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ZUM THEMA VERBOT AL-QAIDA UND ISLAMISCHER STAAT AN DER FRUEHLINGSSESSION 2018 AM MITTWOCH 28. FEBRUAR 2018 STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - FILE - This undated file image posted on a militant website on Tuesday, Jan. 14, 2014, which has been verified and is consistent with other AP reporting, shows fighters from the al-Qaida linked Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL) marching in Raqqa, Syria. Across the broad swath of territory it controls from northern Syria through northern and western Iraq, the extremist group known as the Islamic State has proven to be highly organized governors. (KEYSTONE/AP Photo/Militant Website, File)

IS-Kämpfer in Raqqa, Syrien. Bild: AP Militant Website

Erkenntnisse einer IS-Geisel

Der Franzose Nicolas Hénin war zehn Monate lang Gefangener des Islamischen Staats. In der Geiselhaft hat er die Überzeugung gewonnen, dass die Justiz die einzige wirksame Waffe gegen Dschihadismus ist – und dass Rache nichts bringt.

Stefan Brändle, Paris / ch media



Der Treffpunkt ist präzis gewählt: Das Pariser Bistro hat einen einzigen Eingang, und Nicolas Hénin nimmt mit dem Rücken zur Spiegelwand Platz, sodass er das Kommen und Gehen im Blick behält. Das ist vielleicht besser so: Der 43-jährige Franzose hat, um es vorsichtig auszudrücken, auf keiner Seite Freunde. Für die Dschihadisten ist er ein Todeskandidat, und von Rechtsextremen hat er schon Morddrohungen erhalten.

Aber der Reihe nach. Nicolas Hénin war ein erprobter Kriegsreporter, der fünfzehn Jahre lang über den arabischen Raum berichtete und dabei auch Dschihadisten – oft die gleichen – in Somalia, in Libyen oder im Jemen traf. 2013 wurde Hénin in der syrischen IS-Hochburg Rakka entführt und zehn Monate lang als Geisel gehalten. Dabei lernte er unter anderem den später exekutierten Amerikaner James Foley kennen. Hénin selber wurde andauernd gefoltert.

Dschihadisten legten Leichen vor

Über seine Freilassung redet Hénin ungern, das ist Geheimdienstsache. Auf jeden Fall erkannte er nur einen Monat später seinen Geiselnehmer, den Franzosen Mehdi Nemmouche, wieder. Nemmouche war einer der Attentäter beim Anschlag auf ein jüdisches Museum in Brüssel im Jahr 2014. Vier Menschen starben.

Bei Nemmouches Prozess in Belgien trat Hénin Anfang dieses Jahres als Zeuge auf. Dort erzählte er zum ersten Mal, wie ihn sein Geiselwächter malträtierte. «Vorher hatte ich mich dazu sehr zurückgehalten, auch gegenüber meiner eigenen Familie», erzählt Hénin. «Vor Gericht kam alles heraus, bis zu den Fingernagelzangen und dem Psychoterror. Und seltsam: Nachdem ich seit meiner Freilassung unter Albträumen gelitten hatte, fühlte ich mich nach dieser Zeugenaussage leicht und befreit; erstmals seit langem schlief ich wieder gut.»

«Mir geht es nicht um Revanche oder Rache.»

Während der Gerichtsverhandlung hat die Ex-Geisel ihrem Peiniger unfreiwillig eine Falle gestellt: Als Hénin erzählte, wie der Sadist eine andere Geisel erniedrigte und sie «mein kleiner Didier» nannte, musste Nemmouche spontan lächeln. Damit hatte er sich selber verraten, nachdem er die Teilnahme an den Geiselaffären kategorisch bestritten hatte. Nemmouche wurde wegen des Museumattentats zu lebenslanger Haft verurteilt. Inzwischen ist er nach Paris überstellt worden, wo er nun auch für seine Dschihad-Untaten geradestehen muss.

Seine eigene zehnmonatige «Haft» nennt Hénin eine «extreme Erfahrung». Absolut unerträglich sei, dass man als Geisel jede Kontrolle über sein Leben verliere. Die Dschihadisten wollten ihn zugrunde richten, unter anderem, indem sie getötete Geiseln mit durchschnittener Kehle vor seine Zellentür legten. «Ich überlebte letztlich nur, weil es mir gelang, ein Mensch zu bleiben», meint Hénin.

