Spanien: Drei Tage Staatstrauer ++ Zugunglück fordert mindestens 107 Verletzte und 68 Tote
Was ist passiert?
Beim Zusammenstoss zweier Hochgeschwindigkeitszüge sind in Spanien zahlreiche Menschen gestorben. Wie regionale Behörden am Nachmittag berichten, ist die Anzahl Todesopfer auf mindestens 68 angestiegen.
Zur Kollision kam es nahe Urda in der Provinz Toledo rund 130 Kilometer südlich von Madrid. Es gebe auch Dutzende Verletzte, sagte Esther Padilla, Sprecherin der Regionalregierung von Kastilien-La Mancha, im spanischen Fernsehen. Im Verlauf des Nachmittags wurde die Anzahl der Schwerverletzten auf rund 50 Personen geschätzt. Abends stieg diese Zahl auf mindestens 107 Verletzte, 58 davon schwer. 18 Personen schwebten am Mittwochabend gemäss den Behörden in Lebensgefahr.
Die Zahl der Betroffenen könne aber noch zunehmen, sagte der Präsident der Regionalregierung, Emiliano García-Page. Dies, weil es bislang noch nicht möglich gewesen sei, ins Innere aller Waggons vorzudringen. Die Bergungsarbeiten bei der Unfallstelle dauerten am Abend weiter an.
Zu den Personen, die sich an Bord der Züge befanden, gehört auch die ehemalige spanische Ministerin für Arbeit und Sozialwirtschaft Fatima Banez. Dies meldet der Arbeitgeberverband CEOE, welchen Banez derzeit leitet. «Wir warten auf Neuigkeiten», schreibt das Unternehmen auf X.
Wie kam es zum Unglück?
Zwei Waggons eines Zuges des privaten Bahnunternehmens Iryo entgleisten nach dem Zusammenstoss kurz nach 9 Uhr und stürzten nach Angaben des Fernsehsenders RTVE einen Bahndamm hinunter. Nach Angaben Padillas waren im Iryo-Zug 146 Passagiere und ein Baby an Bord. Im Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe befanden sich 397 Menschen.
Etwa auf dieser Höhe ereignete sich das Unglück:
Warum es zu dem Unglück kam, war zunächst unklar. Der Iryo-Zug war offenbar aus bislang unbekannten Gründen zum Stehen gekommen. Der nachfolgende Renfe-Zug sei kurz vor 9 Uhr auf ihn aufgefahren, hiess es aus Kreisen des spanischen Bahnnetzbetreibers Adif. Beide Züge waren in Richtung Süden nach Andalusien unterwegs. Nach ersten Ermittlungen könnte menschliches Versagen die Ursache sein, berichtete die Zeitung «El País».
Nach den Worten von Verkehrsminister Oscar Puente ist das Unglück auf eine «unerklärliche» und «falsche» Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen.
Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, sei einem der Züge grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben worden, sagte Puente. Ob menschliches Fehlverhalten vorliege, müsse die Untersuchung klären.
Laut «El País» fuhr der Hochgeschwindigkeitszug 17 Minuten lang auf den stehenden Zug zu. Laut Minister habe der Fahrdienstleiter angeordnet, dass alle im betroffenen Gebiet stehenden Züge wieder normal fahren sollten. Die Ermittlung sollen nun klären, weshalb der Angestellte in der Leitstelle in dieser Zeit offenbar nicht bemerkte, dass ein Zug auf einen anderen zuraste.
Der Bahnverkehr zwischen Madrid und Andalusien wurde in beide Richtungen unterbrochen. Am Unglücksort waren Feuerwehrleute aus den nahe gelegenen Orten Alcazar de San Juan und Orgaz sowie Zivilschutzkräfte aus mehreren umliegenden Gemeinden im Einsatz. Zudem wurden drei Rettungshubschrauber und zwei mobile Intensivstationen zur Versorgung der Verletzten eingesetzt. Das Innenministerium in Madrid ordnete ausserdem den Einsatz der Militärischen Nothilfeeinheit UME an.
Was sagen Überlebende?
Es sei «brutal» gewesen, meldet Passagier Jesus Jeronimo gegenüber «El Pais». Er sass in einem Waggon des Renfe-Zuges auf dem Weg nach Sevilla und arbeitete an seinem Laptop. «Ich spürte plötzlich eine heftige Beschleunigung und wurde mit voller Wucht gegen den Vordersitz geschleudert. Menschen flogen durch die Luft», sagte der 54-Jährige.
Zunächst hätten die Passagiere gedacht, ihr Zug sei entgleist. Als sie nach und nach ausgestiegen seien, hätten sie gesehen, dass der Zug schräg stand. Es habe viele Verletzte und aufgeregte Menschen gegeben. Jeronimo half anschliessend den Rettungskräften, unter anderem indem er Infusionen hielt. Die Feuerwehr konzentrierte ihre Arbeit nach seinen Angaben auf den stärker beschädigten Zug.
