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Was nach der Verurteilung mit der US-Basketballerin Brittney Griner geschieht

Der Fall Brittney Griner bewegt. Am Donnerstag wurde die Top-Basketballspielerin aus den USA in Russland wegen ein paar Tropfen Haschischöl zu neun Jahren Haft verurteilt. Muss sie nun ins Straflager?
05.08.2022, 13:2805.08.2022, 13:31
Daniel Fuchs / ch media

Entsetzen und Trauer: So reagierten die Teamkolleginnen von US-Basketballstar Brittney Griner am Donnerstagabend vor einem Spiel an der US-Ostküste. Kurz vor dem Match in der Frauen-Basketballliga zwischen Griners Team, den Phoenix Mercury, und den Connecticut Sun, verkündete das Gericht in einem Vorort Moskaus sein Verdikt und verurteilte die 31-jährige Brittney Griner zu neun Jahren Haft.

Vor der Urteilsverkündung am Donnerstag: Brittney Griner zeigt vor Gericht ein Foto ihres russischen Basketballteams Yekaterinburg.
Vor der Urteilsverkündung am Donnerstag: Brittney Griner zeigt vor Gericht ein Foto ihres russischen Basketballteams Yekaterinburg.Bild: keystone

«Niemand wollte spielen heute. Wie sollen man denn überhaupt bereits sein für ein solches Spiel, wenn das ganze Team vorher weinen musste?», fasste die Mercury-Spielerin Skylar Diggins-Smith die Stimmungslage in ihrem Team zusammen.

«We are BG» – «wir sind Brittney Griner», steht auf den Shirts dieser Spielerinnen und Fans am Donnerstagabend vor einem Spiel in den USA.
«We are BG» – «wir sind Brittney Griner», steht auf den Shirts dieser Spielerinnen und Fans am Donnerstagabend vor einem Spiel in den USA.Bild: keystone

Brittney Griners emotionales Statement vor Gericht

Die Mercury-Spielerinnen sahen im Fernsehen mit an, wie ihre in Russland inhaftierte Mitspielerin Griner selbst mit den Tränen kämpfen musste, als sie vor dem Urteil die russische Richterin anflehte, Milde walten zu lassen und ihr Leben «nicht hier zu beenden» für den «wahrhaftigen Fehler», den sie begangen habe.

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Brittney Griner wurde am 17. Februar dieses Jahres, also eine Woche vor Einmarsch Russlands in der Ukraine, bei ihrer Einreise nach Russland verhaftet, weil Beamte in ihrem Gepäck eine kleine Menge Haschischöl fanden. 0,5 Gramm sollen es gewesen sein, unter Sportlerinnen und Sportlern ist die Substanz weit verbreitet und in Griners Heimat ist sie legal. In Russland aber gehört sie zu den verbotenen Substanzen. Griner erklärte, sie habe das Fläschchen aus Versehen eingepackt.

Gegenüber der «New York Times» sagte die Basketballerin Jonquel Jones, die wie Griner neben ihrem US-Engagement in Russland für das Frauenteam der russischen Stadt Yekaterinburg spielt, um so das im Vergleich zum Männerbasketball bescheidene Gehalt aufzupeppen, sie hätte nie erwartet, dass so etwas passieren würde.

Erst nach Griners Verhaftung habe sie überhaupt erfahren, dass Haschischöl in Russland verboten sei. «Wir fühlten uns hier immer sicher, man behandelte uns wie Profis und ich habe nun realisiert: Genauso gut, wie es sie getroffen hat, hätte es mich treffen können.»

Der harte Weg ins Straflager

Griner wurde nach dem Richterspruch in die Zelle gebracht, in der sie seit ihrer Verhaftung auf ihren Prozess wartete. Ihre Anwälte haben Berufung angekündigt. Nichtsdestotrotz wird Griner wohl schon bald in ein Straflager für Frauen versetzt. Wie sie dorthin kommt und was sie dort erwartet, zeigt das Beispiel Paul Whelan.

