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Was Russland jetzt vorhaben könnte

Vor einigen Tagen liess Russland verlauten, sich aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew zurückzuziehen – aus «gutem Willen». Jetzt zeigt sich, dass es eine neue Strategie auf russischer Seite geben könnte.
01.04.2022, 17:4002.04.2022, 18:12

Am Dienstag trafen sich eine ukrainische und eine russische Delegation in Istanbul zu Friedensgesprächen. Dabei sagte ein Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums, Generaloberst Alexander Fomin: «Um das gegenseitige Vertrauen zu verstärken und die nötigen Umstände für weitere Gespräche zu schaffen», werde Russland die militärischen Aktivitäten um Kiew und Tschernihiw «radikal reduzieren».

Es schien nach den Friedensgesprächen unklar, ob Russland sein Wort über einen Rückzug halten würde – und was genau es damit bezweckte. Offiziell hiess es von russischer Seite, das Ziel sei es schon immer gewesen, die Region Donbass im Südosten der Ukraine zu befreien. So sagten es drei russische Generäle schon am 25. März an einem Briefing.

Angriff auf Kiew «nur Ablenkung»

Seit der Invasion haben russische Kräfte tatsächlich weitere Teile des Donbass einnehmen können, einschliesslich Teile der Hafenstadt Mariupol. Es ist deshalb nicht falsch, wenn die Generäle sagten, dass das «Hauptziel des ersten Teils der Operation» gelungen sei. Der Angriff auf Kiew aber diente demnach lediglich als «Ablenkung».

Verwüstung ausserhalb von Kiew.
Verwüstung ausserhalb von Kiew.Bild: keystone

Mittlerweile scheint aber klar, dass Russland ursprünglich vorhatte, Kiew einzunehmen, und das in kurzer Zeit. Zahlreiche Hinweise festigen dieses Narrativ: Einerseits gab es kurz vor dem Krieg eine Panne bei russischen Staatsmedien. So verkündete Ria Novosti, eine russische Nachrichtenagentur: «Die Ukraine kehrt zu Russland zurück.» Und weiter: «Glaubte wirklich jemand in den alten europäischen Hauptstädten, in Paris und Berlin, dass Moskau Kiew aufgeben würde?» Der Online-Kommentar wurde kurz darauf wieder gelöscht.

Ukrainische Soldaten behaupteten ausserdem, russische Ausgangskleidung gefunden zu haben, ein Hinweis darauf, dass die russischen Streitkräfte damit rechneten, früh einen Sieg zu feiern.

Verschiebung von Norden nach Osten

Nun ist es aber anders gekommen, hat Russland bereits grosse Verluste hinnehmen müssen. Der «Economist» zitiert einen Beamten des US-Aussenministeriums, wonach die Opferzahl auf russischer Seite bei über 10'000 liegen dürfte.

Gut informierte westliche Beobachter vermuten deshalb, die Entscheidung zum Rückzug sei eine strategische, um weitere Verluste zu vermeiden – und keineswegs eine grosszügige Geste, so der «Economist». Aber es sei auch kein weitsichtiger Plan. Es sei eher eine vernichtende Niederlage.

Ukrainische Soldaten am Stadtrand von Kiew.
Ukrainische Soldaten am Stadtrand von Kiew.Bild: keystone

Beobachter des Institute for the Study of War bestätigten derweil, dass Russland tatsächlich Teile seiner Truppen um Kiew abzieht, um sie in die Ostukraine zu verlegen. Das sagte am 1. April auch ein Militäranalyst des Conflict Intelligence Team (CIT), einer Investigativgruppe, gegenüber der deutschen «Tagesschau». Das CIT schätzt, dass die russische Armee mit den relokalisierten Truppen aus Kiew und anderen Orten die ukrainischen Truppen im Donbass zahlenmässig übertreffen würde, eventuell sogar mit über 50 Prozent.

Neues Ziel: Isolation?

Mehrere Analysten und Beobachter finden es deshalb plausibel, dass Russland sich nun im Osten ein neues strategisches Ziel gesteckt hat. Einerseits sollen dabei mit den verstärkten Truppen aus Kiew die ukrainischen Truppen in Mariupol besiegt werden. Mariupol ist ein strategisch wichtiger Hafen, um die Landverbindung bis zur Halbinsel Krim zu sichern.