Und diesem Prinzip folgt er bis heute. «Mir geht es nicht um Revanche oder Rache. Das wollen die Dschihadisten, und wir dürfen uns nicht in ihr Spiel hineinziehen lassen», sagt Hénin. Als Geisel musste er orange Kleider tragen, weil sich die IS-Wächter für ihre Kumpels im US-Gefängnis Guantánamo rächen wollten.

In Frankreich rufen viele nach Vergeltung für die Pariser Terrorattacken von 2015. Ein Vater, der in der Pariser Bataclan- Mordnacht seine Tochter verloren hatte, twitterte, man solle die in Syrien gefangenen Dschihadisten nicht nach Frankreich ausliefern, sondern vor Ort erschiessen. Hénin mahnte darauf öffentlich, kühlen Kopf zu bewahren. Darauf wurde er beschimpft und via Internet selber zum Abschuss freigegeben.

FILE - In this Sunday, Nov. 13, 2016 file photo, onlookers take pictures with their phone in front of the Bataclan concert hall in Paris, France, after a ceremony held for the victims of 2015's Paris attacks which targeted the Bataclan concert hall. French television channel France 2 says it has ceased production on a television movie about the aftermath of the Bataclan concert attack where 90 people were killed

Menschen bei einer Gedenkfeier an die Opfer des Terroranschlages im Pariser Club «Bataclan». Bild: AP/AP

Hénin hat Klage gegen unbekannt eingereicht. «Ich glaube an die Justiz. Nur sie kann dafür sorgen, dass sich die Gewaltspirale nicht weiterdreht», meint Hénin. «Auch die Dschihadisten haben für ihre Verbrechen zu zahlen, und wir müssen sie ohne Unterlass bekämpfen. Aber stets mit den Mitteln des Rechtsstaates. Gerade weil die Dschihadisten Panik säen wollen, müssen wir kühlen Kopf bewahren. Wir brauchen keinen Überwachungsstaat, sondern kollektive Wachsamkeit.»

Mit Häftlingen spricht er über alles – ausser Religion

Hénin ist kein Weichling. Er sagt, er wende seit seiner Geiselhaft jede Minute seines Lebens zur Terrorbekämpfung auf. Seinen Job als Reporter hat er an den Nagel gehängt. Heute pendelt der Reserveoffizier zwischen Deutschland und Frankreich, wo er internationale, europäische und frankophone Organisationen in Terrorfragen berät. Er leitet Kurse und tritt in Gefängnissen auf.

«Man kann niemanden deradikalisieren, wenn er nicht selber dazu bereit ist.»

Mit den gefährdeten oder bereits radikalisierten Häftlingen spricht er über alles – ausser über Religion. Das überlässt er den muslimischen Seelsorgern. «Sie leisten wichtige Arbeit, um die Radikalisierung neuer Häftlinge zu verhindern», sagt Hénin. «Ansonsten setzen die Haftanstalten heute eher auf soziale Integration und psychologische Betreuung als auf Entradikalisierung.»

Die Amerikaner hätten den Versuch bereits völlig aufgegeben, in den Haftanstalten auf religiöse Ausrichtungen einzuwirken. «Ich mag das Wort ‹Deradikalisierung› auch nicht», bekennt Hénin. «Man kann niemanden deradikalisieren, wenn er nicht selber dazu bereit ist.» Wie er zu dieser Überzeugung gekommen ist? «Ich hatte zehn Monate lang Zeit, mich aus nächster Nähe mit dem Denken der Dschihadisten zu befassen», antwortet Hénin, der nun selbst auch einmal lächeln muss.