Was sind weitere Reaktionen?
Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez zeigte sich bestürzt. Er stehe mit Verkehrsminister Oscar Puente sowie lokalen Behörden in Kontakt. Vor Ort werde alles probiert, um den Betroffenen zu helfen und ihre Sicherheit zu gewährleisten. «Meine Zuneigung, Solidarität und Unterstützung gelten allen Opfern und ihren Familien», schreibt Sanchez.
Bundespräsident Guy Parmelin meldete sich am frühen Nachmittag ebenfalls zu Wort. Er sei «tief betroffen» vom Unfall, so der Bundesrat auf X. Er sei in Gedanken bei den Opfern, ihren Familien und den Verletzten. «In diesen schweren Stunden steht die Schweiz solidarisch an der Seite des spanischen Volkes und drückt ihre volle Solidarität aus.»
Profondément attristé par le tragique accident ferroviaire survenu en Espagne. Mes pensées vont aux victimes, à leurs familles et aux personnes blessées. En ces heures difficiles, la 🇨🇭 se tient aux côtés du peuple espagnol et exprime toute sa solidarité. Ma reconnaissance va également aux équipes de secours mobilisées sur place.
— Guy Parmelin (@ParmelinG) October 28, 2026
Auch weitere europäische Spitzenpolitiker haben den Angehörigen der Opfer ihr Beileid ausgedrückt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf X, ihr Mitgefühl gelte den Familien und Angehörigen der Opfer. «Heute trauert Europa mit euch.»
Just received the devastating news from Toledo on the collision of two high-speed trains. My heart goes out to the victims’ families and loved ones. Today, Europe mourns with you.
— Ursula von der Leyen (@vonderleyen) October 28, 2026
EU-Ratspräsident Antonio Costa drückte den Angehörigen der Todesopfer sein Beileid aus und wünschte den Verletzten schnelle Genesung. Er dankte den Rettungskräften und schrieb: «Meine ganze Unterstützung gilt dem spanischen Volk in diesen Stunden der Trauer.»
Roberta Metsola, Präsidentin des Europäischen Parlaments, schrieb, sie sei tief bestürzt. «Ich teile die Trauer der Familien und Freunde der verstorbenen Opfer angesichts des unersetzlichen Verlusts ihrer Angehörigen und wünsche den Verletzten eine schnelle und vollständige Genesung.»
Manfred Weber, Partei- und Fraktionsvorsitzender der konservativen EVP im Europäischen Parlament, schrieb: «Wir stehen dem spanischen Volk in dieser schweren Zeit nach dem tragischen Zugunglück in Toledo zur Seite.» Die Gedanken seien bei den Opfern, den Familien, die ihre Angehörigen verloren haben, allen Verletzten und allen, die von dieser Tragödie betroffen sind.
Wie geht es weiter?
Derzeit laufen die Bergungsarbeiten. Der Bahnverkehr zwischen Madrid, Ciudad Real und Andalusien ist komplett eingestellt. Weiter wird der Unfallhergang ermittelt.
Die spanische Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Gemäss «El Pais» beginnt sie am Donnerstag und soll bis Samstag um Mitternacht dauern.
Die spanische Lokführergewerkschaft Semaf hat bereits am 16. Oktober wegen Sicherheitsbedenken im Bahnverkehr zu einem Streik aufgerufen. An diesem Aufruf halte man auch am Donnerstag, am Tag nach dem Unglück, fest. Das teilt die Gewerkschaft am Mittwoch mit. Ob der Unfall im Zusammenhang mit bereits angeprangerten Mängeln steht, ist unklar.
Das Unglück hat derweil auch Auswirkungen auf andere Bereiche. So hat der spanische Fussballverband RFEF den für Mittwoch geplanten Spieltag im nationalen Cup ab. Alle 24 Partien der 1/64-Finals werden verschoben. Die neuen Termine sollen in den kommenden Tagen bekanntgegeben werden. Von der Verschiebung betroffen ist auch Filip Ugrinic, der mit Valencia beim Sechstligisten Tavernes hätte antreten sollen. Die beiden Topklubs Real Madrid und der FC Barcelona steigen erst später in den Wettbewerb ein.
Gibt es ähnliche Fälle?
Schon im Januar ereignete sich in Südspanien ein schweres Zugunglück, bei welchem 46 Personen starben und rund 150 verletzt wurden. Gemäss aktuellem Kenntnisstand brach die Schweissnaht einer Schiene, was zur Entgleisung einiger Waggons eines Iryo-Zuges führte. Diese gerieten auf das Gegengleis und rammten einen Alvia-Zug, welcher in die Gegenrichtung fuhr.
Zu einem noch schwereren Unglück kam es im Juli 2013. Damals entgleiste ein Zug in Angrois wenige Kilometer vor Santiago de Compostela mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an einer Kurve. 80 Menschen kamen ums Leben.
(dab/hkl, mit Material von Keystone-SDA)