Whelan ist ein weiterer US-Amerikaner, der in Russland inhaftiert ist und dessen Festhaltung die Amerikaner als widerrechtlich betrachten. Gegenüber USA Today schilderte dessen Bruder, was nach Whelans Verurteilung 2018 vor sich ging.

Zwischen Verurteilung und Transport zum Bestimmungsort verging rund ein Monat. «Mein Bruder kam zuerst auf eine Art Quarantänestation – danach verlor sich für ein paar Tage jede Spur von ihm. Wir hatten keine Ahnung, wie es ihm geht und wo er sich befand.» Die russischen Behörden liessen Whelans Angehörige im Dunkeln.

Später schilderte Paul Whelan aus einem Straflager in Sibirien, er hätte sich für Wochen im Gefängniszug befunden auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort. Der fensterlose Waggon raube den Inhaftierten jegliche Orientierung.

Paul Whelan 2020 vor einem Gericht in Moskau.
Paul Whelan 2020 vor einem Gericht in Moskau.Bild: keystone

Oppositioneller gab Einblick ins Straflagerleben

Im Straflager selbst, die meisten von ihnen stammen aus den 1970ern und stehen wie die ehemaligen Gulags in den abgelegenen Gebieten Sibiriens, sind die Bedingungen hart. Bereits eine Erkrankung kann lebensgefährlich sein.

In einem schriftlichen Austausch mit der «New York Times» beschrieb Russlands bekanntester Oppositioneller Alexej Nawalny, selbst in einem Straflager inhaftiert, dass Häftlinge heutzutage eher psychischer denn physischer Gewalt ausgesetzt seien. So müsse er zum Beispiel täglich bis zu acht Stunden russische Propagandafilme anschauen. «Nicht einschlafen, schauen!», würden die Wärter brüllen.

Die Regierung Biden möchte sowohl Griner als auch Whelan in einem Gefangenenaustausch freibekommen. Washington hat dem Kreml den in den USA inhaftierten Waffenschieber Viktor Bout angeboten. Der Kreml fordert offenbar auch die Freilassung des in Deutschland inhaftierten «Tiergarten-Mörders». In manchen früheren Fällen wurde ein Gefangenenaustausch überhaupt erst möglich, nachdem ein Urteil vorlag.

Brittney Griners Familie, Teamkolleginnen und Fans hoffen, dass es bald zu einer Freilassung kommt. 42 Sekunden, Griner trägt auf dem Basket-Court die 42 auf ihrem Shirt, lagen sich am Donnerstagabend Spielerinnen beider Mannschaften, Trainerinnen und Schiedsrichter unter Tränen in den Armen und gedachten ihrer Mitspielerin.

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Dieses angeblich russische Propaganda-Video sorgt für Verwirrung

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113 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Epok
05.08.2022 13:52registriert November 2019
Dass man heutzutage immer noch für ein wenig Drogen jahrelang im Gefängnis landen kann (nicht nur in RU) ist ein Skandal. Dass private Bürger als politisches Tauschpfand eingesetzt werden ebenso.
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Mr. Feinripp
05.08.2022 14:16registriert März 2022
Bei Drogenbesitz bei Ausländern und Touristen verstehen so viele Staaten keinen Spaß, nicht nur Russland. Da gibt es hinreichend viele Horrorstories. Trotzdem frage ich mich ob die 9 Jahre "normal" in Russland sind, oder ob da ein paar Jahre politisch motiviert sind.
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josh89
05.08.2022 14:03registriert Januar 2018
Bevor man sich aus welchen Gründen auch immer in einen der leider zahlreicher werdenden Unrechtsstaaten dieser Welt begibt, muss man zum einen überlegen, ob es das Risiko wirklich wert ist und wenn ja, dann sollte man besondere Vorsicht walten lassen. Hoffentlich ist es möglichst vielen Menschen eine Lehre. Für BG tut es mir leid...
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