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34Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • DomKi 22.09.2019 19:00
    Highlight Highlight Was der Westen immer noch nicht begriffen hat, ist, dass in der islamischen Welt nicht zwischen religiöser und säkularer Welt unterschieden wird (ich arbeite mit Muslimen und weiss das). Es sind nicht (nur) die religiösen Ansichten das Problem, der Islam ist eine Kultur, der Westen hat aber keine Ahnung worum es geht. Ob jemand zum Extremisten avanciert oder nicht, ich denke da spiele viele Faktoren eine Rolle.
  • derWolf 22.09.2019 15:53
    Highlight Highlight Beeindruckend. Er hat im humanen Sinn absolut Recht. Bei islamischem religiösen Extremisten komme ich allerdings in's grübeln. Man hält den Westen für schwach, sie rechnen und spielen mit unseren Wertevorstellen. Ich begreife und verstehe auch den Vater, schlussendlich läuft es als Betroffener meist auf Zahn um Zahn heraus. Diese Menschen denken wie wir im Mittelalter, wäre da Güte effizient gewesen? Ich kann das auch nicht Beantworten, die Frage muss aber erlaubt sein. Meine grösste Achtung vor dem Mann!
  • AleTee 22.09.2019 14:30
    Highlight Highlight Sehr schöne Aussagen von diesem Herrn Monsieut Hénin! Unglaubich das jemand der solches durchlitten hat so weisse daraus hervirgehen kann. Finde ich wirklich sehr bewundernswert, hoffe vielen nehmen seine Worte zu Herzen.
  • murrayB 22.09.2019 12:54
    Highlight Highlight Sagen wir es so, die Kurden können gerne ihnen den Prozess machen - wieso zurücknehmen und hier verurteilen?

    Wenn wir z.B. in Tunesien eine Straftat begehen werden wir auch dort zur Verantwortung gezogen!
    • Rabbi Jussuf 22.09.2019 15:17
      Highlight Highlight Wäre eigentlich richtig. Nur fehlt in den betreffenden Ländern die richtige Infrastruktur und Geld. Darum besser nach Hause mit denen, anstatt, dass sie frei gelassen würden.
    • Maracuja 22.09.2019 18:08
      Highlight Highlight @Rabbi Jussuf: Nur fehlt in den betreffenden Ländern die richtige Infrastruktur und Geld. Darum besser nach Hause mit denen, anstatt, dass sie frei gelassen würden

      Schon angesichts der enormen Kosten infolge Rücknahme u.a. Strafuntersuchung mit Zeugeneinvernahme im Ausland, Prozess, Gefängnis bzw. Überwachung, wenn die Beweise für eine Verurteilung der Verbrecher nicht reichen, wäre es sinnvoller den betreffend Länder bei Strafuntersuchung und Bau von Gefängnissen zu helfen. Für die Opfer der Daesh wäre es unerträglich, wenn sich die Verbrecher in den Westen retten könnten.
  • Rabbi Jussuf 22.09.2019 10:34
    Highlight Highlight Guter Bericht und auch von mir: Chapeau für den Mann.

    Nur mit den Gefängnissen habe ich Bedenken. Dort gibt es die meisten Radikalisierungen und die Imame sind ganz sicher nicht über jeden Zweifel erhaben. Deren Arbeit ist genau zu kontrollieren. Wenn schon im Heimatland, gehören die verurteilten Dschihadisten in spezielle Gefängnisse ohne Kontakt zu normalen Gefangenen, wie damals die RAF-Leute.
    Ideal wäre, wenn die Terroristen ihren Prozess und Strafe im Land des begangenen Verbrechens absitzen. Leider geht das nicht, da die Strukturen dort zu löchrig sind oder gar nicht existent.
    • Maracuja 22.09.2019 18:17
      Highlight Highlight @Rabbi Jussuf: Deren Arbeit ist genau zu kontrollieren.

      Das gilt für sämtliche Gefängnisseelsorger, -sozialarbeiter u.ä. Sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Kontakte zu gewöhnlichen Sträflingen sollte tatsächlich verhindert werden. Was die löchrigen Strukturen betrifft, haben die Kurden bereits um Hilfe gebeten. Gewährt man die Hilfe könnten, wäre es durchaus möglich das Prozess und Strafverbüssung vor Ort stattfinden.
  • Lappituedaugeuf 22.09.2019 10:01
    Highlight Highlight Nach dem Ersten Weltkrieg rächten sich die Siegermächte mit dem Versailler Vertrag an Deutschland. Reparationszahlungen, Gebietsverluste, Beschlagnahmung der Metallindustrie und viel mehr. Die daraus resultierenden Zustände begünstigten den Aufstieg Hitlers und den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Als dann die Allierten siegten, wurden während der Entnazifizierung obere NS-Führer und Mittäter angeklagt und verurteilt und es gab eine Kultur des Vergessens aber keine Rache. Insofern hat Nicolas Hénin recht, aber man muss den Opfern Gehör verschaffen. Vergeben muss das Ziel sein, nicht Vergessen.
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 22.09.2019 08:32
    Highlight Highlight Guter und sehr intressanter Artikel.
  • Gawayn 22.09.2019 08:31
    Highlight Highlight Ich finde der Mann hat Recht.
    Rache und Gewaltakte, haben immer, nur weitere Gewalt und Racheakte zur Folge gehabt.

