukraine schlägt ihrerseits im russischen Hinterland zu. In der Nacht zum Dienstag brannte nach russischen Angaben eine Raffinerie in Jaroslawl. Solche Angriffe sollen Moskaus Treibstoffversorgung und Kriegseinnahmen belasten.

Wo Russland an der Front durchbrechen will

Trotz der Strategieänderung: Am Boden wird weiter um jeden Kilometer gerungen. Der ukrainische Generalstab meldete am Dienstag bis 22 Uhr 201 Gefechte, darunter 24 russische Angriffe bei Kostjantyniwka und 15 bei Pokrowsk. Auch diese Angaben sind nicht unabhängig überprüfbar.

Russlands Hauptziel bleibt laut ISW der ukrainische Verteidigungsgürtel in der Region Donezk: Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk. Über die Städte verlaufen wichtige Nachschubwege. Moskau will die Verteidiger einkesseln und sie zum Rückzug zwingen.

Bei Dobropillja nordwestlich von Pokrowsk hat Russland laut der Analyse grosse Teile der 41. Armee und rund ein Drittel seines spezialisierten Drohnenverbands Rubikon konzentriert. Kleine Infanteriegruppen sickern durch Lücken in den ukrainischen Linien. Doch trotz örtlicher Fortschritte konnten sie sich in Dobropillja selbst zuletzt nicht festsetzen. Am 2. und 3. November registrierte der ukrainische Generalstab in diesem Abschnitt nur 13 Angriffe, so wenige wie seit Anfang August nicht mehr.

Traces of war in Ukraine DONETSK OBLAST, UKRAINE - SEPTEMBER 28: A view of the damaged residential building after a Russian FAB glide bomb hits Dobropillja, Ukraine on September 28, 2024. Ukraine Worl ...
Anwohner schliessen die Fenster mit Sperrholz nach russischem Beschuss (Archivbild): Die Stadt Dobropillja ist gerade besonders schwer umkämpft.Bild: www.imago-images.de

Die Stadt sollte den westlichen Eckpfeiler einer Zangenbewegung bilden. Doch selbst ihre Einnahme würde keinen freien Weg nach Kramatorsk öffnen. Russland müsste weit nach Norden vorstossen und lange Nachschubwege sichern. Für schnelle, grossräumige Operationen fehlen der Armee laut ISW derzeit die Fähigkeiten.

Die Zange bleibt offen

Der nördliche Arm dieser Zange ist nach Einschätzung des ISW bereits gescheitert. Über Lyman wollte Moskau den Siwerskyj Donez überwinden und Slowjansk bedrohen. Die ukrainische Operation «Vivaldi» beseitigte den russischen Frontvorsprung nördlich von Lyman weitgehend. Moskau greift weiter an und verlegte Verstärkungen aus dem Raum Kupjansk. Neue Geländegewinne bestätigte das ISW dort zuletzt nicht.

Auch östlich von Slowjansk stockt der Vormarsch. Ukrainische Gegenangriffe bei Raj-Oleksandriwka setzen die russischen Truppen unter Druck. Moskau greift zugleich Nachschubwege nach Kramatorsk mit Drohnen und Artillerie an. Der Verteidigungsgürtel hält, seine Zugänge bleiben umkämpft.

Gefährlicher ist die Lage in Kostjantyniwka. Nach ISW-Auswertung sind russische Soldaten in gut einem Drittel der Stadt vorgerückt, einzelne noch weiter. Die Ukraine hält aber Stellungen. Russische Vorstösse Richtung Druschkiwka ohne vollständige Kontrolle über Kostjantyniwka schaffen offene Flanken und gefährden den Nachschub. Das verschafft Kiew Zeit, weiter hinten Verteidigungslinien auszubauen.

Auch im Süden fehlt der Durchbruch

In der Region Saporischschja will Russland die Vorstösse bei Huljajpole und Orichiw verbinden und langfristig die Grossstadt Saporischschja bedrohen. Bei Orichiw gelangen zuletzt lokale Geländegewinne, ein Durchbruch blieb aus. Ukrainische Gegenangriffe bei Oleksandriwka binden russische Kräfte.

Bei Kupjansk hat die Ukraine mit der Operation «Veles» eine Pipelineroute unterbrochen, über die russische Soldaten vordrangen. Die Angriffe entlang des Oskil haben laut ISW nachgelassen. Bei Sumy versucht Russland weiter, seine sogenannte Pufferzone an der Grenze auszuweiten. Bislang gelang das nur punktuell.

Doch auch Kiew fehlen Soldaten. Laut AP sind manche Fronteinheiten nur halb so stark wie vorgesehen. Monatelang müssen viele Soldaten wegen fehlender Ablösung im Einsatz bleiben. Drohnen helfen bei der Verteidigung, ersetzen aber keine Infanterie. Die Ukraine kann Vorstösse stoppen, ihre Erfolge jedoch kaum zu grösseren Offensiven ausbauen.

Wer hat den längeren Atem für Abu Dhabi?

Am 10. und 11. November sollen Vertreter der Ukraine, Russlands und der USA in Abu Dhabi verhandeln. Kiew will über eine gegenseitige Feuerpause bei Angriffen auf Energieanlagen, sichere Transporte im Schwarzen Meer und einen Gefangenenaustausch sprechen. Die USA wollen auch über Deeskalation und Sicherheitsgarantien sprechen. Moskau schickt Putins Berater Wladimir Medinski.

Aktuell geht es darum, wer den längeren Atem hat. Russland kann seine hohen Verluste nur schwer ersetzen, Kiew braucht dringend Soldaten und Abfangraketen. Ob eine Seite in Abu Dhabi Zugeständnisse erzwingen kann, hängt auch davon ab, wie lange die Ukraine den Angriffen auf ihre Energieversorgung standhält.

German Chancellor Friedrich Merz, right, and Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy attend a press conference in Berlin, Germany, Tuesday, Nov. 3, 2026. (AP Photo/Ebrahim Noroozi)
Germany Ukraine
Kanzler Friedrich Merz (r.) steht fest zum ukrainischen Präsidenten Selenskyj.Bild: keystone

Selenskyj fasste das Dilemma am Dienstag in Berlin so zusammen: «Wir betreten den Verhandlungsprozess in einer guten Lage auf dem Gefechtsfeld und mit grossen Schwierigkeiten im Bereich der Luftabwehr.» Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz forderte ernsthafte russische Verhandlungen. Bisher sehe er diese nicht.

Verwendete Quellen:

(t-online)

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