Andererseits könnte es das Ziel sein, die sogenannte Joint Forces Operation (JFO) der ukrainischen Armee einzukesseln. Die JFO gehört zu den besten Einheiten der Armee: Sie sind sehr gut ausgerüstet und trainiert – und vor allem kriegserprobt. Wie viele dieser Kräfte in der Region Donbass noch stationiert sind, lässt sich schwer sagen. Schätzungen des «Economist» belaufen sich auf etwa 40 Prozent der gesamten ukrainischen Armee.

Im Falle einer Kontrolle von Mariupol wäre es möglich, dass sich die russischen Truppen von der Hafenstadt, also vom Süden aus, mit den Truppen aus dem Norden von der Stadt Charkiw aus zusammenschliessen und so die ukrainischen Truppen einkesseln. Hinzu kämen noch die russischen Separatisten aus der östlichen Grenze zu Russland. Diese seien nämlich unlängst mit mehr Kriegsmaterial ausgestattet worden, sagte kürzlich ein Forschungsanalyst des britischen Thinktanks Royal United Services Institute.

Weniger Truppen bei Verteidigung von Kiew

Ein Verlust der JFO-Truppen könnte aufgrund ihrer Stärke und ihres hohen Anteils an der ukrainischen Armee fatal sein. Er könnte Putins Armee die nötige Basis geben, um entlang der Küste am Schwarzen Meer weitere Gebiete zu erobern, vielleicht sogar, um den ganzen Küstenstreifen zwischen dem Donbass und der Krim zu kontrollieren. Nicht zuletzt könnte ein russischer Sieg über die JFO sogar Kiew wieder in den Fokus rücken: Ukrainische Kräfte wären stark demoralisiert – und ohne die Hilfe der JFO könnte ein Angriff auf die Hauptstadt um einiges erfolgreicher werden als bis anhin.

Russland habe die Kräfte, um die JFO einzukesseln und zu brechen, so der Forschungsanalyst. Und der Fakt, dass sie offenbar methodischer zu agieren scheinen, sei sehr beunruhigend. So weit ist es zwar noch nicht. Die starken Verluste auf russischer Seite drücken auf die Moral, und Russland müsste seine Angriffsposition verstärken – worauf sich die Truppen weiter angreifbar machten. Und der Vorteil liegt in diesem Krieg bis anhin bei den verteidigenden Kräften.

Mit der neuen Strategie mache es sich Russland aber einfacher, so der «Economist», das Gesicht zu wahren: Sind sie im Donbass erfolgreich, kann das geänderte Narrativ zur Anwendung kommen. Russland könnte argumentieren, den Donbass «befreit» zu haben – und somit seine «Spezial-Operation» als vollumfänglich erfolgreich bezeichnen. Sollten die russischen Truppen allerdings einen klaren Sieg im Donbass anstreben und scheitern, müsste Russland ein gänzlich neues Ziel erfinden, das «von Anfang an die Absicht war».

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43 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Liebu
01.04.2022 17:59registriert Oktober 2020
Russland könnte argumentieren, den Donbass «befreit» zu haben – und somit seine «Spezial-Operation» als vollumfänglich erfolgreich bezeichnen

Putin kann argumentieren wie er will. Er wird auch eine Niederlage in einen Sieg verwandeln. Die Opfer werden Helden sein, der Preis war es Wert usw.
Dieser unsägliche Angriffskrieg wird schöngeredet, obwohl es für beide Seiten und die Zivilisten erst recht der reinste Horror ist.
Ich hoffe noch immer, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden für ihre Taten und Befehle.
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Pbel
01.04.2022 18:52registriert April 2017
Dafür müssten die Russen ihre Truppen im Norden erst abziehen können. Im Nordwesten von Kiew scheinen die Ukraiener einen Block russische Streitkräfte eingekesselt zu haben. Im Hinblick darauf, dass die Truppen in den Osten verschoben werden können, würde ich verstehen, wenn man diese nicht einfach abziehen lässt
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Franz v.A.
01.04.2022 20:45registriert August 2019
Was mir richtig Sorgen macht, ist die Söldnertruppe Wagner! Das sind alles Auftrags Mörder mit Kriegserfahrung, gut gerüstet und Ausgestattet. Diese Mörderbande ist absolut rücksichtlos.
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