    In Afghanistan bildeten Amis Rebellen aus, um gegen die Russen zu kämpfen. Die Russen wurden vertrieben, haben aber ein Chaos hinterlassen. Die Amis halfen nicht.

    Aus Rache folgte 09/11
    Die Amis haben sich wegen 09/11 gerächt.
    Darauf wurde in Irak, die gesamte Führung und Städte zerstört.
    Die Amis hinterliessen mit dem Tod Saddams ein Chos und Machtvakuum.
    Daraus konnte der IS entstehen.
    Genug Waffen und Ausrüstung liessen die Amis auch zurück.

    Und weiter
    • α Virginis 22.09.2019 10:48
      Highlight Highlight Gawayn, und die Spirale dreht sich weiter,leider. Ich mag keine Russen, die haben mir damals die Heimat weggenommen. Trotzdem hasse ich sie nicht und würde gar jemand deswegen angreifen. Vielleicht sollte man da etwas tiefer nachdenken, bevor zu den Waffen gegriffen wird. Aber wie heisst es so schön falsch? Kein problem, welches nicht mit Dynamit lösen kannst.... Solange die Leute so denken, sehe ich da düster... 🤔
    • Toerpe Zwerg 22.09.2019 11:12
      Highlight Highlight Ganz so einfach ist es nicht. Die Motive des politischen Islam gehen weit über Rache hinaus. Diese Ideologen streben nichts Anderes als die Unterwerfung der Welt unter ihren Glauben und unter ihre Herrschaft an. Erst wenn das anerkannt und akzeptiert ist, kann man aufbauend auf dieser Basis über geeignete Reaktionen darauf diskutieren.

      Hingegen haben Sie recht, dass Rache nie eine gescheite Handlungsanleitung ist. Der Rache wohnt tatsächlich der Terror inne.

      Wenn also Gewalt, dann nicht aus Rache, sondern strategisch überlegt und völkerrechtlich abgestützt.
    • Erba 22.09.2019 13:55
      Highlight Highlight Toerpe. Mag ja sein, dass der IS solche Ziele hegt. Aber geschätzte 90% oder mehr wollen einfach in Frieden ihre Religion leben.
      Der IS ist eine Randerscheinung, die nie eine grössere Herrschaft erreichen wird.
    Weitere Antworten anzeigen
  • N. Y. P. 22.09.2019 08:20
    Highlight Highlight Hénin mahnte darauf öffentlich, kühlen Kopf zu bewahren.

    Nun gut, wenn die eigenen Töchter und Söhne erschossen, verbrannt, zerstückelt oder in die Luft gesprengt werden, ist einem die Rache näher, als kühlen Kopf zu bewahren..

    Daher verstehe ich teilweise die Anfeindungen gegenüber seiner Person.
    • NocheineMeinung 22.09.2019 09:10
      Highlight Highlight Wenn die eigenen Töchter und Söhne erschossen, verbrannt, zerstückelt oder in die Luft gesprengt werden, ist einem die Rache näher, als kühlen Kopf zu bewahren.
      Das heisst, dass die Personen, die im Irak oder Syrien durch Aktionen von USA, GB und Frakkreich dies erleben mussten, es jetzt bei denen auch tun dürfen?
    • I.t 22.09.2019 09:24
      Highlight Highlight Ich nicht... er hat das leid auch erfahren, er weiss also von was er spricht. Ich verstehe zwar die Rachegedanken der betroffener. Aber das Auge um Auge Prinzip hat noch nie zum Frieden beigetragen.
    • Manulu 22.09.2019 09:28
      Highlight Highlight was sollen die Blitze hier. n.y.p. schildert bloss was gesunder menschenverstand tut. versetzt euch in die lage dieses vaters, dessen kind/er beim pariser anschlag ungekommen ist/sind.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Coffeetime 22.09.2019 07:56
    Highlight Highlight Chapeau! 👍🏻

Mindestens 40 Dschihadisten bei Raketenangriff in Idlib getötet

Bei einem Raketenangriff auf ein Treffen von Islamisten in Syrien sind nach Angaben von Rebellen und Beobachtern mindestens 40 Personen getötet worden. Der Angriff habe sich nördlich von Idlib zwischen den Ortschaften Kafaria und Maarat ereignet.

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